Nächtlicher Abschiebungsversuch in Büchenbeuren eskaliert – Vater droht mit Suizid

Migration : Nächtlicher Abschiebungsversuch in Büchenbeuren eskaliert – Vater droht mit Suizid

Die Eltern eines Kleinkinds halten die Polizei im Hunsrückort Büchenbeuren in Atem.

Ein verzweifeltes Ehepaar steht auf dem Fenstersims im zweiten Stock eines Hauses. Stundenlang verharrt es dort. Der 29 Jahre alte Mann, Vater eines Kleinkinds, hat ein Messer in der Hand. Er droht, sich und seine Frau umzubringen. Ein Großaufgebot von Polizei und Feuerwehr riegelt die Straße ab, ein Sprungrettungskissen ist aufgebaut, Spezialkräfte versuchen, deeskalierend auf den Vater einzuwirken.

Es sind dramatische Szenen, die sich am frühen Dienstagmorgen in Büchenbeuren (Rhein-Hunsrück-Kreis) abspielen, als die geplante Abschiebung eines Ehepaares und seiner sieben Monate alten Tochter „eskaliert“, wie die Polizei es später nennt. Erst nach gut sieben Stunden kann das Drama endlich friedlich beendet werden.

Doch wie konnte es zu der Ausnahmesituation kommen? Die dreiköpfige Familie aus der russischen Föderation sollte in der Nacht nach Polen „rücküberstellt werden“, wie es im Behördendeutsch heißt. Grundlage hierfür ist das Dublin-Verfahren. „Alle Voraussetzungen“ für die Abschiebung lagen vor, „die gerichtlichen Entscheidungen waren gegeben“, erläutert Jürgen Schlöder, Dezernent der für die in Idar-Oberstein lebende Familie zuständigen Kreisverwaltung Birkenfeld. Doch als die Abschiebung in Büchen­beuren gegen 4 Uhr morgens vorgenommen werden soll, entwickelt sich eine „unerwartete Gefahrenlage“. Zunächst waren die Beamten zur gemeldeten Adresse des Ehepaars in Idar-Oberstein gefahren. Doch die Eltern sind mit ihrer sieben Monate alten Tochter zu Besuch bei Verwandten – einer Familie mit vier Kindern im etwa 30 Kilometer entfernten Büchenbeuren. Die Adresse ist den Behörden offensichtlich bekannt. Dort rückten deshalb am frühen Morgen Beamte der Polizeiinspektion Simmern an – und das Drama nahm seinen Lauf.

„Bei der ersten Kontaktaufnahme an der Wohnungstür konnte die Familie tatsächlich angetroffen werden, wobei sich beide Elternteile sehr destruktiv und unkooperativ verhielten“, schildert die Polizei den Beginn der missglückten Abschiebung. Der Abschiebeversuch eskaliert daraufhin völlig: „Im weiteren Gesprächsverlauf ergriff der 29-jährige Mann ein Messer“, schildert die Polizei. Er kündigte an, sich zu verletzen. „Er drohte gleichzeitig, gemeinsam mit seiner Frau aus dem Fenster im zweiten Stock des Hauses zu springen“, heißt es.

Zur Beruhigung der Lage zogen sich die Polizisten aus der Wohnung zurück. Das Baby des Paars, die gastgebende Familie sowie eine weitere im Haus lebende Familie mit Kindern wurden in Sicherheit gebracht. Kurz vor 5 Uhr wurde dann die Feuerwehr Sohren-Büchenbeuren alarmiert, die über Stunden weiträumig die Hauptstraße abriegelte. Danach versuchten Spezialkräfte, eine gütliche Einigung mit dem Ehepaar zu finden. Stundenlange Verhandlungen begannen. Anwohner berichten von zwischenzeitlichen Schreien und Verzweiflung. Die Polizei versuchte mit der Feuerwehr, die Situation ruhig und kontrolliert zu regulieren. Kurz vor Mittag dann Entwarnung: Der Mann legt um 11.29 Uhr das Messer nieder und stellt sich der Polizei.

Wie die Kreisverwaltung Birkenfeld mitteilt, soll nun das Amtsgericht Idar-Oberstein „über einen Antrag auf Anordnung der Abschiebehaft für den Mann“ entscheiden. „Da der Ehemann und Vater gesundheitliche Probleme angab, erfolgt zurzeit eine medizinische Untersuchung.“ Voraussichtlich am heutigen Mittwoch soll das Amtsgericht entscheiden. Der Antrag auf Abschiebehaft betrifft laut Kreisverwaltung nur den Vater.

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