Kostenpflichtiger Inhalt: Umwelt : Bauern kritisieren Messungen: Flächen, so rot wie der Zorn

Wenn es um den Grundwasserschutz geht, steht Deutschland extrem schlecht da. Die Nitratwerte sind vielerorts so hoch, dass Wasserversorger sich Sorgen um das Lebensmittel Nummer 1 machen. Bauern, die um ihre Existenz fürchten, kritisieren, das Messnetz sei mangelhaft. Der TV ist der Sache auf den Grund gegangen.

„Ist der Bauer ruiniert, wird Dein Essen importiert“, steht draußen auf Plakaten, die Traktoren wie Schilde vor sich hertragen. Drinnen im Jakobushaus im Saargau-Ort Fisch drängen sich am Mittwochabend rund 100 Landwirte. Sie sind gekommen, um sich zu informieren über das, was die Politik mit ihnen vorhat. Oder besser: schon wieder mit ihnen vorhat. Die „alte“ Düngeverordnung vom September 2019 ist noch so neu, dass es nicht einmal Onlineformulare gibt, in die Landwirte all die Stickstoffwerte eintragen könnten, die sie ab sofort erheben müssen – so neu, dass die Aufsichtsbehörde noch gar nicht alle Regeln für die Praxis festgezurrt hat, da wird schon wieder über die nächste Novelle gestritten.

Im April soll sie in Kraft treten. Und der Frust der Bauern ist groß.

Im Zentrum der Debatte stehen Gebiete, in denen die Nitratbelastung zu hoch ist. Schon sehr lange sind diese Gebiete rot wie Alarmknöpfe. Rot wie der Zorn. Doch hatten sie bisher zu wenig Bedeutung, als dass Landwirte ihretwegen mit Tausenden Traktoren Richtung Hauptstadt fahren oder vor Gericht Klage einreichen würden.

Die geplante Novelle der Düngeverordnung hat all das verändert. Plötzlich sollen diese roten Gebiete, die zeigen, wo die Nitratbelastung des Grundwassers den Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter überschreitet, entscheiden, wie und wann ein landwirtschaftlicher Betrieb düngen darf. Und schon brennt die Debatte darüber, ob das Messnetz überhaupt geeignet, dicht genug oder repräsentativ ist – und wer die Schuld an der Misere trägt, die das Ende vieler kleinbäuerlicher Betriebe bedeuten könnte. In der hitzigen Debatte werden viele Halbwahrheiten ins Feld geführt. Hier Fragen und Antworten zum Thema.

Welche Neuerungen sind geplant?

Im April soll eine neue Düngeverordnung in Kraft treten und dafür sorgen, dass insgesamt weniger Mist und Gülle auf die Felder und (wahrscheinlich auch Wiesen) kommen. In den roten Gebieten sind neue Total-Düngeverbote für den Herbst geplant. Zudem soll die maximal zulässige Düngemenge im Betriebsschnitt um 20 Prozent gesenkt werden.

Ist das wirklich existenzgefährdend?

„Ja“, sagt Christa Thiex vom Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Eifel. Wenn Pflanzen 20 Prozent unter Bedarf gedüngt würden, dann setze dies nach einigen Jahren eine Abwärtsspirale in Gang: Erträge und Qualität sinken. Statt Brotweizens können Landwirte dann zum Beispiel nur noch Futterweizen produzieren. Betroffen seien aber vor allem die Viehhalter, die die Gülle über Herbst und Winter lagern müssen. Ein neuer Güllebehälter kann schnell um die 100 000 Euro kosten. Auch Thiex Kollege Friedhelm Fritsch, Leiter der Wasserschutzberatung in Rheinland-Pfalz, glaubt, dass die Neuerungen den Strukturwandel hin zu immer weniger, immer größeren Betrieben, beschleunigt. Bauern hätten die Möglichkeit, den Dünger zu lagern, ihre Viehbestände zu verkleinern oder aufzuhören. „Es geht den Landwirten wirklich finanziell an den Kragen“, sagt Fritsch, der in roten Gebieten mit Einkommensverlusten von fünf bis zehn Prozent rechnet. Für alle, die jetzt schon am Rande der Existenz arbeiten, könne dann Schluss sein.

