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Menschen bewegen sich heute ganz anders im Raum als noch vor 60 Jahren

Menschen bewegen sich heute ganz anders im Raum als noch vor 60 Jahren

Neue Rollenbilder, weniger Grenzen und viel mehr Autos: In den vergangenen 60 Jahren hat sich die Welt enorm verändert. Nicht aber das System, das Grundlage der rheinland-pfälzischen Raumplanung ist. Fachleute fordern, es komplett zu überarbeiten. Der Protest ist programmiert.

Mainz. Wie bewegen sich Menschen im Raum? Und welcher Ort ist für sie zentral? Nehmen wir ein Paar, das in einem renovierten Bauernhaus in der Südeifel lebt. Sie arbeitet in Trier, er in Luxemburg. Lebensmittel kaufen die beiden in Bitburg oder auf dem Rückweg von der Arbeit in Irrel oder Trier. Getankt wird in Luxemburg. Zum Shoppen fährt sie nach Trier. Ihm ist der Trubel zu viel - also geht er nach Bitburg. Sport treiben sie in Wittlich. Ihr Freibad liegt in Kordel. Der Hund wird von einem Tierarzt in Speicher behandelt. Und die Tochter geht in Schweich aufs Gymnasium.Einteilung aus dem Jahr 1957


Ginge es nach der raumplanerischen Theorie - oder genauer nach dem im Landesentwicklungsprogramm IV (Lep IV) festgeschriebenen rheinland-pfälzischen System der zentralen Orte - würde diese Familie einfach in Bitburg ihren "gehobenen, periodischen Bedarf" decken. Denn dieses Mittelzentrum bietet seinem Umland weiterführende Schulen, ein Krankenhaus, Fachärzte, Schwimmbad, Kino, reichlich Einkaufsmöglichkeiten, Notare, Rechtsanwälte und eine Verkehrsanbindung.
"Die Einteilung der zentralen Orte in Rheinland-Pfalz geht auf das Jahr 1957 zurück. Da kann man sich leicht vorstellen, dass das heute nicht mehr passt", sagt der Trierer Raumplaner Matthias Furkert, der sich in seiner Promotion mit dem Thema befasst hat. Zum einen seien die Menschen heute viel mobiler als damals und legten bereitwillig weitere Strecken zurück. Zum anderen werden es mit dem demografischen Wandel auch immer weniger Menschen. Furkert hält das System, das der rheinland-pfälzischen Raumplanung zugrunde liegt, für veraltet und dringend überarbeitungsbedürftig.
Zumal es nach wie vor ein wichtiges Steuerungsinstrument ist: Die Einteilung in Unter-, Mittel- und Oberzentren bestimmt, welche Funktionen eine Stadt für ihr Umland zu erfüllen hat, sie entscheidet, wo sich großflächiger Einzelhandel ansiedeln darf und auch, wie viel Geld eine Kommune vom Land erhält. Ist mit der Einteilung doch auch eine Schlüsselzuweisung verbunden. So bekommt Wittlich als zentraler Ort vom Land rund eine Million Euro im Jahr - 700 000 Euro, weil es dem Umland als Grundzentrum dient: Es bietet Arztpraxen, Bürgerbüros, Sportstätten oder Apotheken und weitere 335 000 Euro, weil es zusätzlich ein Mittelzentrum mit Bildungseinrichtungen, Krankenhaus, Einkaufszentrum etc. ist.
Genau wie Bitburg bezeichnet Furkert Wittlich als "starkes Mittelzentrum". Viele andere der 83 rheinland-pfälzischen Mittelzentren würden hingegen von der Landkarte verschwinden, wenn die von ihm erarbeiteten Vorschläge umgesetzt würden, darunter Birkenfeld und Zell. Denn Furkert kritisiert, dass ein Großteil der Orte gar keine richtigen Mittelzentren seien: 60 Prozent erfüllten die Standards in den Kernbereichen der Daseinsvorsorge (Bildung, Gesundheit, Verkehr, Verwaltung) nicht. Er würde die Zahl auf landesweit 44 reduzieren.
Bei den Landesplanern, die er für seine Studie anonym befragt hat, kommt die Idee gut an. "Wer zufällig einen Landtagsabgeordneten in Mainz sitzen hatte, der wurde Mittelzentrum, und wer nicht, der nicht", sagt ein Planer. Das bedeute, es seien viele Einstufungen dabei, die fachlich und juristisch nicht zu rechtfertigen seien. Und da so viele Städte finanziell gefördert würden, gehe die Steuerungswirkung verloren. Ein weiterer Kritikpunkt des Trierer Wissenschaftlers: Viele der im Lep IV vorgeschriebenen Kooperationen - zum Beispiel jene zwischen Bitburg und Neuerburg - existierten lediglich auf dem Papier. Eine Aussage, die sowohl die Bitburger Stadtverwaltung als auch Anna Kling, Stadtbürgermeisterin im 30 Fahrminuten und diverse Eifelhügel entfernten Neuerburg, gerne bestätigen. Bitburg gibt Neuerburg drei Prozent seiner Schlüsselzuweisung (zuletzt 1,2 Millionen Euro) ab, die Stadtchefs trinken ab und an ein Tässchen Kaffee, mehr Kooperation gibt es nicht. Ebensowenig gibt eine genaue Definition, wie ein kooperierendes Mittelzentrum überhaupt auszusehen hätte oder was mit dem Geld passieren soll. Und es gibt auch keine Kontrollen.
Während man in der Eifel rätselt, was das alles soll, war man in Traben-Trarbach und Bernkastel-Kues richtig sauer über die 2008 vom Land verordnete Zwangszusammenarbeit. Eine echte Kooperation hat es an der Mosel nie gegeben. Landstuhl zog gar vor Gericht, um den ungewollten - und vor allem kostspieligen - Partner Ramstein-Miesenbach loszuwerden. Mit Erfolg. Furkert schlägt vor, alle derartigen Kooperationen zu überprüfen.
Zudem würde er landesweit fünf große "Funktionsräume" schaffen. Darunter den Funktionsraum Trier, in dem Trier sowie die Verbandsgemeinden Trier-Land, Schweich, Ruwer und Konz liegen. Ein Stadt-Umland-Verbund, wie es ihn in Aachen oder Saarbrücken bereits gibt. Statt dass jeder bei Verkehrs-, Einzelhandels-, Schul- oder Friedhofsplanung sein eigenes Süppchen kocht, würden die Kommunen solche Aufgaben gemeinsam erledigen. Schließlich nutzen die Bewohner im Alltag ja nicht nur das Angebot ihres Wohnortes, sondern auch das des Umlandes.
Der Protest ist allerdings programmiert. "Es ist dem Einzelnen nicht vorzuwerfen, dass er für seine Kommune kämpft, aber aus Sicht der Raumplanung ist das völlig kontraproduktiv", sagt Furkert. Der Staat müsse die Grundlagen schaffen, damit Kommunen sinnvolle Entwicklungen nicht mehr blockieren könnten. Doch sei die Politik in Rheinland-Pfalz bisher zu schwach gewesen.Landesplaner bei der Arbeit


