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Müll, den keiner will: Zwei große Abfallentsorger der Region klagen über zu knappe Kapazitäten in den Verbrennungsanlagen

Müll, den keiner will: Zwei große Abfallentsorger der Region klagen über zu knappe Kapazitäten in den Verbrennungsanlagen

Die Preise, die Müllentsorger pro Tonne angelieferten Abfall an Verbrennungsanlagen zahlen müssen, hat sich im vergangenen Jahr nahezu verdoppelt. Langfristig könnte das zu höheren Müllgebühren für die Bürger führen.

"Waschmaschinen, Zäune, Autoteile: Riesige Schrottberge türmen sich auf dem Betriebsgelände der Firma Theo Steil im Industriegebiet Ehranger Hafen. 400.000 Tonnen Altmetall setzt der Verwertungsbetrieb pro Jahr um, rund 25.000 Tonnen lagern ständig auf dem Gelände.

Metallhaltige Abfälle werden zerkleinert, um das wertvolle Eisen zu gewinnen. Übrig bleiben kleine Flusen, Plastikteilchen, Stofffasern, Papier- und auch kleinste Lebensmittelreste. Wegen seines hohen organischen Anteils gerät dieser trockene Abfall immer wieder in Brand: Sieben Mal alleine seit Mai dieses Jahres, zuletzt am Donnerstag vergangener Woche.

Brandschutzauflagen erfüllt

"Wir haben Kameras installiert und laufen am Wochenende alle zwei Stunden Patrouille", beschreibt Geschäftsführer Christian Satlow die Vorsichtsmaßnahmen. "Trotzdem kommt es immer wieder zu Selbstentzündungsprozessen." Die Firma erfülle alle Brandschutzauflagen, bestätigt auf TV-Nachfrage die Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord als zuständige Aufsichtsbehörde. Man habe der Firma nach dem jüngsten Brand lediglich aufgetragen, die Halde regelmäßig auseinanderzuziehen, damit Hitze aus chemischen Prozessen entweichen kann.

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Etwa 500 Tonnen dieser feinen Rückstände lagern normalerweise auf dem Gelände der Firma Steil. Regelmäßig werden die Schredderreste zu Verbrennungsanlagen gebracht, die aus dem Material Strom oder Wärme erzeugen. "Aber obwohl wir Abnahmeverträge mit den Verbrennungsanlagen haben, gewähren die uns keine Anlieferzeit mehr", klagt Geschäftsführer Satlow. Der Grund: Die teils organischen Schredderrückstände - so genannte hochkalorische (HKL-)Abfälle - haben einen sehr hohen Energiegehalt. Und weil der Brennwert so hoch ist, kann das Material nur in kleineren Mengen pro Brennvorgang verarbeitet werden. Kurz gesagt: Die Verbrennung einer Tonne hochkalorischer Abfälle blockiert die Verbrennungsanlage länger als die Verarbeitung der gleichen Menge niedrig-energetischer Abfälle. Bezahlen müssen die Lieferanten allerdings pro Tonne. Für Betreiber von Verbrennungsanlagen ist die Annahme von niedrig-kalorischem Material daher lukrativer.

Statt 500 Tonnen lagert Satlow derzeit rund 750 Tonnen HKL-Abfälle. "Unsere Betriebserlaubnis lässt das zu - aber ich möchte nicht so viel hier liegen haben", sagt Satlow. Auch, weil die Wahrscheinlichkeit von Brandnestern mit der Abfallmenge steigt.

"Ändern die Betreiber der Verbrennungsanlagen nicht bald ihre Praxis oder greift die Politik nicht ein, sind unsere Lagerkapazitäten Ende September ausgereizt. Dann müssen wir den Betrieb teilweise runterfahren", sagt Satlow. Für 100 der 350 Steil-Mitarbeiter könnte das Kurzarbeit und weniger Lohn bedeuten, für den Betrieb große Umsatzeinbußen.

Mit seinem Problem hat sich Satlow an den Trierer Landtagsabgeordneten Arnold Schmitt gewandt. Der hat am 19. August eine kleine Anfrage an die Landesregierung gestellt. "Welche Lösungsansätze sieht die Landesregierung bei Kapazitätsengpässen bei rheinland-pfälzischen Müllverbrennungsanlagen?" will Schmitt unter anderem wissen. Eine Antwort des Umweltministeriums steht noch aus.

