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Lebensmittelpreise: Interview mit Xenia Matschke aus Trier

Ernährung : Lebensmittel und ihr Preis: Was läuft da schief?

Verbraucher hätten die Möglichkeit, das Leben von Landwirten und Nutztieren zu verbessern. Kleinbauern können überleben, wenn sie sich eine Nische suchen und auf Qualität setzen. Aber warum sind Nahrungsmittel in Deutschland überhaupt so billig?

In kaum einem anderen Land sind Lebensmittel so billig wie in Deutschland. Viele Schweinehalter bekommen für ihre Tiere derzeit allerdings nicht einmal so viel Geld, dass sie davon das Futter bezahlen könnten. Auch Preise für andere Lebensmittel sind so niedrig, dass ihre Erzeuger ans Aufhören denken. Wie kommt das überhaupt? Was läuft da schief? Wie viel Macht haben Verbraucher? Mit der Trierer Wirtschaftsprofessorin Xenia Matschke hat unsere Redakteurin über eine Branche gesprochen, die die Geiz-ist-geil-Mentalität ebenso bedienen muss wie den Wunsch vieler Deutscher nach mehr Tierwohl.

Wer ist schuld, Frau Prof. Matschke? Verbraucher, die zu Billigwaren greifen? Handelsketten, die sich Preisschlachten liefern? Bauern, die weiter auf Masse setzen? Eine Politik, die mit dazu führte, dass Eifeler Landwirte auf Exporte nach China angewiesen sind?

Xenia Matschke: Die Suche nach einem Schuldigen ist müßig, weil es ihn nicht gibt. In der Tat ist der Preis für Schlachtschweine sehr niedrig. Ende Dezember war der Kilopreis unter 1,20 Euro gefallen. Im Februar stieg er, bleibt aber deutlich im Minus verglichen mit dem Vorjahr. Wir haben so viele Schlachtschweine in Deutschland, weil asiatische Länder wegen der Afrikanischen Schweinepest einen Importstopp verhängt haben. Auch wegen der Corona-Krise ist die Nachfrage gesunken, seit Hotels und Gaststätten ausfallen. Das drückt auf die Preise. Auch bei anderen Lebensmitteln wie Milch ist der Grund für niedrige Preise oft ein Angebotsüberschuss.

Das gute alte Prinzip von Angebot und Nachfrage?

Matschke: Ja, sicher. Wenn Nachfrage wegfällt, dann sinkt der Preis. Gleichzeitig können die Schweinezüchter schlecht schnell reagieren. Als die Nachfrage noch hoch war, haben sie entschieden, mehr Tiere großzuziehen. Bis so ein Schwein schlachtreif ist, vergehen ab Geburt etwa sechs Monate, hinzu kommt die Tragzeit. Wenn sich währenddessen die Marktlage ändert, kann der Züchter nicht viel mehr tun, als die Schweine noch nicht schlachten zu lassen. Das hat höhere Futterkosten zur Folge, kann aber auch zu Einbußen bei der Qualität und zu niedrigeren Preisen führen. Verglichen mit den Vorjahren war 2020 die Zahl der Schlachtungen in der EU außergewöhnlich niedrig, aber wohin dann mit den Tieren? Diese mangelnde Flexibilität liegt in der Natur der Schweinezucht – und in der ökonomischen Theorie sind daher „Schweinezyklen“, also dieses Auf und Ab der Preise mit Wechsel zwischen unterschiedlichen Markt­ungleichgewichten, sprichwörtlich.

Wie viel Macht habe ich denn als Verbraucher?

Matschke: Das kommt auf das betrachtete Gut an. Gerade der Markt für Schweinefleisch ist ein sehr internationaler Markt, in dem Spekulanten mitmischen. Die kleine Nachfrage des einzelnen Verbrauchers bewegt da nicht viel, aber die Verbraucher insgesamt haben mit ihrem Verhalten durchaus Einfluss.

Wenn ich sage: Ich bin bereit, zehn Cent mehr für meine Milch zu bezahlen, damit der Bauer besser über die Runden kommt, interessieren sich Handelsketten für so etwas?

Matschke: Diese Bereitschaft können Sie einfach im Laden durch Ihr Kaufverhalten signalisieren. Wenn Sie in den Supermarkt gehen, dann sehen Sie doch Milch zu sehr unterschiedlichen Preisen. Sie können für einen Liter Vollmilch 70 Cent zahlen, aber auch das Doppelte. Es ist davon auszugehen, dass diese Unterschiede nicht völlig von den Handelsketten abgeschöpft werden, sondern sich auch auf die Einnahmen der Milchbauern auswirken. Wer mit besserer Qualität oder glück­licheren Kühen wirbt, ist auch in der Lage, höhere Preise durchzusetzen. Vorausgesetzt, es gibt Kunden mit höherer Zahlungsbereitschaft.

