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Mosel-Musikfestival noch ungewöhnlicher als sonst

Trier : Große Momente mit Mukumi im Wagen

Ein Versprechen für die Zukunft: Mosel Musikfestival mit Pianist Nuron Mukumi und Bariton Tobias Scharfenberger.

Von diesem Wagen aus hätte man wohl auch Würstchen verkaufen können. Jedenfalls gaben sich die Gäste des Mosel Musikfestivals, unter ihnen Kulturminister Konrad Wolf und Oberbürgermeister Wolfram Leibe samt Gattinnen, zum Abendkonzert am Eingang von St. Maximin gut gelaunt  (das Nachmittagskonzert mit identischem Programm fand um 17 Uhr statt). Auch die coronagerecht weiten Abstände zwischen den Stühlen trugen bei zur informellen Atmosphäre.  In den Wagen hatte man den Flügel geschoben, ein Podest mit Leuchter, einer Weinflasche und dem Plakat einer bekannten Eifelbrauerei ausgestattet, und das Ganze in rötliches  Licht getaucht. Alles ganz entspannt.

Aber dann tritt Pianist Nuron Mukumi auf, setzt sich an den Flügel, schlägt die ersten Akkorde an – und die entspannte Stimmung schlägt um in fasziniert-konzentrierte Aufmerksamkeit.  Auch in dieser heiklen Situation, mit einem keineswegs ideal postierten Flügel, dazu den akustisch immer schwierigen Open-Air-Umständen gelingt diesem jungen Pianisten ein berückend warmer, weicher, flexibler und kantabler Anschlag. Und mehr noch: In drei Schubert-Liedbearbeitungen von Liszt fächert er den Klavierklang auf, unterscheidet verschiedene Ebenen  von Melodie und Begleitung, gibt dem Gesamtklang eine faszinierende Transparenz mit und beschwört dabei auch die Stimmungsvielfalt Schuberts.

Liszt hat sie ins Solo-Klavier hinüber gerettet. Da wird die Unruhe in „Gretchen am Spinnrad“  förmlich greifbar, der dramatische  Zug im „Aufenthalt“  oder auch die Melancholie in „Der Müller und der Bach“. In Beethovens Liedzyklus  von der  „fernen Geliebten“ begleitet er Tobias Scharfenberger so hellhörig, dass man mitatmen möchte als Zuhörer.  Und Scharfenberger gibt diesem Zyklus beides mit: Deutlichkeit und Präsenz in der Artikulation von Text und Musik und einen bewegenden Beiklang von Intimität – von Abschied und Trauer. Mit Beethovens Klaviersonate „Appassionata“ hatte sich Mukumi  an eins der schwierigsten Klavierwerke gewagt.

Keine Frage: Die Technik beherrscht  er.  Beethovens Komposition entfaltet unter seinen Händen etwas Bewegliches, Fließendes, stellenweise sogar eine Spur Eleganz. Und es versteht sich, dass ein 24-jähriger Pianist auch  zeigen will, was er kann. Aber bei aller Brillanz fehlen Mukumis Interpretation noch die Statur, die Tiefe und Entschiedenheit. Die Komposition läuft allzu widerstandlos ab, und die persönliche Tragik, die Beethoven damals mitkomponierte, wird kaum einmal spürbar. Und doch: Diese Interpretation hatte auch etwas von einem „großen Wurf“.  Was an ihr noch problematisch sein mag, ist nicht Mangel, sondern Versprechen für die Zukunft. Und die Tschaikowsky-Zugabe unterstrich noch einmal: Mukumi brilliert nicht nur, sondern hat auch das Sensorium für die  leisen Töne.