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Plädoyers im Fall Laura-Marie: Anklage wirft 25-jährigem Trierer Mord vor und fordert lebenslänglich

Plädoyers im Fall Laura-Marie: Anklage wirft 25-jährigem Trierer Mord vor und fordert lebenslänglich

Mord nennt die Anklage das Verbrechen, das ein Trierer an der 16-jährigen Laura-Marie begangen haben soll. Überraschenderweise hat die Verteidigung vor dem Landgericht am Mittwoch auf Körperverletzung mit Todesfolge plädiert.

Trier. Erst als Otmar Schaffarczyk, der Anwalt der trauernden Eltern, sich erhebt, als er versucht, den Blick des Angeklagten einzufangen, sich nach vorne lehnt und sagt: "Meine Mandanten hatten eine Tochter, sie hieß Laura-Marie und Sie, Herr C., haben sie ermordet und zwar auf eine Art und Weise, die Trier und die Deutschland noch nicht erlebt haben", wird deutlich, welch gebannte Stille während des Plädoyers der Anklage geherrscht hatte. Frauen schluchzen, Taschentücher rascheln, der Vater der getöteten Laura-Marie legt den Arm schützend um die weinende Mutter. Der Schmerz hat sich in ihr Gesicht gegraben."Von hinten bis vorne gelogen"


"Sie sitzen hier und grinsen", fährt der Anwalt fort und zeigt auf den 25-Jährigen. "Und Sie präsentieren uns eine Erklärung, die von hinten bis vorne gelogen ist."
Der Angeklagte war bis zuletzt bei jener Version der Geschichte geblieben, die sein Anwalt anfangs für ihn verlesen hatte: Nach einem Abend mit Trinkspielen habe er Laura-Marie über eine dunkle Abkürzung zum Bahnhof begleiten wollen, sei dann mit ihr in Streit geraten, weil es ihm nicht gepasst habe, dass sie zu ihrem Ex-Freund wollte, habe plötzlich ein Messer in der Hand gehabt und sie erstochen. Er habe sie nicht töten wollen.
"Am 13. März 2015 hat sich etwas ganz anderes zugetragen", hatte Staatsanwalt Volker Blindert eine halbe Stunde zuvor gesagt. Er sieht es als erwiesen an, dass der 25-Jährige Laura-Marie mit vier Stichen ermordet hat, um einen Vergewaltigungsversuch zu vertuschen. Den Plan habe er gefasst, als sie heimgegangen sei, um ihr Busticket zu holen. Er sei schnell zu sich nach Hause, habe ein Seil geholt und es am Tatort deponiert, wo ihn Zeugen um 23.08 Uhr sahen - etwa eine halbe Stunde, bevor Laura-Marie starb. Das Seil fand die Polizei später am Tatort - samt DNA-Spuren des Angeklagten.
Auf dem gemeinsamen Weg zum Bahnhof habe er die 16-Jährige dann angegriffen. "Sie hat sich gewehrt, gekratzt, gekniffen. Die Unterarme des Angeklagten wiesen Kampfspuren auf." Dann habe er das Mädchen erstochen und einen Tag später die Leiche verbrannt.
Über den Angeklagten sagt Blindert: "Vergewaltigung war ein Riesenthema in seinem Leben." Ein dicker Sonderband liegt auf seinem Tisch, der alle Suchbegriffe auflistet, die der Trierer im Internet eingegeben habe. 1620 Treffer zu "Vergewaltigung" sind es von November 2013 bis März 2015. Minutenlang liest der Staatsanwalt vor, wie der Angeklagte das Internet nach gewaltsamem Sex durchforstet hat - Suchbegriffe wie "Vergewaltigungen auf dem Nach-Hause-Weg" fallen zigfach. Irgendwann stoppt Blindert und sagt: "Ich bin jetzt bei Seite 42 - und könnte bis Seite 80 so weitermachen." Auch am Tat der Tag habe der Mann ein Video angeklickt, in dem es um das Verbrechen an einem 16-jährigen Mädchen ging. Sogar zwei Tage nach dem Tod von Laura-Marie habe er einen Film über Sexualdelikte aus der Serie Aktenzeichen XY ... ungelöst gesehen. Blindert sagt: "Anzunehmen, dass kein Vergewaltigungsdelikt vorgelegen haben soll, ist absurd." Er fordert eine lebenslange Freiheitsstrafe.
Mit so etwas könne man vielleicht die Zuhörer begeistern - mit sachlichen Ausführungen habe das nichts zu tun, entgegnet Verteidiger Thomas Julien und überrascht kurz darauf alle, die davon ausgegangen waren, er würde auf Totschlag plädieren. Stattdessen nennt er das Verbrechen, das der Trierer begangen hat, Körperverletzung mit Todesfolge. Von einem Tötungsvorsatz könne keine Rede sein, da die Stiche nicht zielgerichtet geführt worden seien. Wie fest und wie tief sein Mandant zugestochen habe, sei nämlich nicht bewiesen worden. Julien fordert maximal sechs Jahre Freiheitsstrafe.
Er wirft dem Staatsanwalt vor, keinen konkreten Geschehensablauf bewiesen zu haben, der für ein Urteil aber zwingend sei. "Er stellt nur Hypothesen in die Landschaft." Es gebe keine Spermaspuren, keine DNA des Opfers auf dem Seil, keinen Beweis für eine versuchte Vergewaltigung. Die Ergebnisse der Rechner-Prüfung erkennt er nicht an. "Es ist nicht bewiesen, dass mein Mandant die Videos angeklickt und sich vollständig angesehen hat."
Der psychologische Gutachter habe beim Angeklagten keine sexuellen Abnormitäten feststellen können. "Mein Mandant ist nicht das Sex-Monster, als das er dargestellt wird", sagt Julien. Es gebe auch keinen Beweis dafür, dass der Trierer versucht habe, sich an Laura-Marie heranzumachen. "Die Tat wird auch ihn sein Leben lang verfolgen", sagt Julien und schaut die Eltern an, die kurz zuvor kaum merklich den Kopf geschüttelt hatten, als der Verteidiger die Entschuldigung seines Mandanten ausrichtete.
Die Eltern fordern als Nebenkläger ebenfalls lebenslänglich. Mut hätte er von ihm erwartet, hatte ihr Anwalt dem Angeklagten gesagt. Mut, seinen Mandanten den quälenden Gang zu Gericht zu ersparen. Vor laufender Kamera habe Laura-Maries Vater beim Trauerzug die Größe gehabt zu sagen, "Lasst den Jungen in Ruhe, lasst seine Familie in Ruhe". "Diesen Mut hätte ich hier gerne gesehen", sagt Schaffarczyk. Das Urteil wird am 1. Februar um 14 Uhr gefällt.