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Nach 24 Jahren: Michael Billen verabschiedet sich aus Mainzer Landtag

Kostenpflichtiger Inhalt: Eifel-Rebell blickt auf 24 Jahre zurück : Michael Billen: Der letzte Cowboy verlässt den Mainzer Landtag

Eifeler CDU-Rebell Michael Billen hört als Parlamentarier auf. Bei Bratwurst und Apfelschnaps erinnert er sich an alte Anekdoten.

Michael Billen steht auf seiner Terrasse in Kaschenbach und grillt saftige Bratwürste aus Wildschweinen, die er selbst erlegt hat. Nach dem Essen reitet der 64-Jährige mit einer Honda Goldwing 1500 aus, auf der er pro Jahr 10 000 Kilometer über Straßen brettert. Und wenn der 120-Kilo-Koloss einen seiner berühmt-berüchtigten Sprüche klopft, steckt darin immer das Selbstverständnis eines stolzen Eifelers, der sich nicht verbiegen lässt, egal, wie hart der Wind weht.

Der Eifeler CDU-Abgeordnete ist vielleicht der letzte Cowboy, der im Mainzer Landtag sitzt. Dort steht ihm in dieser Woche der abschließende Ritt bevor, wenn er am 12. Mai im Umweltausschuss sitzt und sein Mandat danach an den Nagel hängt. Von Wildwest-Nostalgie im Landtag hält Billen aber wenig, als er den TV zu Bratwurst und Kartoffelsalat empfängt, um über 24 Jahre im Landtag zu sprechen. Wird ein Typ wie er fehlen? „Die Friedhöfe liegen voller Leute, die sich für unersetzlich hielten, aber alle ersetzt wurden. So wird es auch mit mir im Landtag sein“, sagt er.

Mag sein. Doch die Geschichten, die er erzählt, bleiben unvergessen. Kaum in den Landtag eingezogen, sägte er am Stuhl des damaligen CDU-Fraktionschefs Johannes Gerster. Der ignorierte Billens Vorschlag, die siegreiche SPD nach der Wahl 1996 mit einem Trick aus der Staatskanzlei zu drängen. Billens Plan: Die CDU sollte dem damaligen FDP-Landeschef Rainer Brüderle anbieten, in der ersten Hälfte der Legislaturperiode Ministerpräsident zu werden. „Gerster hielt das für Quatsch - und die FDP ging in eine Koalition mit der SPD.“ Als Gerster Monate später vor Journalisten sagte „Ich bleibe Partei- und Fraktionschef, nicht wahr, Michael Billen?“, antwortete der Eifeler laut eigener Aussage wenig erbaulich: „Ich bin Bauer. Im Herbst wird gepflügt, im Frühjahr gesät.“ Die Ära Gerster war bald darauf beendet.

Im Landtag gingen kesse Sprüche mit Eifeler Einschlag weiter und waren das Markenzeichen von Billen, der häufig ein Raunen im Plenarsaal und auf der Pressetribüne entfachte. Seine liebsten Rivalen in Rededuellen? Die Sozialdemokraten Kurt Beck und der inzwischen verstorbene Joachim Mertes. „Robuste Typen mit Verstand, die frei reden konnten. Da rappelte es auch mal“, sagt der Landwirt. Als Mertes in einer Rede gesagt habe, er sei der ländliche Raum, antwortete Billen mit Blick auf das Gewicht seines politischen Kontrahenten: „Wenn Sie der ländliche Raum sind, ist der ländliche Raum ganz schön dick.“

In China erteilte er mal einem asiatischen Gastgeber eine Lektion, als Billen die Delegation des Wirtschaftsausschusses anführte. „Der wollte mich mit Reiswein unter den Tisch trinken, der 67 Prozent Alkohol hatte“, erinnert sich der Kaschenbacher. Die Geschichte, wen wundert es, endete für den Chinesen übel. Billen forderte irgendwann größere Gläser, die Gastgeber brachten beiden Limogläser herbei. Billen leerte seines in einem Zug. „Der arme Kerl, der mitgetrunken hatte, musste von zwei Helfern gestützt werden, damit er aufstehen konnte, um das Bankett offiziell zu beenden“, erzählt Billen. Im Hotel witzelten Abgeordnete wie der Rioler Arnold Schmitt: „Du hast die Ehre von Rheinland-Pfalz gerettet.“ Als Billen 2007 von Journalisten gefragt wurde, ob er zu CDU-Politikern gehörte, die sich mit der Kreditkarte der Fraktion in Nachtclubs amüsiert haben sollen, räumte der Eifeler die Gerüchte auf Billen-Art aus der Welt „In der Eifel wird der Bock bezahlt, nicht die Geiß“, sagte er.

