Pendeln nach Luxemburg: Lange Wege, Staus und wenig Zeit für Familie

Pendeln nach Luxemburg: Lange Wege, Staus und wenig Zeit für Familie

Der Lebensalltag von Grenzgängern ist weitgehend unerforscht und unbekannt. Christian Wille, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Luxemburg, hat sich sechs Jahre lang mit dem Thema beschäftigt. Seine Veröffentlichung "Grenzgänger und Räume der Grenze" füllt diese Lücke.

Luxemburg. Im Interview gibt Autor Christian Wille Einblicke in seine Erfahrungen mit dem Lebensalltag von Grenzgängern. Mit ihm hat Tageblatt-Redakteurin Wiebke Trapp gesprochen.

"Grenzgänger und Räume der Grenze" - der Titel Ihres neuen Buches hört sich schrecklich "verkopft" an. Was war Ihr Anliegen?
Christian Wille: Es geht mir um die Grenzgänger, die für die Menschen in Luxemburg und in der Großregion selbstverständlich sind.

Sie haben aber eine besondere Perspektive gewählt ...
Wille: Als Sozial- und Kulturwissenschaftler habe ich mich für die Grenzgänger in ihrem Alltag interessiert. Wichtig war dabei die Überlegung, dass durch das tägliche Pendeln Lebenswelten entstehen, die irgendwo zwischen den Ländern um die Grenze herumliegen. Diese grenzüberschreitenden Lebenswelten nenne ich "Räume der Grenze".

Sie haben sehr praktisch gearbeitet und dem Alltag von einigen der Grenzgänger hier im Land ein menschliches Gesicht gegeben. Wie sieht denn Europa im gelebten Alltag aus?
Wille: In der Großregion fahren etwa 213 000 Grenzgänger täglich über eine Grenze, die meisten kommen ins Großherzogtum. Zu ihrem Alltag gehören lange Anfahrtswege, Wartezeiten im Stau, und für Familie und Partner bleibt oft nur wenig Zeit. Trotz der engen Taktung sehen viele Pendler aber auch Vorteile in der Grenzgängerbeschäftigung wie zum Beispiel berufliche Chancen oder eine höhere Lebensqualität durch den besseren Verdienst oder einfach dadurch, dass das Leben interessanter wird. Vor allem junge Menschen sagen, dass die Erfahrung, im Ausland zu arbeiten, ihr Leben bereichert.

Sie beschreiben Klischees, die auf beiden Seiten gepflegt werden. Eines davon heißt, Grenzgänger arbeiten nur wegen des Geldes in Luxemburg und integrieren sich nicht. Stimmt das?
Wille: Dass die Gehälter im Großherzogtum eine große Rolle spielen, braucht nicht diskutiert zu werden. Genauso wichtig ist aber für viele Grenzgänger, überhaupt einen Arbeitsplatz zu besitzen, ihrer Qualifikation entsprechend zu arbeiten oder berufliche Entwicklungsmöglichkeiten zu nutzen, die es in Lothringen, Wallonien oder in Rheinland-Pfalz oft nicht gibt. Ich habe auch Grenzgänger kennengelernt, die sagen, nur wegen der Sprachen und des internationalen Flairs nach Luxemburg zu kommen. Daran sieht man, dass man bei Klischees genau hinschauen muss.

Das haben Klischees so an sich ...
Wille: Das gilt auch für die Auffassung, Grenzgänger würden nach dem Job gleich wieder nach Hause fahren. Nach Feierabend kau fen die Pendler durchaus auch in Luxemburg ein, Kino- und Restaurantbesuche stehen auf dem Programm, und Freundschaften zwischen Luxemburgern und Grenzgängern, meistens zwischen Kollegen, sind auch nicht selten. Festzustellen ist aber, dass es vor allem jüngere Grenzgänger ohne Familie sind, die am Abend noch mit Kollegen ein Feierabendbier trinken oder das kulturelle Angebot nutzen. Mich überrascht dieses Ergebnis nicht, denn fragen Sie mal in Luxemburg einen Familienvater, wie oft er in der Arbeitswoche am Abend ausgeht.

Gibt es noch andere Stereotype?
Wille: Viele Grenzgänger arbeiten mit Luxemburgern und ansässigen Ausländern zusammen, aber auch mit Grenzgängern aus der gesamten Großregion. Im Unternehmensalltag, das bestätigen auch Personalleiter, ist diese Vielfalt nicht unproblematisch. Denn durch die beruflichen Ausbildungen in den jeweiligen nationalen Bildungssystemen bringen die Pendler nicht nur unterschiedliches Fachwissen mit, sondern zum Teil auch unterschiedliche Arbeitsweisen.

