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Mehr Inklusion von Anfang an: Rheinland-Pfalz will von Schweden lernen

Mehr Inklusion von Anfang an: Rheinland-Pfalz will von Schweden lernen

Gleich, ob mit oder ohne Handicap: In Schweden spielen und lernen Kinder zusammen. Es gibt keine Förderkindergärten, kaum Förderschulen, nicht einmal Behindertenwerkstätten. Die Philosophie der Schweden: Kinder sollen ganz früh lernen, dass Menschen unterschiedlich sind und doch zusammenleben und zusammengehören.

Mainz. Bei der Fachtagung "Auf dem Weg zur Inklusion - Rheinland-Pfalz trifft Schweden" wagten hiesige Praktiker aus Kitas oder Bildungseinrichtungen einen Blick über den Tellerrand gen Nordeuropa. "Das schwedische Modell ist die Richtung, in die wir möchten", meinte Familienministerin Irene Alt (Grüne). Und Sozialministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD) ergänzte: "Dieser Vision folgen wir, auch wenn wir Schweden hier sicher nicht eins zu eins umsetzen werden."

In dem nordeuropäischen Staat, in dem meist beide Elternteile arbeiten, wird auf die vorschulische Erziehung und Bildung besonderen Wert gelegt. In der Vorschule sind bereits 77 Prozent der Kleinkinder bis drei Jahre. Bei den Vier- bis Fünfjährigen kommt Schweden auf eine Betreuungsquote von 94 Prozent, bei den Sechsjährigen gar auf 95 Prozent. Davon ist Rheinland-Pfalz noch ein gutes Stück entfernt.Investition in Bildung lohnt sich


Nicht nur die Zahlen sind anders, auch die Philosophie unterscheidet sich. "Es gibt eine Kita für alle", meinte der schwedische Botschafter Staffan Carlsson in Mainz. Um Ausgrenzung zu verhindern, geht man in Schweden davon aus, "dass grundsätzlich alle Kinder einen individuellen Förderbedarf haben, der sehr unterschiedlich sein kann", erklärte der Diplomat weiter.

Das muss keine Behinderung sein, das kann auch eine Lernschwäche oder einen Migrationshintergrund bedeuten. Das Credo der Schweden ist eine möglichst individuelle Betreuung und Förderung.

Der Wissenschaftler Sven Persson (Universität Malmö) präsentierte eine US-Studie, nach der jeder Dollar, den ein Staat in die vorschulische Bildung eines Kindes investiert, später eine Rendite von sieben Dollar abwirft. Die Überzeugung des schwedischen Professors: Kaum eine Investition ist derart sinnvoll.

Rheinland-Pfalz will mehr "Inklusion von Anfang an", wie die Ministerinnen Alt und Bätzing-Lichtenthäler betonten. Dazu wird im Sozialministerium der Landesaktionsplan fortgeschrieben. Das Familienministerium trägt dafür Sorge, dass Kinder mit Beeinträchtigung zunehmend die ganz normale Kita besuchen.

Die Zahl der Förderkindergärten wird reduziert. 1996 gab es landesweit 38, heute sind es noch 11. "Inzwischen besuchen bereits mehr als 1000 Kinder mit Behinderung eine Regel-Kita", erläuterte Familienministerin Alt. 2000 beeinträchtigte Kinder gehen zu einer integrativen Kita oder eben in eine der wenigen spezialisierten Förderkitas.
Nach der Kita gibt es auch in Schweden Sonderschulen, die in Rheinland-Pfalz Förderschulen heißen. Dort werden 12 000 von 900 000 Grundschülern betreut. Und weitere 10 000 sind zwar im Regelsystem, aber in Sondergruppen, was dortige Inklusions-Befürworter kritisieren.

Wie wichtig den Schweden der Vorschulbereich ist, zeigt auch, dass 54 Prozent der dort Beschäftigten eine Ausbildung an der Universität absolviert haben, erläuterte Ursula Armbruster, ehemalige Oberregierungsrätin im Stockholmer Bildungsministerium. Finanziell lohnt sich das allerdings nur bedingt. Der Verdienst ist auch im hohen Norden nicht rosig.

Und auch in Schweden herrscht keine heile Welt. Die meisten Frauen könnten es sich gar nicht leisten, zu Hause zu bleiben und sich um ihre Kinder zu kümmern, selbst wenn sie es wollten. "Sie wären im Alter bitterarm, da es bei uns keine Witwenrente gibt", meinte eine Expertin mit bitterem Unterton.Extra

Das Konzept der Inklusion wurde bislang in Rheinland-Pfalz vor allem als gemeinsames Lernen von behinderten und nichtbehinderten Kindern wahrgenommen. Diese Praxis wird aktuell in 270 Schwerpunktschulen, darunter 155 im Grundschulbereich und 115 in weiterführenden Schularten, umgesetzt. Die Regelschullehrkräfte werden von Förderschullehrkräften und pädagogischen Fachkräften unterstützt. Die Zahl der wird - am Bedarf orientiert - schrittweise erhöht werden.

Zuständig für diesen Bereich ist das Bildungsministerium, von dem auch die Zahlen stammen. In Rheinland-Pfalz werden rund 30 Prozent der Kinder mit anerkanntem sonderpädagogischem Förderbedarf (zuletzt waren das rund 20 500) inklusiv unterrichtet. Um das gemeinsame Lernen möglich zu machen, stehen derzeit rund 710 Vollzeitstellen bereit. Zudem ist von 2014 bis 2016 der Einsatz von insgesamt 200 zusätzlichen Vollzeitstellen von Förderschullehrkräften an Schwerpunktschulen vorgesehen. Diese Stellen können mit Lehrern oder pädagogischen Fachkräften besetzt werden.

Die Stellenausweitung erfolgt parallel zum weiteren Ausbau der Schwerpunktschulen. Alle Schulen, die inklusive Unterrichtsangebote machen, sollen künftig von sogenannten "Förder- und Beratungszentren" unterstützt werden. Diese entwickeln sich gerade aus bestehenden Förderschulen. Die Qualifizierung für den inklusiven Unterricht wird für angehende und bereits ausgebildete Lehrer im Land künftig per Gesetz festgelegt und ausgeweitet. Der Ministerrat hat Mitte April dem entsprechenden Entwurf zugestimmt. Aktuell läuft die Anhörung. DBExtra

Im Jahr 2013 lebten in Deutschland 10,2 Millionen Menschen mit einer amtlich anerkannten Behinderung. Im Durchschnitt war somit gut jeder achte Einwohner (13 Prozent) behindert, wie das Statistische Bundesamt am Montag in Wiesbaden mitteilte. Gegenüber 2009 ist die Zahl der Menschen mit Behinderung um sieben Prozent beziehungsweise 673 000 Personen gestiegen. Mehr als die Hälfte der Betroffenen (52 Prozent) waren Männer. KNA