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Nur leichte Entspannungssignale an der Suchtfront

Nur leichte Entspannungssignale an der Suchtfront

Die Lust der Deutschen auf Alkohol ist ungebrochen: Rund 135 Liter hat jeder Bundesbürger 2012 im Schnitt getrunken, am liebsten Bier. So heißt es im neuen Jahrbuch Sucht, das am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde.

Berlin. Unter den vielen Daten über das Suchtverhalten, die die "Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen" in jedem Frühling in ihrem Jahrbuch veröffentlicht, gibt es dennoch positive Tendenzen. Vor allem beim Rauchen. Doch beim Alkohol bleibt der Konsum hoch, so dass die Experten Konsequenzen fordern. Darunter eine drastische Anhebung der Alkoholsteuer. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten zur jüngsten Veröffentlichung:
Haben die Antiraucher-Gesetze etwas bewirkt?
Ganz offensichtlich, obwohl auch das generell gestiegene Gesundheitsbewusstsein geholfen haben könnte. Jedenfalls ist der Tabakkonsum in Deutschland seit 2000 von 1699 Zigaretten je Einwohner und Jahr auf nur noch 996 Zigaretten im Jahr 2013 gesunken. Allerdings sind unversteuerte Zigaretten nicht erfasst. Zugleich sank der Anteil der Raucher. 2011 qualmten noch 33 Prozent der erwachsenen Männer und 27 Prozent der Frauen. Im Jahr 2000 waren die Quoten jeweils etwa fünf Prozentpunkte höher. Dabei wird in sozial schwachen Schichten fast doppelt so häufig geraucht wie in den besseren Kreisen. Auch positiv: Nur noch zwölf Prozent der Jungen und 13 Prozent der Mädchen greifen zur Zigarette. Auch unter den Jugendlichen gilt allerdings die soziale Komponente: je niedriger der Bildungsgrad, desto mehr wird gequalmt.
Wie verläuft die Entwicklung beim Alkohol?
Was die soziale Seite angeht, ganz anders. Der Konsum liegt hier umso höher, je höher Bildungsgrad und Einkommen sind. 37,3 Prozent der Männer mit niedrigem Sozialstatus trinken in "riskanter Weise", also mehr als 24 Gramm reinen Alkohol pro Tag. Aber 41,2 Prozent der Männer aus den oberen Schichten.
Noch drastischer ist der Unterschied bei den Frauen: Da ist der Anteil "unten" mit 18,5 Prozent nur fast halb so hoch wie "oben" mit 30,5 Prozent. Hier gilt das gute Glas Wein als "in" und sogar, wie die Autoren kritisieren, als gesund. Gerne auch täglich. "Und wenn die Leute auf Bio stehen, gibt es eben Biowein."
Generell ist zwar auch beim Alkohol ein Minustrend zu verzeichnen, von 10,5 Liter Reinalkohol im Jahr 2000 auf 9,5 Liter im Jahr 2012, doch ist er nur sehr leicht. Und Deutschland bleibt europaweit immer noch im oberen Drittel beim Trinken. 74000 Todesfälle im Jahr gehen hierzulande auf Alkohol allein oder in Kombination mit Tabak zurück.
Alkohol sei zu billig und sogar taschengeldkompatibel, meinen die Suchtexperten. Deswegen gehe auch das "Komasaufen" Jugendlicher weiter.
Sie empfehlen eine Anhebung der Alkoholsteuer vor allem bei Wein (wo derzeit gar keine erhoben wird) und bei Bier auf einheitlich 15 Euro je Liter Reinalkohol. Das würde die Flasche Wein um 1,10 Euro und ein Bier um 13 Cent verteuern.
Was ist mit den harten Drogen und Medikamenten?
Hier gibt es ausnahmsweise fast nur positive Nachrichten. Harte Drogen sind "out". Heroin bewegt sich mit einer Konsumentenrate von rund 0,2 Prozent der 18- bis 64-Jährigen fast an der Nachweisgrenze, Kokain mit 0,8 Prozent nur knapp darüber.
Bei Cannabis - das als weiche Droge gilt - ist der Gebrauch zwar höher, aber insgesamt auch rückläufig. 2006 konsumierten 1,8 Prozent der Männer Hasch in missbräuchlicher, also umfangreicherer Weise, 2012 waren es nur noch 1,5 Prozent. Bei den Frauen ging die Quote von 0,5 auf 0,4 Prozent zurück.
Freilich reichten die verbrauchten Drogen immer noch für 944 Rauschgifttote im Jahr 2012 (gegenüber 1307 in 2005). Wenige langfristige Vergleichszahlen gibt es bei suchtmachenden Medikamenten, weil viele Konsumenten ihre Packungen neuerdings über das Internet bestellen. Die Experten schätzen, das 1,4 bis 1,9 Millionen Menschen in Deutschland von Pillen abhängig sind.