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Notärzte warnen vor Corona-Hysterie

Notärzte warnen vor Corona-Hysterie

Die Corona-Epidemie zwingt auch Kinderärzte in eine zweiwöchige Quarantäne. Notärzte halten das für übertrieben. So würden weniger kranke Kinder behandelt, heißt es auf einer großen Tagung von Medizinern.

Notärzte haben Politiker und Bürger vor einer Coronavirus-Hysterie gewarnt. „Wir haben keine medizinische Lage, wir haben eine politische Lage“, sagte der Präsident eines Kongresses mit rund 1400 Notärzten und Rettungskräften in Koblenz, Jörg Brokmann, am Freitag. Der neue Erreger Sars-CoV-2 habe beispielsweise im besonders stark betroffenen nordrhein-westfälischen Kreis Heinsberg zur Quarantäne von vier Kinderärzten und somit zu weniger Behandlungen kranker Mädchen und Jungen geführt. „Da ist aus meiner Sicht überreagiert worden“, sagte der Leiter der Zentralen Notaufnahme des Universitätsklinikums Aachen.

Covid-19-Erkrankungen seien „genauer betrachtet eine etwas schwerwiegendere Grippe“ mit meist mildem Verlauf. Deswegen sollten Ärzte und Sprechstundenhilfen ohne Symptome nicht gleich in Quarantäne kommen und Praxen so zur Schließung zwingen. Die Aufklärung der Bevölkerung und die Vorbereitung auf die nächste derartige Krankheitswelle müssten verbessert werden, forderte Brokmann.

Er erinnerte auch an die hohe Zahl von Influenza-Toten in Deutschland: Infolge der starken Grippewelle in der Saison 2017/18 zum Beispiel waren bundesweit schätzungsweise 25 000 Menschen gestorben.

Zugleich begrüßte Kongresspräsident Brokmann einen Gesetzentwurf aus dem Haus von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Patienten sollen demnach bei akuten Beschwerden seltener direkt in die derzeit oft überlaufenen Notaufnahmen der Kliniken kommen. Künftig sollen sie vielmehr über die Nummer der Kassenärzte, 116117, in weniger gravierenden Fällen verstärkt auch zu einem ärztlichen Bereitschaftsdienst oder einer normalen Arztpraxis gelotst werden. Dies könne die Notaufnahmen entlasten, sagte Brokmann. Gut wäre allerdings, wenn es nur noch eine und nicht zwei Telefonnummern für hilfesuchende Patienten gäbe, also gemäß einer „europaweiten Vorgabe“ beispielsweise lediglich noch die 112.

Auf die Frage, ob wegen der Ansteckungsgefahr durch das neuartige Coronavirus eine Absage der Tagung erwogen worden sei, antwortete ein Kongresssprecher, von der Stadt Koblenz als Betreiberin der Rhein-Mosel-Halle gebe es keine Einschränkungen. Bei den Tagungsteilnehmern sei es zu „einigen Abmeldungen“ gekommen, weil ihre Kliniken sie mit Blick auf das Virus Sars-CoV-2 nicht weggelassen hätten - wegen der Ansteckungsgefahr oder der hohen Arbeitsbelastung. Auf dem Kongress forderten Schilder zu vorsorgender Hygiene auf, zum Beispiel zu gründlichem Händewaschen mit Seife und anschließender Nutzung von Desinfektionsmitteln. Das zweitägige Symposium sollte am Freitag zu Ende gehen.