Hat Deutschland ein Nitratproblem?

„Ja“, lautet die Antwort des rheinland-pfälzischen Umweltministeriums. Die Nitratgehalte im Grundwasser seien zu hoch. „An vielen Orten wird es zunehmend Probleme geben, die Trinkwasserversorgung sicherzustellen, da Leitungswasser maximal einen Nitratgehalt von  50 Milligramm pro Liter aufweisen darf.“  Wenn die Belastung zu hoch ist, mischen betroffene Wasserwerke bisher unbelastetes Wasser hinzu.

Warum ist Nitrat gefährlich?

Nitrat kann zu Nitrit umgewandelt werden. Bei Säuglingen kann Nitrit zu Sauerstoffmangel in lebenswichtigen Organen führen („Blausucht“). Bei Erwachsenen kann es im Magen krebserregende Nitrosamine bilden.

Kommt das Nitrat wirklich aus der Landwirtschaft?

„Das meiste Nitrat im Grundwasser kommt ganz eindeutig aus der Landwirtschaft“, teilt das Mainzer Umweltministerium mit. Das belege das Umweltbundesamt in seinem Forschungsprojekt „Reaktive Stickstoffflüsse in Deutschland 2010-2014“. Demnach stammen 88 Prozent des Nitrats im Grundwasser von Landwirtschaftsflächen. Außerdem hätten Messstellen im Einzugsbereich von Ackerland bedeutend höhere Nitratkonzentrationen als unter Wald. Im Forst werde der Grenzwert nur bei zwei Prozent der Messstellen überschritten. Im Grünland zeigen acht Prozent der Messstellen zu hohe Werte, unter Siedlungen sechs Prozent. Ganz anders sehe das bei Ackerflächen oder Sonderkulturen aus: Dort werde der Grenzwert bei 33 Prozent der Messstellen überschritten. Regional gebe es zwar Belastungen aus undichten Kanälen. „Diese Einträge sind allerdings örtlich begrenzt und fallen nicht ins Gewicht“, schreibt das Ministerium.

Wo ist die Belastung am größten?

47 der 117 rheinland-pfälzischen Grundwasserkörper sind in chemisch schlechtem Zustand (mehr als 50 Milligramm Nitrat pro Liter). Besonders hohe Belastungen finden sich in den Gemüseanbaugebieten um Frankenthal und Ludwigshafen, in rheinhessichen Wein- und Obstbaugebieten, in der Vorderpfalz sowie im Nahe- und Moseltal. In der Region Trier sind neben dem Moseltal  auch die Westeifel – insbesondere das Bitburger Land – die Wittlicher Senke, das Saartal und der Saargau als rote Gebiete ausgewiesen (siehe Karte).

Wie wird das überhaupt gemessen?

Laut Mainzer Umweltministerium gibt es landesweit 278 Grundwassermessstellen, die zu verschiedenen Messnetzen gehören. 255 davon dienen zur Bewertung der Grundwasserkörper im Sinne der Wasserrahmenrichtlinie und auch zur Einteilung in rote und grüne Gebiete. Sie sollen das oberflächennahe Grundwasser überwachen und repräsentativ sein für die Verteilung der Landnutzungen Siedlung, Wald, Grünland, Acker und Sonderkulturen. Im landesweiten Mittel gibt es eine Messstelle je 78 Quadratkilometer. In landwirtschaftlich intensiv genutzten Gebieten je 28 Quadratkilometer. Ergänzt werden diese Daten in Rheinland-Pfalz um solche von 1362 anderen Grund- und Rohwassermessstellen. Meist stellen Wasserversorger diese zur Verfügung. Als rot ist ein Grundwasserkörper dann eingestuft, wenn „die Summe der Flächen mit zu hohen Nitratwerten gleicher Nutzungsart größer als ein Drittel der Gesamtfläche, mindestens aber 25 Quadratkilometer ist“.

69 der 278 Messstellen dienen als Basis für Berichte an die Europäische Umweltagentur (bundesweit gibt es 1215 dieser Messstellen).