Während Finanzexperten, Städtetag und Regionalplanung einen Teil von Furkerts Vorschlägen kritisch sehen, kommen sie bei der Landesplanung gut an. In Mainz ist man derzeit dabei, die statistischen Grundlagen für eine "spätere Überarbeitung" des Konzepts der zentralen Orte zu ermitteln. Es soll laut Landesplanungsministerium ein sehr "praxisnahes Konzept" werden, das sich in einem dialogorientierten Prozess an der Frage orientiert: "Wo werden wirklich zentrale Orte gebraucht". Einen Zeitplan gibt es nicht. Und so werden die Menschen wohl noch eine ganze Weile zwischen Wohnort, Arbeit, Sporthalle, Arzt oder Schule hin- und herfahren, ohne dass die rheinland-pfälzische Raumplanung ihren tatsächlichen Bewegungsradius berücksichtigt.Extra

In der Region Trier gibt es aktuell laut Landesentwicklungsprogramm IV folgende eigenständige Mittelzentren: Prüm, Gerolstein, Daun, Wittlich, Saarburg, Hermeskeil. Kooperierende Mittelzentren sind (auf dem Papier): Bitburg und Neuerburg sowie Traben-Trarbach und Bernkastel-Kues. Freiwillig kooperieren können Konz und das Oberzentrum Trier. Folgende Reform-Vorschläge enthält die Studie des Trierer Raumplaners Matthias Furkert: Prüm, Wittlich und Saarburg bleiben eigenständige Mittelzentren. Hinzu kommen Bitburg, das nicht mehr mit Neuerburg kooperieren muss, sowie Bernkastel-Kues und Traben-Trarbach, die ebenfalls eigenständig werden. Daun und Gerolstein werden zum funktionsteiligen Mittelzentrum. Hermeskeil und Neuerburg bieten zwar nicht alles, was sie bieten müssten, sind für ihr Umland aber so wichtig, dass sie als Sonderform des Mittelzentrums bestehen bleiben. Schweich, das gerne Mittelzentrum wäre, geht gemeinsam mit den Verbandsgemeinden Ruwer, Konz und Trier-Land sowie dem Oberzentrum Trier in einem Funktionsraum auf. Die Kommunen erfüllen wichtige raumplanerische Aufgaben gemeinsam. So die Idee. Mos