1. Region
  2. Rheinland-Pfalz

Liebe in Zeiten von Corona - Was die Pandemie mit unserem Sex-Leben anstellt

Kostenpflichtiger Inhalt: Schutz&Genuss? : Liebe in Zeiten von Corona - Was die Pandemie mit unserem Sex-Leben anstellt

Vieles spricht dafür, dass Menschen derzeit mehr Sex haben. Alleine und mit anderen. Eine Trierer Therapeutin rät Paaren, die schon lange zusammen sind, die Krise für sich zu nutzen. Von Pornos hält sie aber gar nichts ...

Und plötzlich war alles zu. Die Menschen auf sich selbst zurückgeworfen. Zwangsweise entschleunigt. Konfrontiert mit Ängsten, Bedürfnissen und ungewöhnlich viel unverplanter Zeit. Fast wie bei einem Stromausfall nur mit mehr Licht. Was soll man da schon machen?

Den Garten umgraben? Mit dem Partner im Homeoffice streiten? Wilden Sex? Zur Not alleine?

All das Gewurschtel in den Gärten ist schwer zu übersehen. Was genau die Menschheit derzeit hinter den vielen verschlossenen Türen treibt, weiß jedoch niemand, denn seriöse Studien fehlen.

Die einen fürchten einen rasanten Anstieg häuslicher Gewalt und prophezeien steigende Scheidungsraten, so wie sie in China derzeit zu beobachten sind. Andere wiederum rechnen in neun Monaten mit einem Babyboom – und wie immer liegt die Wahrheit wohl dazwischen.

Die einzige mehr oder weniger erhellende Statistik, die sich für diesen Text über Liebe in Zeiten von Corona auftreiben ließ, ist eine von deutschen Medien viel zitierte Umfrage des Sextoy-Herstellers We-Vibe. Demnach können sich 78 Prozent der 1200 liierten Befragten vorstellen, dass die Zahl der Trennungen steigt, jeder fünfte gab an, aktuell mehr Sex zu haben. Zudem verspüren Menschen derzeit offenbar mehr Lust, zu masturbieren: 54 Prozent der Paare in gemeinsamer Quarantäne und  73 Prozent der getrennt lebenden Paare gaben an, mehr Lust auf Solosex zu verspüren (der aus gesundheitlicher Sicht aktuell auch das geringste Risiko mit sich bringt, siehe Extra-Text).

Dafür, dass an den Ergebnissen der Studie was dran ist, sprechen steigende Verkaufszahlen bei vielen Erotik-Onlineshops.  Sexspielzeuge verkaufen sich derzeit besonders gut. Wie dpa berichtet, haben sich die Bestellzahlen bei dem Online-Erotikshop „Eis.de“ parallel zum Auftauchen des Coronavirus verdoppelt. Besonders beliebt seien Druckwellen-Vibratoren. Auch im Onlineshop von Orion ist gut was los. Verkaufs-Hits seien ein Vibrationskissen und ein vom Partner per Fernbedienung (also mit locker mehr als 1,5 Meter Abstand) steuerbarer Paarvibrator, berichtet die Nachrichtenagentur.

Pornos erfreuen sich derzeit ebenfalls großer Beliebtheit. So erzählt Erika Lust, Produzentin feministischer Pornos, dass 20 bis 30 Prozent mehr Menschen ihre Filme abrufen als sonst. Das Erotikfilm-Portal „Pornhub“ hat indes verkündet, dass Premium-Zugänge wegen der Coronakrise weltweit bis zum 23. April kostenlos zugänglich sein sollen. „Also genießt es, bleibt zu Hause und bleibt gesund“, schreibt das Unternehmen.

„Pornos, das taugt alles überhaupt nichts“, sagt die Triererin Nelly Stockburger, Sexualtherapeutin im Ruhestand.  Was man da sehe, seien schädliche Klischees. Bei Sex gehe es nicht ums Übereinanderherfallen. Nicht darum, sich voller Gier im Aufzug gegenseitig die Kleider vom Leib zu reißen.

Die Psychologin glaubt, dass die Corona-Krise Paaren, die schon länger zusammen sind, auch die Chance geben kann, ihre Sexualität zu pflegen und neu zu beleben. Aber dann müsse man sich vom Sex, der wie im Porno vollzogen wird, von einem Programm, das es abzuspulen gilt, verabschieden. „Man ist so weder bei sich noch bei dem anderen. Man spürt einander nicht“, sagt Stockburger, die sich beruflich jahrzehntelang intensiv mit Paaren und deren Problemen beschäftigt hat.

„Das wichtigste an gutem Sex ist die Fähigkeit, sich einzulassen“, sagt sie. Glücklicher Sex, das sei eine Begegnung. Und die finde nach langen Jahren der Beziehung immer seltener statt. „Das ist schade. Bei Sex wird eine Beziehungsdroge ausgeschüttet und wenn man es nicht tut, dann hat man total viele Nachteile“, sagt Stockburger. Nicht nur wegen der Glücksgefühle und der Entspannung, die Orgasmen mit sich bringen, sondern auch für die Beziehung sei Sex wichtig, schaffe er doch ein Gefühl von Zugehörigkeit und Solidarität.

Paaren, die den ersten Rausch der Liebe hinter sich haben, rät sie daher, die viele Zeit, die sie aktuell haben, auch dazu zu nutzen, sich wieder aufeinander einzulassen. Ein köstliches Essen schön angerichtet in einem hübschen Raum, Blumen, Musik, gegenseitige Massagen ... „mal alle Sinne aktivieren und sich richtig Zeit nehmen“, rät die Triererin. Sich selbst wahrnehmen, dem Du voller Respekt begegnen „und sich daran erfreuen, dass man einander gut tut“.

Umsatzzahlen zeigen allerdings: Nicht alle Deutschen müssen erst zum Sex ermuntert werden. Und nicht nur die Franzosen hamstern Kondome. So bemerkt der Fabrikant Ritex das Voranschreiten der Pandemie in Deutschland deutlich: „Wir verzeichnen einen drastischen Umsatzanstieg bei den Kondomen“, teilt eine Sprecherin mit. Die Umsätze hätten sich fast verdoppelt. Großpackungen und Gleitgel seien besonders gefragt.

Tja, und was ist mit den Singles? Die haben es aktuell schwer. Denn selbst wenn sie jetzt, wo da draußen alles zu ist, jemanden kennen lernen, wären Treffen in Zeiten von Corona nicht ratsam.

Stockburger hält es eh für wenig hilfreich, sich in der Einsamkeit auf die Suche nach Neuem zu machen. Schon gar nicht mit Dating-Apps, bei denen man andere nach optischen Gesichtspunkten aussortiere ... „Man kann Menschen nicht konsumieren. Den Weg zum Du muss man gehen“, sagt sie. Besser sei es, jetzt in der Krise alte Freundschaften aufzufrischen. Sex ist schließlich nicht alles.