35 dieser 69 Messstellen erfassen nur den Einfluss der Landwirtschaft. Sie gehören zum EU-Nitratmessnetz (bundesweit dienen 697 Messstellen diesem Zweck). Sie liegen in Acker, Grünland und Sonderkulturen. Für den Nitratbericht, der 2012 nach Brüssel ging, gab es lediglich elf Messstellen im ganzen Bundesland.

Alle vier Jahre bewertet die EU auf Grundlage der Daten, wie effektiv die Nitratrichtlinie umgesetzt wird. Deutschland und andere Staaten entschieden 1991, das Aktionsprogramm nicht nur für einzelne Flächen, sondern für ihr gesamtes Gebiet anzuwenden.

Was ist ein Grundwasserkörper?

Nach der europäischen Wasserrahmenrichtlinie  sollen Grundwässer „einer Flussgebietseinheit zugeordnet“ werden. Die Länderarbeitsgemeinschaft Wasser hat den Text der Richtlinie so konkretisiert: „Die Grenzen eines Grundwasserkörpers werden mit den oberirdischen Einzugsgebietsgrenzen eines Flussgebietes gleichgesetzt“. Ihre Fläche soll zwischen 50 und 500 Quadratkilometern liegen.

Wie viele Messstellen gibt es je Grundwasserkörper?

In der Regel gibt es laut Ministerium pro Grundwasserkörper ein bis drei Messstellen. Ergänzt würden diese Daten landesweit um Ergebnisse von 1362 sonstigen Grund- und Rohwassermessstellen. Wer sich online im rheinland-pfälzischen Geoportal einen Überblick verschaffen möchte, findet dort allerdings nur ein bis drei Punkte pro Gebiet.

Überaus verwirrend ist: In einigen Flächen, wie dem Grundwasserkörper „Mosel RLP1“ sind nur zwei Messstellen eingetragen und bei beiden ist der Nitratwert okay. Dennoch ist das gesamte Gebiet rot eingezeichnet. Ganz ähnlich sieht es bei „Prüm 1“ und anderen aus. Wieso? Die Antwort des Ministeriums: „Im Internet werden nicht alle dem Landesamt für Umwelt zur Verfügung stehenden Messstellen dargestellt.“ Rohwasserdaten der  Wasserversorger dürften nicht veröffentlicht werden.

Warum hat der Bund der EU 2016 viel bessere Werte gemeldet als 2012?

Die Antwort ist ebenso einfach wie erstaunlich: Die Ergebnisse des Nitratberichts 2012 basierten laut Umweltbundesamt auf den Ergebnissen von bundesweit nur 162 Messstellen in Gebieten mit hoher Nitratbelastung. Man verfolgte gar nicht erst das Ziel, repräsentativ zu sein. „Kein anderes Land war so blöd wie wir“, sagt DLR-Wasserschutz-Experte Fritsch.

Andere Länder reichten statt eines solchen „Belastungsmessnetzes“ Hunderte oder Tausende Daten ein, die ein viel differenzierteres Bild ergaben. 2012 bemängelte die EU denn auch die zu geringe Messstellendichte. Für den Nitratbericht 2016 wurde ab 2014 also ein neues Netz entwickelt, das laut Bundesamt „einen repräsentativen Überblick über die Auswirkungen der landwirtschaftlichen Nutzung auf die Grundwasserbeschaffenheit erlaubt“. Jetzt sind es knapp 700 Messstellen, davon 35 in Rheinland-Pfalz. Nur noch 28 Prozent zeigen zu schlechte Nitratwerte. Zuvor waren es 50 Prozent. Doch auch an diesem Messnetz gibt es Kritik. So kritisiert der niedersächsische Agrarstatistiker Georg Keckl, die Zahl der Messstellen sei im EU-Vergleich weiter „lächerlich gering“ und nicht repräsentativ. Ohnehin bemängelt er die europäischen Nitratmessnetze als politisch. Sie seien nicht von unabhängigen Statistikern erhoben.

Wie oft wird gemessen?

Wo wenig Veränderungen zu erwarten sind – zum Beispiel unter Wald oder im tiefen Grundwasser – werden in Rheinland-Pfalz nur alle sechs Jahre Proben genommen. Da, wo viel Nitrat ins Grundwasser gelangt, zwei mal jährlich.

Wie aktuell sind die Daten?

