Mit Maß und mit Viren

Alle Jahre wieder: Beim politischen Aschermittwoch beharken sich die Parteien mit teils harschen Äußerungen. Diesmal dienten die Treffen eher der Pflege der eigenen Konturen im Wahlkampf-Jahr.

Passau/Ludwigsburg. Klingt irgendwie komisch, dieses "Horst, Horst". Lässt sich auch deutlich schlechter rufen als "Edmund, Edmund" oder selbst "Erwin, Erwin". Ein paar Unentwegte versuchen es in der Passauer Dreiländerhalle trotzdem. Die meisten der "schwarzen Schwestern und Brüder" belassen es aber lieber bei: "Zugabe, Zugabe!"

So groß ist ja die Zuneigung zum neuen CSU-Parteichef und Landesvater Horst Seehofer noch nicht, dass man ihm gleich aus tausendfachen Mündern einen neuen Schlachtruf widmen würde.

Seehofer steht ein bisschen wacklig auf den Beinen am Ende seiner eineinhalbstündigen Rede. Einiges ist diesmal anders: Es ist Krise in Deutschland, und seit der jüngsten Landtagswahl ist die CSU ihre einzigartige Stellung in Bayern los. Also ist die Bühne in der Halle deutlich kleiner als früher, das Licht viel dezenter, man trägt längst nicht mehr so dick auf als Christsoziale. Außerdem ist in der Maß am Rednerpult nun wirklich Bier und nicht wie zu Zeiten Stoibers gesunder Salbeitee.

Nach ein paar Schlucken kommt Seehofer auch prompt mal das "Sch" und mal das "L". schwer über die Lippen. Allerdings, so stellt sich später heraus, sind daran Grippeviren und Medikamente schuld, der Mann steht kurz vor einem Schwächeanfall. "Ich hab's durchgestanden, danke dem Herrgott", sagt der 59-Jährige zum Schluss. Erleichterung pur.

Sicherlich nicht nur aus Krankheitsgründen.

Er habe doch schon unzählige Male im Bierzelt geredet, beschwichtigt Seehofer vor seinem Auftritt die eigene Nervosität. Doch Passau, der Aschermittwoch, das ist im Leben eines CSU-Granden immer noch etwas Besonderes. "Horst, wir glauben an dich", "Seehofer ist unser Obama", "CSU muss wieder 50 Prozent plus X erreichen", steht auf Plakaten. Die Erwartungshaltung der Basis ist nach all den Querelen der vergangenen Jahre und Monate immens. Seehofer ist der dritte Hauptredner in drei Jahren: nach dem Stoiber Edmund und dem Huber Erwin. Nun will der einst als Hallodri und jetzt als Querkopf gescholtene Horst die christsozialen Stammherzen gewinnen. Er versucht es mit einfachen, besonnenen Botschaften: "Ich bleibe ein Politiker für den kleinen Mann", ruft er. Zugleich beschwört er geschickt seine eigene, schwere Lebensgeschichte - und den Zusammenhalt der CSU. Das hören die Anhänger gerne. "Fleiß statt Raffgier, Substanz statt Luftnummern" - der Jubel ist groß bei solch klaren Schlagworten, und wenn es gegen die "milliardenschweren Fehler" in Brüssel geht, allemal. Selten ist in Passau auch so viel gelacht worden, jedenfalls bis zur Mitte der Rede, als die Viren langsam Oberhand gewinnen. Kalauer-Horst greift tief in die Kiste: "Irren ist menschlich, immer irren sozialdemokratisch", zitiert er Franz-Josef Strauß. Der Saal tobt. Oder: Mit der Grünen Claudia Roth gehe "eine Träne auf Reisen", und das Körpergewicht von SPD-Umweltminister Sigmar Gabriel stehe im "umgekehrten Verhältnis zu seinem Können". Wieder großes Gelächter. Links und rechts der Bühne flattern im künstlichen Wind erst die bayerische Fahne, dann die der CSU, und schließlich hängt da noch ein wenig schlapp das Deutschland-Tuch: "Mit dem Herzen Bayern, mit dem Verstand Deutsche", verkündet Seehofer analog der Fahnenfolge. Die Marschrichtung für Berlin ist damit klar - und die CSU-Anhänger sind am Ende von ihrem neuen Vorsitzenden überzeugt.

Bei der SPD gibt es nicht so viel zu lachen, Parteichef Franz Müntefering zelebriert den Aschermittwoch zwar engagiert im baden-württembergischen Ludwigsburg. Doch seine Partei dümpelt in den Umfragen vor sich hin.

Also stichelt "Münte" vor 600 Zuhörern: Es habe ja mal Anfang 2002 ein Frühstück in Wolfratshausen gegeben. Bei diesem Treffen hatte Angela Merkel zugunsten des damaligen CSU-Chefs Stoiber auf die Kanzlerkandidatur der Union verzichtet. "Seien Sie mal vorsichtig", so Müntefering spitz in Richtung Kanzlerin. Möglicherweise gebe es vor der Bundestagswahl noch ein Frühstück in Ingolstadt. Dort wohnt Horst Seehofer. Die Union sei jedenfalls "nicht mehr in der Lage, das Land verantwortlich zu regieren." 18-Prozent-Mann Guido Westerwelle indes würde gerne mit Angela Merkel frühstücken - nach der Wahl als Vizekanzler und Außenminister. "Ich will etwas zu sagen haben", brüllt er gleich zu Beginn seiner Rede in einem Passauer Gasthof in den Saal. Schließlich gehe es um die Frage: "Behalten wir die soziale Marktwirtschaft oder werden wir zu einer DDR light?" Für die FDP gebe es die größere Gemeinsamkeit mit der Union. "Nur weil die Union nach links geht, werden SPD und Grüne ja nicht schöner". Standhaft bleiben, dieses Motto zieht sich durch Westerwelles Rede.

Vermutlich stehen deshalb nur kleine gelbe Fähnchen in Gläsern auf den Tischen - damit sie sich ja nicht nach dem Wind drehen.

extra

Gabriele Pauli kandidiert: Die frühere CSU-Rebellin Gabriele Pauli will nach längerem Zögern nun doch Europa-Spitzenkandidatin der Freien Wähler (FW) werden. "Ich sage Ja", sagte sie beim politischen Aschermittwoch der Freien Wähler in Deggendorf. Die FW-Anhänger feierten die aus Schweich stammende Ex-Landrätin in der voll besetzten Halle mit viel Applaus.

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