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"Ohne Hilfe wären wir schnell am Ende"

"Ohne Hilfe wären wir schnell am Ende"

Die Personalnot im Pflegebereich ist groß. Vor allem in der häuslichen Kinderkrankenpflege wird es immer schwerer, offene Stellen zu besetzen. Das hat schlimme Folgen für die betroffenen Familien.

Trier. Jonathan ist heute gut gelaunt. Immer wieder erstrahlt ein Lachen auf dem Gesicht des Fünfjährigen. "Das ist leider nicht immer so", erzählt Jonathans Mutter, Claudia Schmitz, und streicht ihm liebevoll über den Kopf. "Besonders wenn er schlecht schläft, ist es für uns nicht einfach."
Dass Jonathan, der in der 25. Schwangerschaftswoche zur Welt gekommen ist, drei Tage danach eine schwere Hirnblutung erlitten hat und seitdem intensiv gepflegt werden muss, eigentlich nie lange schläft, verrät die Mutter nur beiläufig. Dann werden für sie und ihren Mann Christian die Nächte zu Tagen.Nervlich kaum zu ertragen


In Kombination mit Beruf, Alltag und den Bedürfnissen von Jonathans Zwillingsschwester Luisa, die einen ganz normalen Schlafrhythmus hat, schafft das eine auf Dauer körperlich und nervlich kaum zu ertragende Situation. Für 35 Stunden in der Woche hat die Krankenkasse deshalb der Familie eine Kinderkrankenpflegerin genehmigt, die in den Nächten da ist und den Jungen im Auge behält. Denn Jonathan erbricht sich häufig. "Das hat schlimme Folgen, wenn es nicht sofort bemerkt wird."
Sechs Nestwärme-Pflegerinnen wechseln sich derzeit im Dienst bei Familie Schmitz ab. Keine einfache Situation, wie Anne Heinz, stellvertretende Pflegedienstleiterin des Sozialunternehmens bestätigt. Die hohe Zahl an Teilzeitkräften sei auch ein Beleg für die schwierige Personalsituation in der häuslichen Kinderkrankenpflege. An vier Nächten habe im vergangenen Monat der Pflegenachtdienst sogar komplett ausfallen müssen.
Nestwärme-Geschäftsführerin Elisabeth Schuh spricht von derzeit neun nicht besetzten Vollzeitstellen. "Wir haben alles versucht, aber wir bekommen einfach kein Personal." Die Situation sei so schwierig, dass man bereits Familien habe abweisen müssen.Luxemburg lockt Kräfte weg


Die Zahlen der Agentur für Arbeit und der Landesregierung belegen den großen Bedarf im Pflegebereich (siehe Extra). Speziell in der Kinderkrankenpflege verstärken mehrere Aspekte zusätzlich die Personalnot. So lockt das nahe Luxemburg mit deutlich höherem Einkommen. 2800 bis 3400 Euro Grundgehalt kann eine Vollzeitkraft bei der Nestwärme verdienen. Netto ist fast das Doppelte in Luxemburg möglich, wo auch in immer mehr Kindergärten Pflegekräfte gebraucht werden. Es ist das Thema Inklusion, welches im Nachbarland wie in der Region Trier eine zunehmende Rolle spielt: Behinderte Kinder sollen die Möglichkeit haben, Regelkindergärten zu besuchen und benötigen dort zusätzliche, speziell ausgebildete Fachkräfte zur pflegerischen Versorgung. Georg Binninger, Leiter der Abteilung Erziehung und Bildung beim Bistum Trier, nennt konkrete Zahlen: "Zum Stichtag 31. Dezember hatten wir in den 526 katholischen Kitas im Bistum 261 Plätze für Kinder mit Beeinträchtigungen." Das scheint angesichts der Gesamtzahl von 42 547 Betreuungsplätzen zwar nicht viel. Beim Blick auf die geringe Zahl der Ausbildungsplätze in der Kinderkrankenpflege wird aber deutlich, warum sich jede examinierte Fachkraft nahezu jede Stelle frei aussuchen kann.
Das Mutterhaus der Borromäerinnen ist die einzige Pflegedienstschule in der Region, in der auch Kinderkrankenpflegerinnen ausgebildet werden. Pflegedienstdirektorin Christel Kallies weiß, dass die 16 jährlich dort examinierten Kinderfachkräfte gerade ausreichen, um den Eigenbedarf des Krankenhauses zu decken. "Wer heute ein Pflegeexamen hat, kann sich fünf Stellen aussuchen", sagt Kallies.
Beste Berufschancen für Pflegekräfte bestätigt auch der auf das Gesundheitswesen spezialisierte Personalvermittler Christian Garnier: "Eine ausgebildete Fachkraft kann wählen, was sie machen und wo sie hingehen will." Der "Head-Hunter" für den Pflegebereich berichtet von Begrüßungsgeld und Abwerbeprämien, mit denen mancherorts den Fachkräften die Entscheidung für eine neue Stelle leichter gemacht werden sollen. Der Personalvermittler, der auch schon für den Nestwärme e.V. aktiv war, sucht inzwischen Pflegekräfte auch im Ausland. "Sehr interessant sind auch Menschen mit Migrationshintergrund. Allerdings wird dann die Sprachkompetenz zu einem wichtigen Thema." Denn ausreichende Sprachkenntnisse sind in Rheinland-Pfalz Voraussetzung für die Arbeit in Gesundheitsberufen. Bis zur Anerkennung und Erlaubnis, in Deutschland mit Patienten zu arbeiten, vergeht oft ein ganzes Jahr.
So lange warten können weder Jonathan, noch seine Eltern, noch die anderen Kinder und deren Familien, die auf umfassende ambulante Hilfe angewiesen sind. "Wir haben es schon ohne Hilfe probiert", sagt Claudia Schmitz, "aber da waren wir nach einigen Wochen alle komplett am Ende".Extra

