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Peer Steinbrück überrollt die SPD

Peer Steinbrück überrollt die SPD

Helmut Schmidt und Peer Steinbrück sind ein Quotenhit. Gut 5,6 Millionen Zuschauer haben am Sonntagabend "Günther Jauch" eingeschaltet, um mitzuerleben, wie der eine Hanseat den anderen zum Kanzlerkandidaten der SPD ausruft - so viel Zuspruch wie noch nie, seit Jauch für die ARD talkt. Bei den Sozialdemokraten selbst hält sich die Begeisterung in Grenzen. SPD-Linke sind stinksauer über die Inszenierung.

Berlin. Im Parteipräsidium ist der mediale Coup am Montag kein Thema. SPD-Chef Sigmar Gabriel verkündet nach der Sitzung lediglich, er halte an seinem Zeitplan fest, frühestens Ende 2012 einen Personalvorschlag zu machen. Ansonsten herrsche eine "große Ruhe und Gelassenheit in der Partei". Von wegen.
Besonders unter den Parteilinken ist die Empörung mit Händen zu greifen. "Kanzlerkandidaten werden nicht von Altkanzlern ausgerufen, sondern von der Partei bestimmt", schimpft etwa Juso-Chef Sascha Vogt. Ähnlich wettert der schleswig-holsteinische Landesvorsitzende Ralf Stegner. Und der Chef des Arbeitnehmerflügels, Ottmar Schreiner, nimmt ebenfalls kein Blatt vor den Mund: "Ich halte es für ausgemachten Unfug, zwei Jahre vor einer Bundestagswahl ein Kandidatenkarussell in Gang zu setzen", sagt er unserer Zeitung. Dafür müsse man erst mal die Inhalte klären.
Aus seiner Abneigung gegenüber Steinbrück, der zu den ausgemachten Konservativen in der SPD zählt, macht Schreiner keinen Hehl: "Peer Steinbrück kann seine Sachkenntnisse auch in anderen Funktionen einbringen".
Doch der bringt seinen Namen schon seit Monaten ins Spiel. Und wenn er mal übersehen zu werden drohte, sorgte der seit 2009 zum einfachen Abgeordneten "geschrumpfte" Ex-Finanzminister mit öffentlichen Vorträgen und Interviews für Abhilfe. Daraus ist inzwischen eine gewaltige Medien-Offensive geworden. Das zeigt nicht nur der Auftritt bei Jauch, sondern auch die Titelgeschichte der neuesten Spiegel-Ausgabe, in der Altkanzler Schmidt seinen Favoriten mit der Bemerkung adelt: "Er kann es". In Schmidts Hausblatt, der Wochenzeitung Die Zeit, soll der Werbefeldzug noch diese Woche seine Fortsetzung finden.
Allerdings rechnet sich auch Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier Chancen für den Spitzen-Job aus. Und Parteichef Gabriel ist ebenfalls noch im Rennen. Offenbar versuche Steinbrück, die beiden Mitkonkurrenten zu "überrollen", analysiert der Politikwissenschaftler Jürgen Falter. "Das könnte zu Zerwürfnissen führen, im Idealfall aber auch zu einem ähnlichen Entscheidungsmodell wie in Frankreich", so Falter gegenüber unserer Zeitung. Im westlichen Nachbarland hatten kürzlich mehr als drei Millionen Bürger in einer offenen Vorwahl den Kandidaten der Sozialisten für die Präsidentschaftswahl im Frühjahr 2012 bestimmt.
Die nächste reguläre Bundestagswahl ist freilich erst im Herbst 2013. SPD-Strategen warnen deshalb auch vor einer frühzeitigen Kandidatenkür, durch die sich der Herausforderer von Angela Merkel schnell verschleißen könnte. Außerdem würde es die kriselnde Koalition zusammenschweißen, wenn die SPD jetzt schon auf Wahlkampfmodus umschaltet.
Ohnehin ist längst noch nicht klar, welche Qualitäten im entscheidenden Moment gebraucht werden. Für die Mobilisierung der eigenen Truppen wären Steinmeier oder Gabriel sicher die bessere Wahl. Auf der anderen Seite reichen die Sympathien für Steinbrück weit ins schwarz-gelbe Lager hinein. Auf ihn dürfte es auch zulaufen, wenn die Euro-Krise weiter anhält. Ohne Rückendeckung der Parteilinken könnte aber auch Steinbrück kaum erfolgreich sein.