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Landespolitik: Leid von lesbischen Müttern: Studie durchbricht Schweigen

Landespolitik : Leid von lesbischen Müttern: Studie durchbricht Schweigen

Die Liebe zu einer Frau hat Mütter bis in die 1970er Jahre um das Sorgerecht für ihre Kinder gebracht. Die Mainzer Familienministerin Spiegel entschuldigt sich für das Unrecht und wendet sich deswegen an den Bundestag.

In der Nachkriegszeit gab es für Frauen kaum ein Entkommen aus dem Zwang, sich in das traditionelle Rollenmodell von Ehe und Familie zu fügen. Wie viel Leid dies für Tausende von lesbischen Müttern bis weit in die 1970er Jahre hinein bedeutet hat, macht eine historische Forschungsarbeit sichtbar, die am Donnerstag in Mainz vorgestellt wurde. Dabei entschuldigte sich die rheinland-pfälzische Frauen- und Familienministerin Anne Spiegel (Grüne) für das Leid, das lesbischen Müttern und den betroffenen Kindern bei Scheidungen mit dem Entzug des Sorgerechts zugefügt wurde.

„Bis 1977 gab es eine systematische Diskriminierung von lesbischen Frauen, wenn sie sich haben scheiden lassen“, sagte Spiegel mit Blick auf die Abschaffung des Schuldprinzips im Scheidungsrecht. Die Ergebnisse der Forschungsarbeit seien „bedrückend und beschämend zugleich“. Die Studie hole lesbische Mütter aus der bisherigen Unsichtbarkeit und gebe ihnen eine späte Rehabilitation und Anerkennung, die ihnen die Gesellschaft bis heute schuldig geblieben sei. „Ich möchte als Frauen- und Familienministerin mein Bedauern ausdrücken und mich dafür bei den betroffenen Frauen, bei ihren Kindern und Familien entschuldigen.“ Den betroffenen Frauen und Kindern sei systematisches Unrecht zugefügt worden.

Die Ministerin kündigte an, sich an das Präsidium des Bundestags zu wenden und eine Entschuldigung des Bundestags anzuregen. „Das ist ein bundesweites Unrecht, das begangen wurde.“ Autorin der Studie, die von der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld und dem Institut für Zeitgeschichte München-Berlin getragen wurde, ist die Historikerin Kirsten Plötz.

Juristen stuften den gleichgeschlechtlichen Verkehr damals als „schwere Eheverfehlung“ ein. „Das Kind sollte geschützt werden vor der Außenseiterrolle der Mutter“, sagte die Autorin der Studie, die Historikerin Kirsten Plötz. „Der Wunsch und das Leid der Kinder waren nebensächlich.“ Das Schweigen und die Angst seien so groß gewesen, so dass sich das Ausmaß der Diskriminierung nicht genau feststellen lasse. Für ihre Arbeit habe sie mit 23 Zeitzeugen gesprochen, unter ihnen zwölf Mütter. „Wir müssen davon ausgehen, dass Tausende von Frauen betroffen waren.“

„Das, was hier geschehen ist, ist ein Skandal für unsere Gesellschaft“, sagte Jörg Litwinschuh-Barthel von der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, die zusammen mit dem Institut für Zeitgeschichte München-Berlin mit dem Forschungsprojekt beauftragt wurde. Viele Fragen seien noch offen, etwa die Situation lesbischer Frauen in der DDR. Die Studie zeige, „wie stark lesbische Frauen bis in jüngste Zeit Diskriminierung erfahren haben“.

Die Forschungsarbeit mit dem Titel „In ständiger Angst... Eine historische Studie über rechtliche Folgen einer Scheidung für Mütter mit lesbischen Beziehungen und ihre Kinder in Westdeutschland unter besonderer Berücksichtigung von Rheinland-Pfalz (1946 bis 2000)“ folgt einer ersten Studie über „Verfolgung und Diskriminierung von Homosexualität in Rheinland-Pfalz“ (2017). Beide Arbeiten wurden von der rheinland-pfälzischen Landesregierung mit insgesamt 70 000 Euro gefördert.

Webseite zum Forschungsprojekt