Mit 60 nicht zum alten Eisen

Mit 60 nicht zum alten Eisen

MAINZ. Die Jugend zählt, heißt seit Jahren das Motto auf dem Arbeitsmarkt und in der Werbung. Doch nicht nur Experten wissen angesichts niedriger Geburtenrate und steigender Lebenserwartung: In einigen Jahren sieht die Gesellschaft alt aus. Mit 60 gehört dann niemand mehr zum "alten Eisen".

Mit Jugendwahn hat Otmar Fahrion nichts am Hut. Der Chef eines mittelständischen Unternehmens für Maschinen- und Anlagenbau gehört selbst zur Generation 50plus und wirbt gezielt ältere Ingenieure auch noch mit 60 an. "Wir brauchen beim Aufbau von Fabriken Erfahrung, Kompetenz und Stehvermögen", sagt der agile Schwabe bei einem Forum der Friedrich Ebert Stiftung. Und die findet er bei der Spezies 50plus. Von 19 Leuten, die er in jüngster Vergangenheit eingestellt hat, waren 13 älter als 50. Darunter auch Arbeitslose, weil die sofort verfügbar waren. Auf Erfahrung zu setzen, ist betriebswirtschaftlich hoch rentabel und volkswirtschaftlich sinnvoll, so Fahrions Rechnung. Dies sehen allerdings noch lange nicht alle Betriebe so. In der Altersgruppe der 50- bis 55-Jährigen stieg auch in diesem Jahr die Arbeitslosigkeit mit mehr als elf Prozent überdurchschnittlich. Der seit Jahren anhaltende und staatlich geförderte Trend zu Vorruhestand, früherer Rente und Altersteilzeit bei den über 55-Jährigen stößt aus gesellschaftlichen und finanziellen Gründen auch bei der Politik zunehmend auf Widerstand. Es müsse umgesteuert werden, fordert der Mainzer Sozial-Staatssekretär Richard Auernheimer. Mitten im Umsteuern ist der Pumpenhersteller KSB. Durch Vorruhestand geht viel Fachwissen verloren, sagt Personalleiter Armin Zisgen. Von den 1700 Mitarbeitern am Standort Frankenthal ist ein Drittel über 50 Jahre. Das Unternehmen will diese Beschäftigten halten und setzt auf Motivation und Anerkennung. In Workshops war den Anliegen der älteren Mitarbeiter nachgegangen worden. Anschließend wurden Beurteilungsverfahren geändert, Belastungen abgebaut oder spezielle EDV-Trainingskurse angeboten. Mit Blick auf die alternde Gesellschaft gebe es zwar viele Beschwörungen, aber noch viel zu wenig tatsächliche Veränderungen, reklamiert Waldemar Schmidt vom Institut für Gerontologie der Universität Dortmund. Das Thema "ältere Menschen" ist nach seiner Erfahrung grundsätzlich negativ besetzt: Es geht um Rente und soziale Sicherheit oder Pflege. Leistungsbereitschaft und Leistungsvermögen der "jungen Alten" bleibe völlig außen vor, kritisiert Schmidt. In wenigen Jahren ist nach seinen Angaben jeder vierte Deutsche über 60. In diesem Bevölkerungsanteil gebe es Schaffenskraft, auf die nicht verzichtet werden könne, so der Wissenschaftler. Bereits heute wird die Wertschöpfung durch ehrenamtliches Engagement der produktiven Alten auf 65 Milliarden Euro geschätzt. Die Generation 50plus wird zum Boom-Faktor in der Wirtschaft, ist sich Andreas Reidl, Geschäftsführer der Agentur für Generationenmarketing in Nürnberg, sicher. Seit rund zwei Jahren beobachtet er ein Umdenken in der Werbebranche. Mit der Marktmacht steigt nach seiner Überzeugung auch die Wertschätzung. Er schickt gezielt so genannte Senior-Scouts als verdeckte Kundschafter aus, um das Marktverhalten zu beobachten. Wie geschätzt ältere Fachleute sind, zeigt sich beim Senior Experten Service. Auf ehrenamtlicher Basis arbeiten dort aktive Ruheständler vom Facharbeiter über den Kaufmann bis zum Ingenieur bei Beratungs- und Qualifizierungsprojekten im In- und Ausland mit. Von sechs Wochen bis sechs Monaten leisten die "Experten mit den weißen Haaren" in Unternehmen und Organisationen Hilfe zur Selbsthilfe, wie Helmut Guntrum vom Mainzer Verbindungsbüro erläutert. Rund 12 000 Einsätze von Ausbildung in Togo bis zur Sicherstellung von Hygiene in Georgien wurden bereits abgewickelt. "Zukunft braucht Erfahrung", heißt die wegweisende Devise der Seniorexperten.