Mehr Demografie wagen

Was tun, wenn die Bevölkerung immer älter wird, aber zu wenige nachwachsen, die die Renten erarbeiten, sich um die Pflege kümmern, die Firmen- und Praxisnachfolge antreten oder Omas ihr klein\' Häuschen übernehmen? Die Politiker sind ratlos, aber sie pfeifen im dunklen Wald.

Trier. Zumindest auf einem Sektor sorgt der demografische Wandel für Wachstum: beim Papierverbrauch. Wer an diesem Morgen in der Europäischen Rechtsakademie alle Broschüren zum Thema mit nach Hause nehmen wollte, müsste sich schon mit einem Einkaufswagen bewaffnen. Sozialorganisationen und Wirtschaftsverbände, Erfinder und Ehrenamtsagenturen, Pflegedienste und Fachhandwerker: Sie alle machen sich reichlich Gedanken um die alternde Gesellschaft.Dräuende Unannehmlichkeiten


Auch der Normalbürger hat meist etwas davon mitbekommen, dass in Sachen Bevölkerungsentwicklung Unannehmlichkeiten dräuen. Sogar im schönen Rheinland-Pfalz, wie eine Studie der Landesregierung im Frühjahr nachwies. Aber die Bürger haben auch klar gesagt, was sie von der Politik erwarten: Dass möglichst alles beim Alten bleiben soll, der Doktor und Tante Emma wieder im Dorf angesiedelt, die Straßen und der ÖPNV verbessert werden, die Schulen erhalten bleiben. Und das bitte ohne zusätzliche Abgaben und tunlichst auch ohne die Ansiedlung von Ausländern.
Mit schmerzhaften Vorschlägen zur Anpassung der Lebensverhältnisse an die zu erwartenden Realitäten kann ein Politiker angesichts solcher Erwartungshaltungen keinen Blumentopf gewinnen. Vielleicht erklärt das den Eiertanz des Demografie-Ministers. Alexander Schweitzer mahnt einerseits, der demografische Wandel sei "kein weiches Wohlfühlthema", sondern ein hartes Problem, bescheinigt dann aber wiederum den Rheinland-Pfälzer eine "ausgeprägte Sensibilität" und betont- wie der Trie rer OB Klaus Jensen - die "Chance", die im demografischen Wandel stecke. Was sollen sie auch sagen? Zeichnen sie die Zukunft gar zu düster, will das Volk vom Thema Demografie überhaupt nichts mehr hören. Spielen sie die Gefahren zu weit herunter, kapiert niemand mehr die Notwendigkeit von Veränderungen.Wandel unumkehrbar


Wissenschaftler wie Steffen Kröhnert haben es da einfacher. Der Soziologe vom angesehenen Berlin-Institut ist keiner der Demografie-Alarmisten, die überall Katastrophen prognostizieren. Und doch sind die Erkenntnisse, die er in Trier darlegt, eindeutig: Die Verschiebungen in der Bevölkerungsstruktur sind in den nächsten Generationen nicht mehr umkehrbar. Es wird einen Berg von Rentnern geben, mit einem wachsenden Anteil Pflegebedürftiger. Die Bewegung aus der Fläche in die Städte wird anhalten. Gleichzeitig schrumpft die arbeitende Bevölkerung - eine "historisch neue Situation", wie Kröhnert es formuliert.
Angesichts dieser Entwicklung, sagt der Sozialwissenschaftler, sei es Zeit, sich von überhöhten infrastrukturellen Standards zu verabschieden und "regionale Unterschiede zu akzeptieren". Vom Wissenschaftlichen ins Politische übersetzt: Der Anspruch der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse überall im Land ist nicht zu halten.
Es wäre der Punkt, an dem die Diskussion bei dieser Auftaktveranstaltung beginnen müsste. Aber der Minister applaudiert dem Wissenschaftler nur freundlich, geht aber mit keinem Wort auf dessen Thesen ein, die im eklatanten Gegensatz zur Linie der Landesregierung stehen, die Infrastrukturen "dort hinzubringen, wo die Leute sie haben wollen" (Schweitzer).Engagierte Einzelprojekte


Stattdessen lauscht man den munteren Berichten von Oberbürgermeistern und Landräten, die ebenso engagierte wie lobenswerte Projekte vorstellen: Mehrgenerationenhäuser, Gemeindeschwestern auf Minijob-Basis und vieles mehr. Zur Nachahmung empfohlen. Aber ein bisschen wirkt das auch wie der Versuch, die Titanic vor dem Sinken zu bewahren, indem man mit dem Kaffeelöffel das Wasser aus dem Bug herausschöpft. "Es gibt nicht für jeden Ort eine Zukunft", schreibt der Wissenschaftler den Politikern am Ende noch einmal ins Stammbuch. Aber die tun lieber so, als lösten sich alle Probleme in Wohlgefallen auf, wenn man nur ein bisschen zusammenhält. Die Demografiewoche solle "Optimismus atmen", sagt der Minister strahlend in seinem Schlusswort.
Die Titanic ist seinerzeit übrigens nicht wegen mangelnden Einsatzes der Passagiere untergegangen. Sondern weil man auf der Kommandobrücke in grenzenlosem Optimismus die Größe des Eisbergs unterschätzt hatte, der da auf der Strecke lag.Extra

Durch den demografischen Wandel ändert sich die Bevölkerungsstruktur. Zwei Entwicklungen kreuzen sich: Die Menschen werden älter, aber sie setzen weniger Kinder in die Welt. Konsequenz: Die Alterspyramide kehrt sich um. In mehreren gesellschaftlichen Bereichen ergeben sich daraus Probleme. Etwa bei der Rentenversicherung, die bei uns als generationsübergreifender Sozialpakt angelegt ist, bei dem die aktiv Arbeitenden mit ihren Beiträgen die Renten finanzieren. Ein großes Problemfeld ist auch die Pflege, bei der immer mehr Pflegebedürftige immer weniger Pflegekräften gegenüberstehen. Schwierig für Wirtschaft und Wachstum ist, dass sich die Zahl der qualifizierten Arbeitskräfte weiter verringert. Vielen ländlichen Gebieten droht das Ausbluten, weil zu wenige Menschen dort leben, um die Infrastrukturen zu erhalten. DiL