Übrigens gab es vor einigen Jahren Versprechungen im Handel, einen Preisaufschlag an die Produzenten abzugeben. Es blieb bei einer Marketingmaßnahme. Der Verbraucher kann ja kaum nachvollziehen, an wen das Geld fließt.

Lidl hatte als Reaktion auf Bauernproteste kurzfristig die Fleischpreise gehoben – und dann wieder gesenkt, weil keiner mitzog und die Kette sich im Nachteil sah. Warum ist das Experiment gescheitert?

Matschke: Genau aus dem Grund, dass niemand mitgezogen hat. Wenn das Fleisch nur bei Lidl teurer wird, dann kauft man eben mehr Fleisch bei Aldi, nur als Beispiel.

Was wäre denn ein Hebel, um höhere Preise durchzusetzen – um zu verhindern, dass immer mehr Landwirte aufgeben …?

Matschke: Der Hebel für höhere Preise ist bessere Qualität, mit der man sich von den Billigprodukten abhebt. Der Kleinbauer kann bezogen auf die Effizienz nicht mit industriell produzierenden Betrieben mithalten, wobei auch die konkurrenzfähigen Bioproduzenten keineswegs kleinbäuerliche „Kuschelzoos“ sind, wie dies oft unterschwellig vermittelt wird. Es ist illusorisch zu glauben, dass man durch verordnete hohe Preise den kleinen Bauern hilft. Man hilft dadurch den Großbetrieben, die so ihren Gewinn steigern, während der Effekt für die Kleinbauern im besten Fall eine Verzögerung der Betriebsschließung ist.

Was also müssen kleinere Bauern tun, um zu überleben?

Matschke: Wenn sie auf dem Markt überleben wollen, dann müssen sie dafür sorgen, dass sich ihre Produkte von denen der Massenhersteller unterscheiden: durch bessere Qualität, durch bessere Lebensbedingungen der Tiere, durch besseren Landschafts- und Umweltschutz. Und diese bessere Qualität muss nachweisbar sein, damit die Verbraucher wissen, warum sie einen höheren Preis zahlen. Ein guter Draht zum lokalen Lebensmittelhandel ist dafür wichtig, und viele Bauern setzen auch auf Direktverkauf, so dass sich die Kunden vor Ort selbst anschauen können, wie und wo die Lebensmittel produziert werden. Ein Direktverkauf setzt freilich eine hinreichend große und stabile Nachfrage im örtlichen Umfeld voraus, um gut existieren zu können.

Man sieht in Supermärkten, wenn auch vielleicht nicht bei Aldi oder Lidl, Milchprodukte von lokalen Bauern. Ich habe den Eindruck, dass dieses Konzept ankommt. Aber es verlangt Bauern einiges an Marketing-Talent ab. Nicht jeder ist dazu willens oder in der Lage.

Was halten Sie von der geplanten Tierwohlkennzeichnung für Fleischprodukte?

Matschke: Eine Kennzeichnung dient der Transparenz und ist zu begrüßen. Allerdings müssen auch stichprobenartige Kontrollen stattfinden, um sicherzustellen, dass die Kennzeichnungen wahrheitsgemäß sind. Dies betrifft gerade auch Fleischimporte.

Wie beurteilen Sie Julia Klöckners Pläne, Investitionen in Tierwohl über eine Fleischsteuer zu subventionieren?

Matschke: Subventionen, die nur an Bauern gehen, die bisher nicht fürs Tierwohl investiert haben, sind wettbewerbsverzerrend für die Bauern, die bereits vorher solche Investitionen getätigt haben. Eine Fleischsteuer pro Kilo oder auch eine höhere Mehrwertsteuer, die dazu dient, die Subventionen zu finanzieren, würde zwar den Preis erhöhen, den der Verbraucher zahlen muss. Aber durch den zu erwartenden Nachfragerückgang wird der Nettopreis, den die Produzenten erhalten, sinken.

Es besteht hier wirklich die Gefahr, dass sowohl die Subventionierung als auch die Finanzierung der Tierwohl-Maßnahmen genau zu Lasten der Bauern geht, die bereits jetzt tierfreundlich produzieren.

Man merkt oft erst im Urlaub, wie billig Lebensmittel in Deutschland sind. Teils zahlt man in Ländern, wo die Menschen deutlich geringere Einkommen haben, viel mehr Geld. Woran liegt das?

Matschke: Das liegt interessanterweise oft gar nicht daran, dass die Produzentenpreise bei uns niedriger sind, sondern daran, dass die Einzelhandelsmargen – also der Unterschied zwischen Verkaufs- und Einkaufspreis – bei uns niedriger sind. So hatte Walmart, ein großer Billig­supermarkt aus den USA, ja Ende der 1990er Jahre den Plan, den deutschen Lebensmittelhandel aufzumischen. Das ist gründlich daneben gegangen. Die Kette hat den deutschen Markt 2006 wieder verlassen, weil sie nicht mithalten konnte.

Sind die Deutschen so geizig?