Die jüngsten Daten stammen aus den Jahren 2007 bis 2012. Alle sechs Jahre müssen die Grundwasserkörper überprüft werden. Die jüngsten Messungen und Auswertungen sind derzeit im Gange.

Was kritisieren Landwirte?

Vieles. Zum einen wehren sie sich dagegen, als „Brunnenvergifter“ dargestellt zu werden. Im Zentrum ihrer Kritik, das zeigte sich am Mittwoch bei der Versammlung in Fisch, steht aber die Bundespolitik. Diese habe es 30 Jahre lang versäumt, das Nitratproblem zu lösen und drücke nun mit aller Gewalt eine Regelung durch, um Strafzahlungen an die EU zu verhindern. Auch das System der Nitratmessungen kritisieren die Landwirte massiv. Manche Messstellen lägen in der Nähe von alten Mülldeponien oder unter Städten. Seien die Werte zu hoch, dann werde womöglich der gesamte Grundwasserkörper zu einem roten Gebiet erklärt und die Landwirtschaft müsse dies ausbaden. Rückendeckung bekommen die Landwirte in diesem Punkt vom Wasserschutzexperten Fritsch. „Das System wurde nicht dafür geschaffen“, sagt er. Eine Messstelle unter der Stadt Trier zeige eine Belastung an, die mit der Landwirtschaft nichts zu tun habe. Eine Lösung wäre aus seiner Sicht ein rein landwirtschaftliches Messnetz.

Wenig Verständnis äußerte Klaus-Peter Weinand aus Bitburg auch dafür, dass es für fast alles eine Din-Norm gebe, während die Nitratmessungen völlig ohne verbindliche Standards „Pi mal Daumen“ erfolgten.

Wird das Messnetz jetzt geändert?

Die Landesregierung ist nach eigener Auskunft derzeit ohnehin dabei, Zahl und Standorte der Messstellen zu überprüfen. „Umwelt- und Landwirtschaftsministerium wollen Transparenz und Akzeptanz sicherstellen und gehen jedem Hinweis auf vermeintliche Fehlerhaftigkeit einer Messstelle nach“, heißt es aus Mainz. Das Umweltministerium sei auch gerne bereit, jeden Standort fachlich zu erläutern. Sofern es konkrete Hinweise auf fehlerhafte Standorte oder Messergebnisse gebe, werde das geprüft und falls nötig behoben.

Werden rote Gebiete noch unterteilt?

Ja. Eine „betriebsbezogene Überwachung“ des Grundwassers sei nicht möglich. Daher planen Umwelt- und Landwirtschaftsministerium zur „Binnendifferenzierung“ der roten Gebiete folgendes: Neben den Grundwasserdaten sollen auch Nährstoffüberschüsse einzelner Schläge betrachtet werden. Eine landesweite Modellierung soll auf Gemeindeebene kleinräumig Auskunft geben, welche Gebiete durch landwirtschaftliche Einträge gefährdet sind. Damit beauftragt wurden das Forschungszentrum Jülich und das Johann Heinrich von Thünen-Institut in Braunschweig. 2020 sollen Ergebnisse vorliegen.

ARCHIV - ARCHIV - ILLUSTRATION - 08.03.2013, Niedersachsen, Hannover: Leitungswasser läuft in ein Glas. Über eine drohende Kostensteigerung bei den Trinkwassergebühren wird am 17.05.2018 im niedersächsischen Landtag debattiert. Foto: Lukas Schulze/dpa +++ dpa-Bildfunk +++. Foto: dpa/Lukas Schulze

So lasse sich nicht nur konkretisieren, welche Gebiete in den roten Bereichen wirklich betroffen sind, „sondern auch belastete Bereiche in ,grünen Grundwasserkörpern’ ermitteln und den gefährdeten Gebieten zuschlagen“, teilt das Umweltministerium mit. Das heißt: Auch mancher Landwirt, der sich bisher sicher wähnte, könnte von den strengeren Regelungen betroffen sein. In Fisch zeigte sich bereits, dass die Landwirte von dieser Methode wenig halten, weil schwer nachzuvollziehen ist, wie das Ergebnis zustande kam. Mit einem transparenten Messnetz hingegen könne man sich arrangieren, sagte Matthias Kohl aus Palzem.