Letzte Reise eines großen Europäers

Letzte Reise eines großen Europäers

Acht Redner würdigen beim Trauerakt für Helmut Kohl in Straßburg seine Leistungen für Deutschland und Europa.

Straßburg Um kurz nach elf Uhr erklingt im Straßburger Europaparlament der Marsch aus Saul von Georg Friedrich Händel. Acht Soldaten des Wachbataillons der Bundeswehr tragen den Sarg mit den sterblichen Überresten von Helmut Kohl auf ihren Schultern in den voll besetzten Plenarsaal. Er ist eingehüllt in die sternenbesetzte tiefblaue Europafahne. Der Sarg wird dort abgesetzt, wo sonst das Rednerpult steht. Die Witwe Maike Kohl-Richter sitzt neben EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani und EU-Ratspräsident Donald Tusk. In den Reihen dahinter Weggefährten wie der ehemalige spanische Ministerpräsident Felipe Gonzalez, Parteifreunde wie sein langjähriger Innenminister Rudolf Seiters (CDU), einstige Mitstreiter, mit denen er gebrochen hatte, wie Wolfgang Schäuble (CDU), sowie heutige Funktionsträger wie der österreichische Präsident Alexander van der Bellen. Auch das deutsche Staatsoberhaupt, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, ist gekommen.
Hier in Straßburg, der zwischen den Deutschen und den Franzosen lange umkämpften Stadt, die nach 1945 zum Symbol geworden ist für die europäische Einigung, hatte Helmut Kohl 13 Tage nach dem Fall der Berliner Mauer einen historischen Auftritt, der beim Trauerakt in Erinnerung gerufen wird. Gemeinsam mit dem französischen Staatpräsidenten François Mitterrand sprach er am 22. November 1989 zu den Abgeordneten des Europaparlaments. Es war der erste gemeinsame Auftritt eines französischen Staatschefs mit einem deutschen Regierungschef überhaupt.
Kohl beschwor damals, dass in Europa eine Zeit der Hoffnung und der Solidarität anbreche. Kohl gab ein Versprechen: "Die Deutschen, die jetzt im Geist der Freiheit wieder zusammenfinden, werden niemals eine Bedrohung sein, dafür aber umso mehr ein Gewinn für die Einheit Europas."
Der Luxemburger Jean-Claude Juncker ist derjenige von den acht Rednern, der am emotionalsten wird. Er spreche jetzt nicht als EU-Kommissionspräsident. "Ich nehme Abschied von einem treuen Freund, der mich über Jahre liebevoll begleitet hat." Mit Kohl, so Juncker weiter, "verlässt uns ein Nachkriegsgigant". Straßburg sei der richtige Ort für den Abschied. Die deutsch-französische Grenzstadt sei Kohl ans Herz gewachsen. Die Trauerfeier sei "nicht undeutsch, sie ist europäisch".
Juncker erinnert daran, wie wichtig Kohl die Erweiterung der EU nach Osten war: Als 1997 die Aufnahme der Beitrittsgespräche mit Polen, Tschechien und den anderen ehemaligen Ostblockländern beschlossene Sache war, habe Kohl aus Rührung mit "tränenerstickter Stimme" das Ereignis "einen der schönsten Tage seines Lebens genannt." EU-Ratspräsident Tusk wählt seine Muttersprache Polnisch, um zu würdigen, was Kohl für das deutsch-polnische Verhältnis getan hat. Der Kanzler der Einheit sei nicht zufällig gleichzeitig Ehrenbürger Europas und Ehrenbürger von Danzig. Kohl habe immer wieder darauf hingewiesen, dass "die Werftarbeiter in Danzig diejenigen waren, die dem Warschauer Pakt die ersten Risse zugefügt haben."
Dann erklingt noch einmal die Stimme von Helmut Kohl im Plenarsaal. In seinem einprägsamen pfälzischen Tonfall tönt es aus den Lautsprechern: "Der Freiheitswille der Deutschen hat friedlich die Trennung des Vaterlandes überwunden." Der zwei Minuten lange Film "Helmut Kohl - ein großer Europäer" zeigt Schlüsselszenen aus seiner politischen Karriere wie die berühmte Geste der Völkerfreundschaft und Versöhnung, als er mit Mitterrand über den Gräbern der Gefallenen von Verdun die Hände hielt.
Der frühere US-Präsident Bill Clinton wird persönlich. Er und all die anderen ergrauten ehemaligen Staatschefs seien Kohl dankbar, weil sie mit ihm Zeuge einer historischen Zäsur, des Zusammenbruchs des Warschauer Paktes, wurden: "Kohl gab uns die Chance, bei etwas dabei zu sein, das wichtiger war als unsere Ämter." Er habe ihn "geliebt", so Clinton augenzwinkernd, "weil er die einzige Person war, die einen größeren Appetit hatte als ich".
Der französische Präsident Emmanuel Macron (39) ist mit Abstand der Jüngste unter den Trauerrednern. Vielleicht ist dies der Grund, warum er es ist, der den Blick in die Zukunft richtet. Er und Merkel hätten die Aufgabe, in der Europapolitik das Vermächtnis von Kohl umzusetzen. "Wir müssen dafür sorgen, dass das Aufbauwerk nicht seinen Geist verliert."
Angela Merkel spricht als Letzte. Sie stellt seine europapolitischen Leistungen und seine Verdienste um die Wiedervereinigung in den Vordergrund. Sie deutet an, dass ihr Verhältnis zu ihm nicht ohne Spannungen war. Viele Leute hätten sich auch an ihm gerieben, "auch ich". Als einzige Rednerin erinnert sie an Kohls erste Frau Hannelore und dankt dann seiner zweiten Frau, die "ihn liebevoll begleitet hat. Ihnen gehört mein Mitgefühl." Auch Merkel verabschiedet sich, indem sie ihren einstigen Förderer noch einmal direkt anspricht: "Lieber Bundeskanzler Helmut Kohl, ohne Sie stünde ich nicht hier."
Dann ertönt erst die deutsche Nationalhymne, dann die europäische Hymne "Ode an die Freude". Zu Takten aus der siebten Symphonie von Ludwig van Beethoven wird der Sarg dann aus dem Europaparlament feierlich herausgetragen. Der Sarg mit dem Körper von Helmut Kohl tritt symbolisch die letzte Reise an auf die andere Seite des Rheins und in seine geliebte Pfalz.