Pillen für die Nerven: Wenn junge Menschen in der Region am Stress scheitern

Pillen für die Nerven: Wenn junge Menschen in der Region am Stress scheitern

Azubis in Rheinland-Pfalz liegen bundesweit an der Spitze bei der Verordnung von Medikamenten zur Behandlung des Nervensystems. Experten geben sozialen Netzwerken eine Mitschuld.

Als Auszubildende kommt die 18-jährige Verkäuferin Karina bei ihren Kunden gut an. Was niemand vermutet und auch ihr Arbeitgeber nicht weiß: Die junge Frau aus Trier kämpft seit einigen Jahren mit Depressionen. Ohne Medikamente wäre für sie ein normales Leben nicht möglich. Für Günther Stratmann, Chefarzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Mutterhaus Trier, ist das kein Einzelfall. "Depressionen gibt es in jedem Alter, wobei die Häufigkeit sprunghaft bei 13- bis 15-Jährigen steigt."

Wie eine aktuelle Studie der Techniker Krankenkasse (TK) belegt, liegen die rheinland-pfälzischen Auszubildenden bei der Verordnung von Arzneimitteln zur Behandlung des Nervensystems bundesweit sogar an der Spitze. 15 Prozent aller Azubis zwischen 16 und 25 Jahren im Land erhielten im vergangenen Jahr solche Medikamente. Bundesweit waren es lediglich 12,7 Prozent. Verordnet wurden vor allem Antidepressiva, Psychostimulanzien und Antipsychotika.
Der TK-Gesundheitsreport belegt zudem, dass psychische Probleme immer öfter diagnostiziert werden. Demnach war jeder Azubi in Rheinland-Pfalz im Durchschnitt 1,4 Tage aufgrund einer psychischen Diagnose krankgeschrieben. Seit dem Jahr 2000 sei das ein Anstieg um 120 Prozent, sagt Jörn Simon, Leiter der TK-Landesvertretung. Seine Forderung: "Betriebe müssen noch stärker als bisher die psychische Gesundheit ihrer jungen Mitarbeiter im Blick haben."

Die Gründe für die Zunahme der Verordnungen sind vielfältig. Das bestätigt auch Chefarzt Stratmann. "In Rheinland-Pfalz hat sich die medizinische Versorgung junger Patienten mit psychischen Problemen in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Vermutlich wurden auch dadurch mehr neue Patienten identifiziert."

Ein wichtiger Aspekt für die Zunahme der Erkrankungen sei die ständige Nutzung sozialer Netzwerke wie Facebook oder WhatsApp. "Das ist chronischer Stress, auch wenn es die Jugendlichen oft nicht so wahrnehmen", sagt der Jugendpsychiater und klinische Psychotherapeut. "Ständige Reize und Information, ständige Erreichbarkeit - die Anforderungen an junge Menschen auch in der Freizeit sind im Vergleich zu früher deutlich größer geworden." Je mehr Unterstützung für die Betroffenen bereitgestellt werde, umso größer sei die Wahrscheinlichkeit, dass sie die zunehmenden Belastungen aushalten können. "Auch Arbeitgeber können den Azubis dabei helfen", sagt Stratmann und verweist auf eine entsprechende Initiative in der Südpfalz.

Auch TK-Landeschef Jörn Simon sieht die Ausbildungsbetriebe mit in der Pflicht: "Beim betrieblichen Gesundheitsmanagement ist es wichtig zu vermitteln, dass es digitale Pausen geben muss - auch in der Freizeit. Diese sind genauso wichtig wie die Mittagspause oder die Bewegungspause."
Karina, die 18-jährige Auszubildende aus Trier, hat eine lange Krankheitsgeschichte hinter sich, zu der Selbstverletzungen und ein Suizidversuch gehörten. Selbstmord, so sagt Chefarzt Günther Stratmann, sei bei Jugendlichen die zweithäufigste Todesursache.
Themen des Tages Seiten 2 und 4

JEDER ZWEITE SCHÜLER LEIDET UNTER STRESS
(dpa) Hoher Leistungsdruck, schlechte Noten oder Mobbing in den sozialen Medien: 43 Prozent der Schüler leiden nach einer neuen Studie der Krankenkasse DAK unter Stress - mit Folgen für die Gesundheit. Ein Drittel der betroffenen Jungen und Mädchen klagt demnach über Beschwerden wie Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Schlafprobleme und Panikattacken.

Kommentar:Mentale Kehrseite einer veränderten Gesellschaft

Foto: TV-Grafik/TK


Von Rainer Neubert

Meine Kindheit und frühe Jugend waren ein ruhiger Fluss. Wer das von sich behaupten kann, ist vermutlich in einer Zeit groß geworden, in der Computer noch nicht viel mehr waren als bessere Schreibmaschinen. Von Smartphones und schnellen Datennetzen ganz zu schweigen. Bis kurz vor Sonnenuntergang im Freien zu spielen, war damals ebenso normal wie die Lektüre spannender Bücher. Statt kurzer Mails und noch kürzerer WhatsApp-Nachrichten wurden lange Briefe geschrieben, in der Hoffnung, vielleicht in einigen Tagen eine Antwort im Briefkasten zu finden.

Die ständige Überflutung mit Nachrichten, egal ob wichtig oder nicht, der ständige und unbedingt schnelle Austausch mit wirklichen und vermeintlichen Freunden über Facebook, Insta?gram und Co., der unvermeidliche Blick auf das Smartphone in Erwartung neuer Likes, Herzchen und Smileys hätte uns damals vermutlich komplett überfordert.

Zeiten ändern sich. Heute gehört die zeitnahe Vernetzung schon für Kinder zur Selbstverständlichkeit. Für die meisten Jugendlichen ist der mobile Multifunktionstaschencomputer fester Bestandteil des Lebens.
Möglicherweise ist aber gerade diese unablässige Datenflut, Erreichbarkeit und Kommunikation das Tüpfelchen auf dem i als Auslöser mentaler Probleme. Wenn sich zu viel privater zu noch mehr beruflichem und multimedialem Stress addiert, kann das auch Auslöser für eine Depression sein.

In Rheinland-Pfalz nehmen so viele Auszubildende wie in keinem anderen Bundesland Medikamente zu Behandlung des Nervensystems. Das liegt sicher eher an der vergleichsweise guten medizinischen Versorgung und einer in der Folge entsprechend hohen Achtsamkeit für psychische Auffälligkeiten bei jungen Menschen. Im Gegenzug heißt das allerdings auch, dass vermutlich nicht nur in anderen Teilen Deutschlands längst nicht alle behandlungsbedürftigen Krisen erkannt werden.

Nicht nur die Verantwortlichen in den Ausbildungsbetrieben können mehr dafür tun, dass es nicht dazu kommt. Vor allem gefragt sind die Eltern. Verbote helfen selten und bewirken in der Regel nur Trotz. Aber den gemäßigten Umgang mit dem Smartphone kann jedes Kind lernen. Was das heißt? Nehmen Sie doch einfach einmal Ihr eigenes Verhalten kritisch unter die Lupe.

Hintergrund zum Thema: Stress + Stress + X = Depression