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Nach Bluttat: Opfer will Versöhnung

Nach Bluttat: Opfer will Versöhnung

Schwieriger Prozessauftakt vor dem Trierer Landgericht: Ein 22-Jähriger zeigt Verständnis für einen 61-Jährigen, der ihn im Sommer in Bernkastel-Kues niedergestochen haben soll. Der Angeklagte schweigt dazu.

Trier. Nach dem ersten Prozesstag steht fest, dass sich die Rechtsauffassung einiger Kosovo-Albaner nur schwer mit der deutschen vereinbaren lässt. Ein 22-Jähriger aus dem Kosovo versucht, dem Gericht klar zu machen, dass es völlig normal sei und der Tradition seiner Landsleute entspreche, wenn er seine 17-jährige Freundin, Tochter einer ebenfalls aus dem Kosovo stammenden und im schwäbischen Albstadt lebenden Familie, mit deren Einverständnis "entführt", weil ihre Eltern gegen die Beziehung mit dem fünf Jahre älteren Mann aus Bernkastel-Kues sind. Auch sein Vater zeigt dafür Verständnis, "Millionen" Mädchen passiere das.

Zwar kennen sich die beiden seit mehr als zwei Jahren, haben sich über einen Internet-Chat kennengelernt. Getroffen haben sie sich bis dahin jedoch nur einmal - heimlich, weil sie Angst hat, ihren Eltern die Bekanntschaft zu beichten. Beide telefonieren und mailen sich täglich, sprechen von der großen Liebe, von Verlobung und Hochzeit. Der Vater des jungen Mannes fragt, obwohl er selbst Bedenken gegen die Beziehung hat, per Telefon bei der Familie des Mädchens, ob sie der Beziehung zustimmen, stößt aber, wie er sagt, auf Ablehnung.

Drohungen per Telefon



Daher bringt der 22-Jährige seine Freundin im Juli vergangenen Jahres erstmal in die Wohnung eines Verwandten nach Duisburg. Während ihre Eltern die minderjährige Tochter als vermisst melden und den Vater ihres Freundes am Telefon bedrohen. Er kann seinen Sohn überzeugen, mit dem Mädchen zurück nach Bernkastel-Kues zu kommen und sich dort bei der Polizei zu melden. Vor der Polizeiwache kommt es dann an dem Juli-Sonntag zum blutigen Familienstreit. Der eifersüchtige Vater des Mädchens, der die 17-Jährige von Bernkastel-Kues wieder nach Hause bringen will, soll den damals noch 21-Jährigen vor der Polizeiinspektion mit einem Messer angegriffen haben und ihm einen Stich in den Bauch versetzt haben, der nur knapp die Niere des jungen Mannes verfehlt haben soll. Man könnte annehmen, das Opfer sei wütend, empfinde Hass auf den 61-Jährigen. Stattdessen zeigt er Verständnis für die Tat ("Ich hätte es an seiner Stelle auch getan") versucht sie zu entschuldigen, stellt die Messerattacke des "Schwiegervaters", wie er den Angeklagten immer wieder nennt, sogar als Versehen da.

Er habe ihn sicherlich nicht töten wollen, sagt er. Wenn die Eltern seiner "Verlobten" der Hochzeit mit ihm zustimmen würden, würde er auch die Klage gegen den Vater und Schadenersatzansprüche fallen lassen, lässt sein Anwalt in einen Fax an einen der beiden Verteidiger des angeklagten Vaters wissen.

Nicht nur die Vorsitzende Richterin Petra Schmitz vermutet, dass der 22-Jährige die Tat, an deren Folgen er nach eigenem Bekunden noch heute leidet, runterspielen will, um sich mit der Familie seiner Freundin zu versöhnen. Sie wohnt mittlerweile in Bernkastel-Kues. Im Prozess gegen ihren Vater wird sie nicht aussagen. Dass sich der 22-Jährige mit seiner widersprüchlichen Aussage um Kopf und Kragen redet und ihm damit wahrscheinlich ein Verfahren wegen Falschaussage droht, scheint dem nervös und stellenweise aggressiv auftretenden Mann nicht bewusst zu sein.

Dem Vater des Mädchens fällt es schwer, ruhig zu bleiben. Seine Anwälte haben ihm geraten, zu den Vorwürfen zu schweigen. Seit 1969 lebt der aus dem Kosovo stammende Mann in Deutschland, ist Vater von sechs Kindern. Jahrelang hat er als Schlosser gearbeitet, hat mit dem in Deutschland verdienten Geld ein Haus in seiner alten Heimat gebaut, das im Serbienkrieg zerstört wurde. Seit acht Jahren ist er arbeitslos. Nur einmal kommt er auf seine Tochter zu sprechen, sagt, wie sehr er sie liebt, bevor ihm seine Anwälte dazwischenfahren: Nichts sagen, was ihn belasten könnte. Der Prozess wird heute fortgesetzt.