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Mehr Orientierung, mehr Hilfe, weniger Ängste: Wie Schüler einen besseren Überblick bekommen sollen

Mehr Orientierung, mehr Hilfe, weniger Ängste: Wie Schüler einen besseren Überblick bekommen sollen

Ein größeres Spektrum an Berufsmöglichkeiten geht einher mit mehr gescheiterten Ausbildungsverträgen und Studienabbrüchen. Dabei sucht die Wirtschaft händeringend nach Fachkräften. Wie das Dilemma gelöst werden könnte.

Wenn die aktuellen Abiturklassen von 40 Schulen in der Region Trier von heute an einen Fragebogen der Universität Trier in die Hand bekommen, geht es um nicht weniger als um ihre Zukunft. Wie gut sind sie auf die Arbeitswelt vorbereitet? Was wissen sie über den regionalen Arbeitsmarkt? Welche Talente schlummern in ihnen, welche sind entdeckt?
Ziel des Teams aus Soziologen rund um Professor Waldemar Vogelgesang ist es zu erkennen, "wie die Berufswahl und -entscheidung von jungen Menschen aussieht und wie sie verbessert werden kann", sagt er.

Die Umfrage zählt deutschlandweit zu den größten und differenziertesten ihrer Art. Sie wird wie das gesamte Forschungsprojekt Jugend und Ausbildung von der Nikolaus-Koch-Stiftung finanziert und erfolgt in Absprache mit der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD). "Das Spektrum von Ausbildungsmöglichkeiten hat sich enorm erweitert, der Übergang von Schule zu Arbeit ist aber unübersichtlicher und unsicherer geworden", sagt der Forscher.
Die Folge: In kaum einem anderen Land scheitern so viele junge Leute in ihrem Studium wie in Deutschland. Jeder Dritte bricht es ab. Seine Lehre bricht noch jeder vierte Jugendliche ab. "Wir wollen einen besseren Überblick über die bisherige Praxis der Berufs- und Studienorientierung in der Region Trier", lautet das Ziel.

"Ich sehe Druck und Orientierungslosigkeit bei Jugendlichen, was sie später machen sollen", sagt Martin Harz, leitender Regierungsschuldirektor bei der ADD. Viele Jugendliche und Eltern seien ratlos. Angesichts von 18.000 Studiengängen und 350 Ausbildungsberufen seien sie schlicht überfordert. "Schüler und Eltern müssen nicht alles wissen, aber sie müssen wissen, wo sie welche Information bekommen", sagt Vogelgesang. Experten raten Eltern dazu, vom eigenen Beruf zu erzählen, Jugendliche sollten Praktika machen, Ferienjobs annehmen. "Der Blick in die Praxis ist wichtig", weiß Jan Wiedemann vom Kreis Junge Unternehmer (KJU) Trier. Ein Grund, warum sich der KJU für die bundesweite Aktion Ein Tag Azubi starkmache (Bericht unten). "Wir sehen uns als Strippenzieher."

In Politik und Schulen hat sich bereits einiges geändert. Neben einer Stabsstelle Berufsorientierung bei der Landesregierung sind auch an den Gymnasien Berufswahlkoordinatoren ein Muss, und es gibt einen verpflichtenden Tag zur Berufs- und Studienorientierung. "Das zeigt den hohen Stellenwert des Themas", sagt Rudolf Funken von der Schulaufsicht der ADD.

Nun geht es darum, den Ist-Stand zu ermitteln und eine Info-Plattform für die Ausbildungs- und Berufswahl zu schaffen. Dabei werden der Weg von der Schule in Lehre, Studium und Beruf untersucht, Angebote von Praktika über Betriebserkundungen hin zu Ausbildungsmessen ermittelt, die Arbeit mit Betrieben, Kammern und Arbeitsagentur zusammengefasst. Sind die Daten bis Mitte Dezember gesammelt, soll es im Frühjahr erste Ergebnisse geben. "Unser Ziel ist es, Abbruchquoten zu reduzieren und mehr Jugendliche für Karrieren in der Region zu gewinnen", sagt Soziologe Vogelgesang. Martin Harz ergänzt: "Wenn wir einen Austausch auf Augenhöhe bei individuellen Berufsentscheidungen hinbekommen, haben Eltern und Kinder keine Angst mehr vor den Möglichkeiten."Umfrage

Wie fühlen Sie sich auf das Arbeitsleben vorbereitet?

Fabian Pütz, 21, Ausbildung zum Fremdsprachenassistenten: Ich habe bereits eine Ausbildung in der Gastronomie abgebrochen. Gegen das, was ich da erlebt habe, ist meine jetzige Ausbildung gut. Aber sie dient mir nur dazu, die schulischen Voraussetzungen für ein Studium zu bekommen. Mein Berufswunsch ist Historiker.

Dilara Bitkin, 22, 2. Semester Kommunikationsdesign: Ich fühle mich gut vorbereitet auf das, was nach dem Studium kommt. Ich habe nämlich nach meiner Fachhochschulreife schon ein Jahrespraktikum gemacht. Außerdem habe ich schon ein paarmal gearbeitet. Da habe ich einiges mitbekommen.

Nikolai Denis, 19, Höhere Berufsfachschule für Büroorganisation: Jein! Was Zahlen und Buchstaben angeht, bekommen wir hier alles Notwendige beigebracht. Aber das Zwischenmenschliche, der richtige Umgang mit Menschen, das fehlt mir fürs Berufsleben. !TV-Fotos(3)/Umfrage: Sabine SchwadorfMeinung

 Dilara Bitkin
Dilara Bitkin Foto: Sabine Schwadorf
 Fabian Pütz.
Fabian Pütz. Foto: Sabine Schwadorf


Was möchtest du später werden? Kaum eine Frage ist bei Jugendlichen wohl so verhasst wie diese. "Etwas mit Menschen" oder "etwas mit Technik" hört sich angesichts von Zehntausenden Berufsoptionen schon recht konkret an. Vorbei die Zeit, in der eine Berufswahl eine Wahl fürs Leben war. Vorbei die Zeit, in der es die Wahl zwischen ein paar Dutzend Berufen gab. Was gut ist: Die Arbeitswelt heute ist bunter, vielfältiger und so individuell wie jeder Mensch.
Damit junge Leute nicht im Regen stehen mit ihrer Wahl, müssen Talente früh entdeckt und gefördert werden. Strategien für Berufs- und Studienwahl, Hilfe bei der Orientierung und Praxisnähe von Schule und Forschung tun not.
Hier müssen alle noch stärker zusammenarbeiten: Schulen, Eltern und Wirtschaft. Damit junge Leute für sich und die Gesellschaft eine Zukunft haben.
s.schwadorf@volksfreund.de