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Mit Spaß oder aus purer Not - Warum Menschen im Rentenalter arbeiten

Mit Spaß oder aus purer Not - Warum Menschen im Rentenalter arbeiten

Qualifizierte Arbeitnehmer sind auch im Rentenalter zunehmend begehrt. Doch immer mehr Senioren bleibt keine andere Wahl.

Wenn in der Nachbarschaft auf dem Hausdach ein Ziegel schief hängt, wird der Tené-Jupp noch immer gerne gebeten, das zu richten. "Dann klettere ich da eben hoch", sagt der Mann, der in diesem Jahr seinen 81. Geburtstag feiern wird. Sein richtiger Name sei Joseph Tené. "Aber hier in Fell hat jeder einen eigenen Rufnamen. Als Tené-Jupp kennt mich jeder."

In den 60 Jahren seines Berufslebens ist der gelernte Klempner vielen aufs Dach gestiegen. Schon als Schuljunge brachte er seinem Vater und Firmengründer Ernst Tené vor dem Unterricht das Arbeitsmaterial mit dem Fahrrad auf die Baustellen. Das mit der Dachdeckerei sei später einfach hinzugekommen. "Ich hatte nichts von meiner Kindheit und Jugend", erzählt der rüstige Spätrentner, der nach dem offiziellen krankheitsbedingten Berufsausstieg im Alter von 63 Jahren noch weitere 17 Jahre lang regelmäßig Hand angelegt hat. "Nein, das Geld habe ich nicht unbedingt gebraucht, aber gerne mitgenommen." Aber nach einem "kleinen Schlag" sei nun aber wirklich Schluss damit. "Wenn schönes Wetter ist, genieße ich es umso mehr, mit meiner Vespa durch die Gegend zu fahren."

Joseph Tené gehörte bis vor Kurzem zu den 1600 Frauen und Männern jenseits der 65, die in der Region Trier mindestens eine Stunde in der Woche einer bezahlten, selbstständigen oder mithelfenden Arbeit nachgehen. In ganz Deutschland waren im vergangenen Jahr 942.000 dieser betagten Arbeitnehmer registriert. Nach einer Auswertung des Statistischen Bundesamts aus dem Mikrozensus waren 346.000 von ihnen auf das eigene Arbeitseinkommen für ihren Lebensunterhalt angewiesen. Die Mehrheit der 65 bis 74-Jährigen (58 Prozent) lebte allerdings in erster Linie von ihrer Rente und verdiente sich etwas dazu.

So ist es auch bei Michel Wilmes aus Ralingen (Kreis Trier-Saarburg). Der im Jahr 2014 pensionierte Lehrer fühlt sich noch nicht als altes Eisen. "Ich wollte noch etwas tun", sagt der 67-Jährige. Nach einem Versuch im Betrieb seines Sohnes - "die Büroarbeit war nicht so mein Ding" - entdeckte seine Frau eine Anzeige im Trierischen Volksfreund. Seit zwei Jahren widmet sich Wilmes nun regelmäßig als "Erstleser" den von den Redakteuren erstellten Zeitungsseiten und macht sich dabei auf die Jagd nach orthografischen Fehlern.

"Die neue deutsche Rechtschreibung und die besonderen Regeln der Deutschen Presseagentur, auf die man sich in der Redaktion geeinigt hat, waren anfangs eine Herausforderung", erinnert sich der ehemalige Lehrer für Deutsch und Geschichte. "Aber es macht Spaß. Und ich bin immer einen Tag früher über die regionalen Geschehnisse informiert."

Für Michael Wilmes steht der finanzielle Aspekt seiner Arbeit im Rentenalter nicht im Vordergrund. Davon kann Julia Sauls (69) nur träumen. Die alleinstehende Frau hatte ihren Sohn mit 42 Jahren bekommen. Den Vollzeitjob als Reinigungskraft in einem Hotel musste sie damals aufgeben.
Trotz Eingliederungsmaßnahme und vielen Anläufen hat es später nicht mehr mit einer Stelle geklappt, in der sie mehr als in einem Minijob verdienen konnte. "Ich muss einfach noch arbeiten gehen, damit ich mir zumindest ein wenig Lebensqualität schaffen kann", sagt die Frau, die in Trier wohnt und darum gebeten hat, ihren richtigen Namen nicht zu nennen. Alleine von Hartz-IV-Leistungen wolle sie nicht leben.

So ist Julia Sauls nahezu ein Musterbeispiel, mit dem Sozialverbände und Gewerkschaften vor Altersarmut warnen könnten. "Bei sinkendem Renteniveau sind vor allem in der Stadt Trier und in den Orten an der Grenze zu Luxemburg die Lebenshaltungskosten für viele ältere Menschen so hoch, dass sie arbeiten müssen", analysiert DGB-Regionalgeschäftsführer James Marsh im Einklang mit Ulrike Mascher. Die Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland hat angesichts der neuen Erkenntnisse aus der kleinen Volksbefragung gewarnt: "Die Zahlen belegen erneut, dass viele Menschen im Ruhestand arbeiten, weil sie mit ihrer Rente kaum über die Runden kommen. Viele arbeiten also, weil sie müssen, nicht weil sie wollen."

Für viele, die wollen und qualifiziert sind, ergeben sich in Zeiten des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels allerdings neue Perspektiven. Darauf verweist auch die Arbeitsagentur Trier mit Blick auf die Flexi-Rente und andere Gesetzesänderungen (siehe unten). So habe eine aktuelle repräsentative Befragung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung ergeben, dass vor allem kleine Betriebe versuchen, Mitarbeiter zu halten, die rentenberechtigt sind. Mit kürzeren und flexibleren Arbeitszeiten haben sie demnach großen Erfolg. Drei von vier der gefragten älteren Beschäftigten konnten gehalten werden. Je älter die Mitarbeiter werden, desto häufiger arbeiten sie in Teilzeit oder in geringfügigen Beschäftigungen. So arbeiten in Trier von 3690 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten im Alter 60 bis unter 65 Jahren nur 63 Prozent in Vollzeit.

BESCHÄFTIGTE ZWISCHEN 60 UND 75 JAHREN

Stadt Trier 3690 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte von 60 bis unter 65 Jahren; 404 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte von 65 bis unter 70 Jahren; 79 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte von 70 bis unter 75 Jahren.

Kreis Bernkastel-Wittlich 2494 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte von 60 bis unter 65 Jahren; 283 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte von 65 bis unter 70 Jahren; 70 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte von 70 bis unter 75 Jahren.

Eifelkreis Bitburg-Prüm 1908 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte von 60 bis unter 65 Jahren; 209 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte von 65 bis unter 70 Jahren; 72 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte von 70 bis unter 75 Jahren.

Kreis Vulkaneifel 1267 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte von 60 bis unter 65 Jahren; 150 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte von 65 bis unter 70 Jahren; 44 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte von 70 bis unter 75 Jahren.

Kreis Trier-Saarburg 1846 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte von 60 bis unter 65 Jahren; 217 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte von 65 bis unter 70 Jahren; 68 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte von 70 bis unter 75 Jahren.
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Quelle: Agentur für Arbeit Trier