Nicht zum Lachen war der Tiefpunkt, den er als Abgeordneter erlebte. 2009 legte der Politiker den Vorsitz des Nürburgring-Untersuchungsausschusses nieder, weil er sich über seine Tochter geheime Polizeidaten beschaffte und an Medien weitergab. Seine Tochter habe davon nichts gewusst, sagt Billen bis heute. Ende 2013 wurde er zu einer Geldstrafe von 3600 Euro verurteilt. Der Rechtsweg mit Anwalt, so hört man, habe ihn rund eine viertel Million Euro gekostet. Im Rückblick sagt Billen: „Es war ein Fehler.  Es kann aber nicht falsch sein, aufzudecken, dass Steuergeld verschwendet wird.“ Jahre später nahm Billen die Geschichte mit Jux – und posierte mit zwei Polizisten für ein Foto.

Als Abgeordneter stürzte er nicht, „obwohl Rolf Seydewitz vom Trierischen Volksfreund bestimmt zehnmal meinen Rücktritt gefordert hat und Parteichefin Julia Klöckner die Eifeler CDU bat, mich abzuwählen“. Unvergessen bleibt der Showdown in Bitburg. Billen behauptet, Klöckner habe sich nicht getraut, mit ihm auf die Bühne zu treten. „Ich bin dann alleine raus und sagte: ,Die Frau Klöckner kommt gleich, die ist noch Pipi machen’“, erzählt er und lacht. „Da war ich mir sicher, dass ich gewinne.“ Während die Billen-Fans Klöckner ausbuhten und auspfiffen, siegte der Bauer im Zweikampf gegen Mathilde Weinandy und verteidigte 2011 seinen Wahlkreis. „Eifeler Überlebenskünstler“, titelte der TV. 2016 verlor Billen dann zwar überraschend gegen Nico Steinbach (SPD), zog aber über die Landesliste erneut in den Landtag ein. 2018 besiegte der Eifel-Rebell eine Lungenkrebs-Erkrankung und rauchte seitdem keine Zigarette mehr. Klare Kante behielt er bei. Als das Parlament in der Corona-Krise zunächst in voller Besetzung tagen sollte, schimpfte Billen, den die FAZ  „Billen, the kid“ taufte: „Die haben den Koffer kaputt.“

Als Abgeordneter habe er für die Eifel viel erreicht. Der Flugplatz in Bitburg sei gut vermarktet worden, weil es eine Zusage von Helmut Kohl gab. Den Draht zum Altkanzler pflegte der Eifeler. Kohls Kinder machten gar mal Ferien auf dem Bauernhof in Kaschenbach. Leibwächter brauchten sie nicht – sie hatten ja Billen. Für die Hochmoselbrücke habe er den Grundstein gelegt, weil er dafür gekämpft habe, die A60 von Prüm nach Bitburg vierspurig auszubauen.

Während Michael Ludwig nun auf Michael Billen im Landtag folgt, bleibt der scheidende Abgeordnete der Politik im Eifelkreis treu. Als erster Beigeordneter will er bis 2024 gut 100 Millionen Euro in den Schulen verbauen. Und auch das Schicksal der CDU lässt ihn nicht kalt. „Die Karriere von Merz ist nach der Corona-Krise wohl vorbei. Und was Armin Laschet abgezogen hat, war nicht nur lasch, sondern auch kopflos und orientierungslos. Er muss Jens Spahn vorlassen“, sagt Billen. Bei der  Landes-CDU rät er: „Die CDU muss mit anderen Parteien reden, um sie aus dem Ampellager rauszuholen. Stattdessen prügelt sie lieber auf alle drei Parteien gleichzeitig ein und schweißt sie damit zusammen.“ Den Landtag vermissen, sagt Billen, werde er nicht. „Es wird ja nicht langweilig. Ich bleibe Beigeordneter, Opa, Bauer, Grillmeister, selbstständiger Kopf, Schnapsbrenner“, sagt er und gießt zum Abschied einen Apfelschnaps ein, den er in einem Zug leert. Zum Wohl!