Schränkt Steil seine Abfallverarbeitung ein, hat das weitreichende Folgen. Zum Beispiel könnte der Abfallverwerter ART wohl weniger metallhaltige Hausmüllreste an Steil zur Weiterverwertung liefern. "Wir müssten diese Abfälle dann auf unserem Gelände selbst zwischenlagern", sagt ART-Geschäftsführer Maximilian Monzel. "Aber das geht auch nur bis zu einer bestimmten Menge." Ist das Zwischenlager voll, müsste der hochwertige metallhaltige Abfall mit dem normalen Restmüll weiterverarbeitet werden. "Und das kann nicht im Sinne des Recyclinggedankens sein."

Wie Satlow fürchtet auch der ART-Chef Engpässe bei den Verbrennungsanlagen. "Unsere Anlieferverträge laufen noch bis Mitte 2017 - an wen wir unsere Stoffe, die thermisch weitergenutzt werden können, danach liefern können, weiß ich noch nicht."

Fest stehe, dass der Preis, den die Verbrennungsanlagen pro Tonne erheben, stark gestiegen sei. "Ich denke, dass wir ab 2017 etwa das Doppelte pro Tonne an die Müllverbrenner zahlen müssen", sagt Monzel. Letztlich müssten diese Kosten an die Bürger weitergegeben werden.

Hintergrund Müllheizkraftwerke

In Rheinland-Pfalz gibt es drei Müllheizkraftwerke, in Mainz, Ludwigshafen und Pirmasens, die zusammen 710.000 Tonnen Abfälle pro Jahr verarbeiten können. Dazu kommt das Industrieheizkraftwerk Andernach mit einer Kapazität von 140.000 Jahrestonnen an Ersatzbrennstoffen. Ersatzbrennstoffe sind aufbereitete Abfälle mit hohem Kunststoffanteil und entsprechend hohem Heizwert.

Im Jahr 2014 seien sämtliche Anlagen nahezu vollständig ausgelastet gewesen, bestätigt das Landesumweltministerium auf TV-Nachfrage. Neuere Daten liegen offenbar nicht vor. Insbesondere im Sommer sei "die Entsorgungssituation häufig angespannt", da in dieser Zeit die jährlichen Revisionen in den Verbrennungsanlagen vorgenommen würden, erklärt Ministeriumssprecherin Stefanie Lotz.

Freie Kapazitäten würden häufig auf dem bundesweiten Markt zu Tagespreisen angeboten. "Häufig ist es auch eine Frage der wirtschaftlichen Konditionen, ob Abfallaufbereiter von derartigen Angeboten Gebrauch machen. Sofern bei einigen Betrieben Absatzprobleme für Recyclingrückstände bestehen und diese auf dem Firmengelände gelagert werden, muss das also nicht zwangsläufig auf fehlende Verbrennungskapazitäten zurückzuführen sein", sagt Ministeriumssprecherin Lotz.

Rainer Meffert, Geschäftsführer der rheinland-pfälzischen Sonderabfall-Managementgesellschaft SAM ergänzt: "Wir gehen derzeit noch nicht von einem Entsorgungsnotstand bei den Hausmüllverbrennungsanlagen aus." Dass die Kosten für die Anlieferung von Müll in die Verbrennungsanlagen sich binnen eines Jahres verdoppelt hätten, bedeute nicht, "dass keine Entsorgungsmöglichkeit mehr besteht". Einen Grund dafür, dass die Verbrennungsanlagen ihre Gebühren stark angehoben haben, nennt Meffert nicht. woc

Extra

Auch auf dem ehemaligen Bitburger Flugplatzgelände haben mehrfach Recyclingrückstände und andere Abfälle gebrannt. Unter anderem brannten im Juni 2016 bei der Firma Remondis Papierabfälle. 2013 war bei einer anderne Firma ein Container mit giftigen Stoffen verbrannt. 2010 brannte eine Müllsortieranlage, 1999, 2006 und 2007 waren bei der Firma BRG Umweltpark Halden in Brand geraten, laut Polizei hatten sich diese selbst entzündet. woc