Arbeitsmarkt Pflege: 67 734 pflegebedürftige Kinder bis zum Alter von 15 Jahren leben laut Pflegestatistik 2011 in Deutschland. Die Zahl der intensivpflegebedürftigen Kinder, die im häuslichen Umfeld betreut werden, ist statistisch nicht erfasst, wird aber auf etwa 2000 geschätzt. Im Großraum Trier und im Saarland betreut der Kinderpflegedienst der gemeinnützigen Nestwärme GmbH derzeit 50 Familien. Kinder, die nicht oder nur bedingt selbstständig atmen können, haben den Anspruch auf eine 24-Stunden-Betreuung. Um diese zu leisten, werden bis zu zwölf Voll- und Teilzeitkräfte benötigt. Nestwärme ist der einzige Sozialdienst in der hiesigen Region, der diese umfassenden Leistungen für die häusliche Kinderkrankenpflege anbietet. Nach Angaben von Geschäftsführerin Elisabeth Schuh dauert es derzeit bis zu drei Monate, um ein komplettes Pflegeteam zusammenzustellen. Um der großen Personalnot entgegenzuwirken, setzt Nestwärme nun besonders auf Berufsrückkehrerinnen aus dem Pflegebereich, um diese für die Kinderkrankenpflege zu qualifizieren. Das soll auch für die Beschäftigung auf Stundenbasis und Teilzeit möglich sein. r.n. Kontakt: Nestwärme gGmbH, Christophstraße 1, Trier, Telefon 0651/99201211 oder per E-Mail: elisabeth.schuh@nestwaerme.deExtra

Zur Fachkräftesituation im Gesundheitswesen in der Region Trier gibt es keine Auswertungen, die sich speziell auf Intensivpflege oder -medizin beziehen. Die Zahlen der Agentur für Arbeit geben dennoch einen guten Eindruck von der Situation auf dem Arbeitsmarkt. In der Region Trier sind 158 122 Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt, davon arbeiten 25 176, also 16 Prozent, im Gesundheits- und Sozialwesen. Gesundheit und Soziales ist somit nach dem verarbeitenden Gewerbe die Branche mit den meisten Beschäftigten - 80 Prozent sind Frauen. Hinzu kommen laut Arbeitsagentur 5300 Minijobber. Von allen sozialversicherungspflichtig beschäftigten Arbeitnehmern im Gesundheits- und Sozialwesen sind 3600 in der Alten- und Körperpflege tätig. Weitere 14 200 arbeiten in medizinischen Gesundheitsberufen, also in der Gesundheits- und Krankenpflege, in Arztpraxen und im Rettungsdienst. Die restlichen 7500 Menschen entfallen auf Sozialberufe, Kinderbetreuung und Heilerziehungspflege. Dem Arbeitgeberservice der Agentur für Arbeit Trier wurden im vergangenen Jahr mehr als 900 freie Stellen von regional ansässigen Unternehmen des Gesundheits- und Sozialwesens gemeldet. Aktuell sind 297 freie Stellen für medizinische (139) und nichtmedizinische (158) Gesundheitsberufe gemeldet. Mit Verweis auf den rheinland-pfälzischen Branchenmonitor für die Region Trier nennt die Agentur für Arbeit einen Personalbedarf in Pflege und Gesundheit von 680 Personen. In der Altenpflege bleiben 220 Stellen unbesetzt. In der Gesundheits-, Kranken- und Kinderpflege sind es 460. red