Piekser gegen Pusteln

TRIER. Selten hat eine ImpfEmpfehlung so viel Kritik nach sich gezogen, wie die für Windpocken. Befürworter sagen, dass es Kinder damit leichter haben; Gegner sehen keinen Sinn darin.

Jährlich passt die Ständige Impfkommission (Stiko), der Experten aus Medizin und der Krankenkassen angehören, ihren Impfkalender mit den empfohlenen Standard-Impfungen an. Seit Jahren wird geraten, Kinder gegen Diphtherie, Keuchhusten, Tetanus, Kinderlähmung, Hepatitis, Masern, Mumps und Röteln impfen zu lassen. Für viele Eltern völlig überraschend zählt seit August auch die Windpocken-Impfung zum empfohlenen Standard. Die meisten erfahren erst beim Besuch des Kinderarztes davon. Doch viele Kinderärzte sind genauso ratlos wie die Eltern, warten erst mal ab, wie sich die Kollegen verhalten. Denn bislang haben die wenigsten Ärzte Windpocken für wirklich gefährlich gehalten, und bis zum Sommer riet kaum einer zu einer Impfung. Während Impfexperten wie der Leiter des Trierer Gesundheitsamtes, Harald Michels, den Windpocken-Schutz für sinnvoll halten, kritisieren viele Ärzte und Eltern das plötzliche Zustandekommen der Impf-Empfehlung. Im so genannten "Augsburger Appell" haben sie im September allen niedergelassenen Kinderärzten einen Info-Brief geschickt, in dem sie fehlende wissenschaftliche Grundlage der Stiko-Empfehlung für die Windpocken-Impfung kritisieren. Der Impfstoff-Hersteller Glaxo SmithKline, der auch den Stoff für die Windpocken-Impfung herstellt, gab eine telefonische Befragung von über 3000 Ärzten in Auftrag. Letztlich nahmen jedoch nur knapp 300 Mediziner an der Befragung teil. Jeder Arzt, so die Kritik im "Augsburger Appell", sollte während des Interviews fünf Windpockenfälle aus seiner Praxis heraussuchen. Häufig seien dabei eben nur die Fälle mit komplizierten Verläufen genannt worden. Auch das medizinkritische Fachblatt "Arznei-Telegramm" zweifelt an den Ergebnissen der Studie. Sie betrachte in erster Linie "gesundheitsökonomische" Aspekte, dass sich nämlich bei einer Impfrate von 85 Prozent aller Kleinkinder jährlich über 50 Millionen Euro einsparen ließen. Das war wohl auch der Grund, warum die Windpocken-Impfung 1995 in den USA zur Pflicht wurde. Man habe herausgefunden, dass ein an Windpocken erkranktes Kind bedeute, dass ein Elternteil zwei bis drei Wochen zu Hause bleiben müsse und damit für den Arbeitgeber ausfalle, erklärt der Wittlicher Kinderarzt Klaus Mahler die Hintergründe. Diese ökonomischen Gründe spielen für ihn aber keine Rolle. Vielmehr bringe eine Windpocken-Impfung, die ab Ende nächsten Jahres zusammen mit der kombinierten Masern-Mumps-Rötel-Impfung verabreicht werden soll, dem Kind und damit auch den Eltern eine Erleichterung. "Jede Impfung, die einen Infekt bei Kindern verhindern kann, sollte man machen", entgegnet der Chefarzt den Impfkritikern. Immer mehr Eltern lassen ihre Kinder nicht impfen, aus Angst vor Impfschäden und weil sie glauben, jede durchgemachte Viruserkrankung stärke das Immunsystem der Kinder. "Das ist überhaupt nicht bewiesen", so Mahler. Doch in Deutschland gibt es im Gegensatz zu den USA keine Impf-Pflicht, Eltern ist es freigestellt, ihre Kinder impfen zu lassen. Daher wird bezweifelt, dass es bei Windpocken zu der angestrebten Durchimpfungsrate von 85 bis 90 Prozent kommt. Zumal sich viele Ärzte schwer tun, Eltern von der Notwendigkeit zu überzeugen.