Naturschutz mit weniger Bäumen

Naturschutz mit weniger Bäumen

Bislang unbemerkt von Öffentlichkeit und Politik vollzieht das Landes-Umweltministerium einen ökologischen Paradigmenwechsel. Noch bevor wie geplant die Gesetze geändert wurden, sind schon alle Forstämter in einem Rundschreiben angehalten worden, auf Ersatzaufforstungen in Wäldern zu verzichten.

Nahezu jede Branche pocht heutzutage auf nachhaltig erzeugte Produkte. Kaum jemand weiß, dass der Begriff der Nachhaltigkeit seinen Ursprung in der Forstwirtschaft hat. Der sächsische Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz prägte ihn im Jahre 1713. Die Forstwirtschaft feiert das Jubiläum bundesweit.

Ausgerechnet im Jubiläumsjahr müssen Forstleute, Holzindustrie und Waldbesitzer einen Schock verkraften: Das rheinland-pfälzische Umweltministerium hat in einem internen Schreiben an die nachgeordneten Forstämter die Devise ausgegeben, das uralte Prinzip des Wald-erhalts gelte nicht mehr. Will heißen: Werden Bäume gefällt, müssen nicht zwingend neue gepflanzt werden. Laut Experten ist das bundesweit einmalig.

Auf TV-Anfrage erklärt das Umweltministerium, ein Referentenentwurf zur Novelle des Naturschutzgesetzes sei derzeit in der Ressortabstimmung. Im Zuge dessen werde auch das Waldgesetz angepasst.
Ziel der angestrebten Gesetzesänderungen sei, "das weitere Anwachsen des Waldes in waldreichen Gebieten des Landes zu vermeiden, da Aufforstungen oftmals zulasten ökologisch ebenfalls sehr wertvollen Grünlandes erfolgen". Der Waldanteil sei kontinuierlich gestiegen, so dass er inzwischen größer sei als die landwirtschaftliche Nutzfläche. In Zukunft solle "eine Zusatzbelastung des Offenlandes sowie der landwirtschaftlich nutzbaren Flächen vermieden werden".

Ausgleichsmaßnahmen für das Roden von Wäldern sollen laut Ministerium künftig vorrangig über eine Aufwertung vorhandener Waldflächen erfolgen oder durch Ersatzgeldzahlungen, die in nutzungsintegrierte Maßnahmen fließen. "Zum Beispiel können auf diesem Weg der Laubholzanteil in unseren Wäldern erhöht oder Feuchtwälder auf Quellstandorten entwickelt werden", sagt eine Sprecherin.

Der Schutz des Waldes im Sinne des Waldgesetzes wird nach Ansicht des Ministeriums weiterhin gewährleistet, und zwar durch den Umbau zu naturnahem Wald, die FSC-Zertifizierung des Staatswalds, den Schutz von Biotopbäumen sowie den geplanten Nationalpark im Hunsrück und Hochwald.
"Damit wird gegen geltendes Recht verstoßen und nach Gutsherrenart verfahren", klagt Wolfgang Schuh, Geschäftsführer des Waldbesitzerverbands Rheinland-Pfalz. Im Waldgesetz sei formuliert, dass der Wald zu erhalten, zu schützen und erforderlichenfalls zu mehren sei. Neue Gesetzentwürfe lägen nicht vor.
Das Ministerium weist diesen Vorwurf zurück. Die Empfehlung im Rundschreiben an die Forstämter, Ersatzaufforstungen nur noch im Einzelfall vorzusehen, sei "im Rahmen des geltenden Rechts, das keine Verpflichtung zur Ersatzaufforstung vorsieht", erfolgt.

Kritiker Schuh verweist derweil darauf, der Verzicht auf Ersatzaufforstungen bei Baumaßnahmen sei "der zweite Streich". Vor zwei Jahren habe das Ministerium schon die Fördermittel für Erstaufforstungen gestrichen. "Wir finden das alles sehr merkwürdig", kritisiert Schuh. Man ignoriere den großen Holzbedarf und nehme in Kauf, dass künftig Holz aus Ländern importiert werden müsse, die nicht so hohe Umweltstandards hätten.
Michael Billen, forstpolitischer Sprecher der CDU, kann die neue Maxime des Umweltministeriums ebenfalls nicht nachvollziehen. Über Generationen hinweg seien die Wälder als wertvolle Öko-Systeme standortgerecht bewirtschaftet worden. Diese Nachhaltigkeit werde "aus ideologischen Gründen" zerstört.
Auch der Bund Deutscher Forstleute (BDF) beklagt den beabsichtigten Verzicht der Landesregierung auf die Walderhaltung. "Im Interesse der Allgemeinheit und insbesondere der künftigen Generationen" müssten die Pläne verhindert werden, heißt es in einem Brief an eine CDU-Landtagsabgeordnete, der dem Volksfreund vorliegt.

Naturschützer und Landwirte vertreten eine konträre Ansicht. "Wir begrüßen das ausdrücklich", sagt Siegfried Schuch, Landesvorsitzender des Naturschutzbundes (Nabu). Seit Jahrzehnten nehme der Landschaftsverbrauch durch Städte, Straßen und Gewerbegebiete zu, und weil der Waldanteil bislang nie reduziert worden sei, "geht das immer zulasten von Äckern, Wiesen und Weiden". Der Anteil des Grünlandes müsse gesteigert werden.Meinung: Höfken macht sich das Leben schwer

Die einen sind begeistert, die anderen entsetzt: Kaum hat der Volksfreund Bauern, Förster, Naturschützer und Waldbesitzer mit den Plänen von Umweltministerin Ulrike Höfken konfrontiert, zeichnet sich schon ab, dass die Grüne es nicht allen recht machen kann. Zu unterschiedlich sind die Interessenlagen, um alle unter einen Hut zu bringen. Insofern verspricht das Gesetzgebungsverfahren spannende Diskussionen.
Der Mut der Ministerin, die jahrhundertealte Forstpraxis infrage zu stellen, ist bemerkenswert. Allerdings macht sich Ulrike Höfken das Leben unnötig schwer. Denn es zeugt von einem seltsamen Demokratieverständnis, einen vorauseilenden Erlass an die Forstämter herauszugeben, noch ehe sich die parlamentarischen Gremien mit dem Thema befasst haben.
Offiziell werden die Pläne damit begründet, wertvolles ökologisches Grünland solle endlich geschützt werden. Aufhorchen lassen allerdings die Worte Nationalpark und Windräder. Soll der Wald etwa zugunsten eines Prestigeprojektes, das anders nicht zu finanzieren ist, und der Energiewende vernachlässigt werden? Das wäre fatal.  f.giarra@volksfreund.de

Extra: Entwicklung der Waldfläche
Rheinland-Pfalz ist neben Hessen das waldreichste Bundesland. 42 Prozent der Landesfläche, 833?000 Hektar, sind laut Landesforsten von Wald bedeckt. 2011 übertraf die Waldfläche erstmals die Landwirtschaftsfläche, und zwar um 1400 Hektar. Nach Angaben des Umweltministeriums sind im vergangenen Jahr 55,5 Hektar Wald gerodet und 103,9 Hektar Wald aufgeforstet worden, so dass sich ein Zuwachs von 48,4 Hektar ergeben hat. Im Jahr 2011 gab es ein Plus von 65,6 Hektar. Für 2013 liegen noch keine Zahlen vor.

Mehr von Volksfreund