Wo liegen denn die Unterschiede?
Wille: Ich habe versucht, mit den Grenzgängern herauszuarbeiten, was diese Arbeitsweisen ausmacht. Dabei kamen viele der allgemein bekannten Stereotype zur Sprache, und interessanterweise wurde die luxemburgische Arbeitsweise als eine Mischung aus französischen und deutschen Einflüssen wahrgenommen. Einige Grenzgänger berichten, dass sie sich am Anfang ihrer Tätigkeit in Luxemburg erst an die unterschiedlichen Arbeitsweisen gewöhnen mussten, jetzt aber besser mit verschiedenen Mentalitäten umgehen können. Umgekehrt habe ich erfahren, dass manche Unternehmen es inzwischen vorziehen, nur Grenzgänger aus bestimmten Ländern einzustellen, um die Unterschiede im Fachwissen und in den Arbeitsweisen zu minimieren.

Sprachliche Barrieren scheinen von den wenigsten Grenzgängern als solche empfunden zu werden. Trotzdem hat die für Luxemburg typische Sprachenvielfalt auch Nachteile - oder?
Wille: Die Mehrsprachigkeit in Luxemburg wird von den meisten Grenzgängern geschätzt. Eine pauschale Aussage über die Verständigung am Arbeitsplatz ist aber schwierig, da hier die Branche, die Unternehmenssprache, die Kollegen oder auch der Kundenkontakt eine Rolle spielen. Es ist allerdings festzustellen, dass das Sprechen in einer Fremdsprache mehr Konzentration erfordert, aber als bereichernd wahrgenommen wird. Grenzgänger berichten aber auch, dass sie sich im Job manchmal einfacher ausdrücken müssen, es zu Informationsverlust kommen kann und Kollegen ausgegrenzt werden. Von dieser letzten Spielart der Mehrsprachigkeit wird zwar seltener berichtet, aber von den Unternehmen sollte sie ernst genommen werden.

Sie haben die Grenzgänger gefragt, was für sie einen Grenzgänger-freundlichen Arbeitgeber ausmacht. Wie sieht der aus?
Wille: Aus Sicht der Pendler sollte der Unternehmensstandort eine gute Verkehrsanbindung haben und die Arbeitszeiten sollten einen Spielraum für Unvorhergesehenes ermöglichen. Es geht den Grenzgängern also darum, die Zeit für die zum Teil sehr weite Anfahrt zu verkürzen und bei Staus oder Verspätungen im öffentlichen Nahverkehr ihren Tagesablauf flexibel zu gestalten. Außerdem wünschen die Pendler, dass wichtige Job-Dokumente wie zum Beispiel Arbeitsvertrag, Arbeitsschutzbestimmungen oder allgemeine Mitteilungen in mehreren Sprachen verfügbar sind und dass es möglich ist, mit dem Vorgesetzten in der eigenen Muttersprache zu sprechen.

Wie sieht es denn mit den Karrierechancen aus?
Wille: Grenzgänger wollen gleich behandelt werden. Von konkreten Fällen der Ungleichbehandlung wurde mir zwar nicht berichtet, aber ich habe den Eindruck, dass sehr genau und auch kritisch hingeschaut wird, wenn Chefsessel neu besetzt werden. Grenzgänger möchten dann die gleichen Chancen haben wie Luxemburger.Extra

Christian Wille ist Sozial- und Kulturwissenschaftler und koordiniert seit 2007 interdisziplinäre Projekte in der Forschungseinheit IPSE der Universität Luxemburg. Er hat zudem Lehraufträge an Unis in Lothringen sowie dem Saarland und eine Doppelpromotion zur Grenzgängermobilität und kulturwissenschaftlichen Raumanalyse.Extra

Insgesamt wurden 458 Grenzgänger in der Großregion schriftlich befragt. Mit 28 Grenzgängern hat der Autor Einzelinterviews geführt: Rheinland-Pfälzer, die in Luxemburg arbeiten, stellen hier die größte Gruppe dar. Die Interviewpartner pendeln im Schnitt seit sieben Jahren. Christian Wille, Grenzgänger und Räume der Grenze. Raumkonstruktionen in der Großregion SaarLorLux. Luxemburg-Studien/Etudes luxembourgeoises, Bd. 1, Frankfurt/M., Peter Lang, 2012, 393 S., 44 Tab., 48 Graf., 36 EUR, ISBN 978-3-631- 63634-3tgbl