Matschke: Nein, das würde ich so nicht sagen. Viele haben keine Lust, für etwas mehr zu zahlen, was man auch billiger haben kann. Das ist doch natürlich. Die Luxemburger kommen auch zu uns, um Lebensmittel zu kaufen, weil sie hier viel billiger sind. Der Kauf von Bioprodukten und auch der Kauf direkt auf dem Bauernhof sind bei uns populär geworden, und die Waren dort sind nicht billig. Das hat übrigens keineswegs allein mit höheren Produktionskosten zu tun, sondern auch mit der Möglichkeit, die höhere Zahlungsbereitschaft abzuschöpfen. Das ist nichts Unanständiges, insbesondere wenn der Kunde danach zufrieden mit einem guten Gewissen nach Hause fährt.

Wie kommt es, dass der Lebensmitteleinzelhandel so viel Macht hat?

Matschke: Erstens ist er recht konzentriert. Laut Statista lagen 2019 sowohl der Marktanteil der Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland) wie auch von Aldi bei gut 16 Prozent. Man sollte aber nicht übersehen, dass Edeka, also ein Zusammenschluss von selbstständigen Kaufleuten, 2019 bei fast 27 Prozent stand, verglichen mit einem Tiefststand von 23,5 im Jahr 2017. Gerade für die nicht so großen landwirtschaftlichen Betriebe ist es einfacher, Zulieferer für solche Einzelkaufleute zu werden als sich bei Lidl oder Aldi anzudienen. Das sind dann doch eher die Großbetriebe, die mit Discountern zusammenarbeiten.

Gibt es in einer freien Marktwirtschaft Hebel, in die Preispolitik der Handelsketten einzugreifen?

Matschke: Wir haben in Deutschland nicht wirklich eine freie Marktwirtschaft, und der Idealtypus der freien Marktwirtschaft, bei der der Staat die Regeln des Marktes setzt, sich dann aber weitgehend heraushält, ist immer weniger zu finden. Wenn es zu Missbrauch von Marktmacht käme, dann könnte man über Wettbewerbsrecht eingreifen, aber es ist zweifelhaft, dass so ein Missbrauch durch die Handelsketten vorliegt. Der Lebensmitteleinzelhandel steht in sehr starkem Wettbewerb, was die niedrigen Lebensmittelpreise erklärt. Die Kunden können ohne Problem von einem Anbieter zum anderen wechseln, wenn sie Preisunterschiede bemerken. Die Marktmacht einzelner Einzelhändler ist bei der Beschaffung sicher stärker, aber auch da haben die größeren Lebensmittelproduzenten genügend Marktmacht, um nicht unter die Räder zu kommen.

Und die Kleinen?

Matschke: Die haben eher Probleme, weil sie nicht viel Marktmacht besitzen. Das lässt sich aber nicht durch staatliche Eingriffe, wie Absatzpreisgarantien, lösen. Man hat das früher in der EU-Agrarpolitik versucht, und das Ergebnis war, dass die großen Anbieter viel mehr profitiert haben als die kleinen. Gleichzeitig entstanden Milchseen und Butterberge, die dann, weil die Einlagerung teuer ist, oft vernichtet oder im Ausland zu Dumpingpreisen verschleudert wurden – was die Landwirtschaft in Entwicklungsländern geschädigt hat.

In Trier gibt es Supermärkte, da bekommt man an der Frischtheke nur noch Biofleisch. Was halten Sie davon?

Matschke: Nicht so viel. Es gibt sicher gar nicht wenige Kunden, die lieber Fleisch an der Theke als abgepackt aus dem Kühlregal kaufen, auch weil man mengenmäßig viel flexibler ist. Durch die Einschränkung im Angebot ist die Gefahr groß, dass diejenigen, die nicht Bio kaufen möchten, dann abgepacktes Fleisch kaufen, das besonders häufig von Großproduzenten stammt.

Welche Strategie würden Sie Bauern empfehlen: Im globalen Markt mitmischen und dabei mal von Asien profitieren und mal unter Asien leiden? Auf regionale Vermarktung setzen? Auf Bio umsatteln?

Matschke: Für Großbetriebe ist es sicher keine schlechte Idee, international tätig zu sein. Für die kleinen Bauern bietet sich das nicht an. Da sollte man tatsächlich auf regionale Vermarktung und auch Bioangebot setzen oder andere Nischen erobern, wie Landschaftspflege oder einen Mix aus Einkaufs- und Freizeiterlebnis. Tatsächlich scheinen die „Nischen“ größer zu werden, wobei mit wachsender Bedeutung auch große Anbieter aufmerksam werden. Jeder muss da ein eigenes Rezept finden.

Landwirte äußern die Befürchtung, dass die immer strengeren Tierschutz- und Umweltauflagen eines Tages dazu führen, dass Schweinefleisch aus China importiert wird, wo Tiere unter Bedingungen, die man hier nun abschaffe, in siebenstöckigen Hochhäusern gehalten werden. Für wie realistisch halten Sie solche Szenarien?