Möglichst geräuschlos

BERNKASTEL-KUES. Weil er Schriftsätze aus Akten entfernt haben soll, ist gegen den Direktor des Amtsgerichts Bernkastel-Kues, Gunther Nelles (54), ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden. "Ich habe Fehler gemacht", sagt Nelles, "aber wie es jetzt dargestellt wird, ist es auch nicht."

Wer in diesen Tagen beim Mainzer Justizministerium oder dem Trierer Landgericht anruft und etwas über den Knatsch am Bernkastel-Kueser Amtsgericht wissen will, stößt auf eine Mauer des Schweigens. Da bittet etwa die Sprecherin von Justizminister Heinz Georg Bamberger, Martina Beckmann, artig um Verständnis, "dass wir zu solchen Anfragen grundsätzlich keine Auskunft geben". Und auch der Präsident des Landgerichts Trier, Wolfgang Krämer, sagt nur, dass er nichts sage, und verweist auf seine Pressestelle. Fast unnötig zu erwähnen, dass auch dort keine Informationen zu bekommen sind. Einzig Triers Leitender Oberstaatsanwalt Horst Roos, offenbar selbst leicht irritiert wegen des kollektiven Schweigegelübdes, bestätigt auf Anfrage unserer Zeitung, dass an der Mosel etwas im Busch ist. Gegen den Direktor des Amtsgerichts Bernkastel-Kues, Gunther Nelles, sei ein Ermittlungsverfahren wegen Urkundenunterdrückung und Verwahrungsbruchs eingeleitet worden, sagt Roos. Der Verdacht: Familienrichter Nelles soll in mehreren Fällen Schriftsätze von Rechtsanwälten und Aktenvermerke entfernt haben."Die Sache ist mir äußerst peinlich"

Wegen dieser Vorwürfe ermittelt nicht nur die Trierer Staatsanwaltschaft. Auch Landgerichtspräsident Krämer, Nelles' Dienstvorgesetzter, hat gegen den 54-jährigen Juristen nach TV-Informationen ein Dienstordnungsverfahren eingeleitet - und ist seitdem steter Gast im Bernkastel-Kueser Gerichtsgebäude. Allein vier Mal in den letzten Monaten war der Landgerichtspräsident vor Ort, um in Sachen Nelles mit der Belegschaft zu sprechen und Zeugen zu vernehmen. Krämers nächster Besuchstermin ist bereits terminiert: der 14. Februar. Nach Angaben von Gerichtsbediensteten, die aus Angst vor Repressalien anonym bleiben wollen, hat Direktor Nelles bei einem Großteil der rund 35 Beschäftigten mittlerweile jeglichen Kredit verspielt. "Zwei, drei Leute stehen vielleicht noch hinter ihm", sagt einer, "der Rest erwartet, dass endlich etwas passiert." Den Stein gegen Nelles ins Rollen gebracht hat im letzten Jahr offenbar ein anonymes Schreiben an den Präsidenten des Koblenzer Oberlandesgerichts, in dem konkrete Vorwürfe erhoben und mögliche Zeugen benannt werden. Das Schreiben landete auf dem Tisch von Triers Landgerichtspräsident Krämer, der eine so genannte Sondergeschäftsprüfung in Bernkastel-Kues veranlasste. Das Ergebnis war offenbar so verheerend, dass Krämer den Staatsanwalt informierte. "Die ganze Sache ist mir äußerst peinlich", sagt Amtsgerichtsdirektor Gunter Nelles. Der 54-Jährige räumt auf TV-Anfrage zwar ein, Fehler gemacht zu haben. Dennoch sei an den Vorwürfen "nicht viel dran". Mehr will der Jurist unter Verweis auf das laufende Verfahren nicht sagen, ist sich aber sicher: "Viele in der Belegschaft solidarisieren sich mit mir, sagen vor allem über die anonymen Anschuldigungen, das sei eine Sauerei." "Wir kleinen Leute wären längst weg vom Fenster"

"Unser Direktor leidet inzwischen unter Realitätsverlust", kontern dagegen einzelne Mitarbeiter, die sich wundern, dass Gunther Nelles trotz des Ermittlungsverfahrens noch im Dienst ist. "Wir kleinen Leute wären doch schon längst weg vom Fenster", sagt einer. Anders als ein "normaler" Beamter, den sein Dienstherr abordnen könnte, bis gegen ihn erhobene Vorwürfe geklärt sind, genießen Richter einen Sonderstatus. "Gegen ihren Willen passiert nichts" , sagen Juristen, "Richter sind unversetzbar und unabsetzbar." Völlig überrascht über die Ermittlungen gegen den seit 17 Jahren amtierenden Bernkastel-Kueser Amtsgerichtsdirektor sind langjährige Weggefährten von Nelles. Der 54-Jährige sei "unauffällig und unproblematisch", sagt eine Juristin, "ein netter, brauchbarer Kerl", meint ein hochrangiger Kollege. Wenig überrascht zeigt man sich in Juristenkreisen indes über die Schweigsamkeit in Mainz und Trier: "So etwas versucht man bei Justitia möglichst geräuschlos über die Bühne zu bringen", sagt eine Insiderin.