Praxisgebühr: „Bitte tief einatmen und dann zahlen”

Praxisgebühr: „Bitte tief einatmen und dann zahlen”

Die rheinland-pfälzische Gesundheitsministerin lehnt eine Selbstbeteiligung der Patienten ab. Auch die Landeärztekammer ist gegen den Vorschlag der Kassenärzte.

Solange es die Praxisgebühr noch gab, wetterten die Ärzte gegen sie. Der Verwaltungsaufwand sei zu hoch. Pro zehn Euro Praxisgebühr würden 90 Cent Verwaltungskosten anfallen, kritisierten sie. Auf rund 300 Millionen Euro schätzte kurz vor dem politisch gewollten Ende der Praxisgebühr im Jahr 2012 die Kassenärztliche Bundesvereinigung. Jede Praxis brauche im Schnitt pro Jahr 120 Stunden, um die Praxisgebühr für die Krankenkassen einzuziehen und zu quittieren, lautete damals ein Argument dagegen.

Fünf Jahre später stehen die Ärzte der Praxisgebühr zwar immer noch kritisch gegenüber. Aber: "Rückblickend muss man sagen, dass die Praxisgebühr eine positive Steuerungswirkung hatte, wenngleich wir Ärzte mit der Praxisgebühr aufgrund des riesigen bürokratischen Aufwandes in unseren Praxen nicht froh waren", sagt Walter Gradel. Er ist Vorsitzender der Bezirksärztekammer Trier. Auch Burkhard Zwerenz, Vorsitzender des rheinland-pfälzischen Hausärzteverbandes, spricht von einer steuernden Wirkung der Praxisgebühr. Seit deren Abschaffung seien die ärztlichen Bereitschaftsdienstzentralen und Notaufnahmen der Krankenhäuser vor allem am Wochenende wieder überfüllt. Und das überwiegend mit Patienten, die keine echten Notfälle seien.

Der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Rheinland-Pfalz, Peter Heinz, fordert daher, Patienten künftig an den Behandlungskosten zu beteiligen. Heinz schlägt eine "sozial abzufedernde, prozentuale Selbstbeteiligung über alle Leistungen im Gesundheitswesen vor, durch die kein Patient überfordert werden darf". Dadurch erhält "der mündige Patient die nötige Transparenz über alle von ihm verursachten Leistungen und wird mit seiner Steuerungs- und Entscheidungshoheit ernst genommen, da er die entsprechende Selbstbeteiligung steuern kann".

Also wenn er weniger zum Arzt geht, muss er auch weniger zahlen. Genau das steckt auch hinter dem Vorschlag. Die Zahl der Arztbesuche soll reduziert werden. Damit sollten Patienten aber auf keinen Fall davon abgehalten werden, bei gesundheitlichen Problemen zum Arzt zu gehen. In anderen Ländern seien solche Selbstbeteiligungen selbstverständlich, so die KV, die darin auch eine Antwort auf den Ärztemangel sieht. Die noch verbleibenden Mediziner könnten den steigenden Behandlungsbedarf nicht mehr ausreichend abdecken.

Heinz: "Es geht darum, die Verantwortung jedes Einzelnen für den Erhalt des Solidarsystems Krankenversicherung zu steigern und zum Beispiel unnötige Doppeluntersuchungen zu reduzieren." Dadurch könnten unter anderem die Kosten im Gesundheitswesen reduziert werden. Die Einsparungen, so Heinz, könnten zur Senkung der Krankenkassenbeiträge oder zumindest deren Erhöhung verhindern. Zwerenz befürchtet aber, dass durch die Selbstbeteiligung wieder ein "Bürokratiemonster" geschaffen werde wie bei der Praxisgebühr. Die rheinland-pfälzische Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler lehnt den Vorschlag ab.

Sie sieht die Gefahr einer Zwei-Klassen-Medizin, "zwischen denen, die sich einen Arztbesuch in jedem Fall leisten können und solchen, die vor einer solchen Gebühr zurückschrecken". Wenn Menschen aus finanziellen Gründen oder Sorgen nicht mehr zum Arzt gingen, bestehe die Gefahr, dass Erkrankungen nicht oder zu spät erkannt werden. "Im schlimmsten Fall", sagt die Ministerin gegenüber unserer Zeitung, "sind damit schwerwiegende Folgen für die Gesundheit der Betroffenen verbunden". Das gelte besonders in einem Notfall. "Die Kassenärztliche Vereinigung muss ihrer Verantwortung gerecht werden und darf diese nicht Richtung Patienten abschieben."

Die KV sieht jedoch nicht die Gefahr, dass Patienten aus Kostengründen notwendige Behandlungen auf die lange Bank schieben. Die Landesärztekammer sieht das aber anders. "Medizinische Versorgung muss für Jeden zugänglich sein und darf nicht davon abhängen, ob Menschen sich eine Zuzahlung leisten können oder nicht", sagt Kammer-Präsident Günther Matheis. Er lehnt eine finanzielle Selbstbeteiligung der Patienten an ihren Behandlungskosten ab. "Schon die Praxisgebühr hat keinen Steuerungseffekt auf die Inanspruchnahme ärztlicher Leistungen gehabt. Auch eine neue Patientenbeteiligung wird keinen Einfluss haben auf die Zahl der Arzt-Patienten-Kontakte." ZAHLEN ZUM GESUNDHEITSWESEN

150.000 niedergelassene Ärzte gibt es in Deutschland. In Rheinland-Pfalz praktizieren rund 2700 Hausärzte. Bundesweit wurden 2015 für die Behandlung bei niedergelassenen Ärzten 34,9 Milliarden Euro ausgegeben. Nach Berechnungen der Krankenkasse Barmer gab es 2015 in Rheinland-Pfalz durchschnittlich 8,35 Behandlungsfälle pro Versicherten im Jahr (Bundesdurchschnitt 8,51 Fälle). Die geschätzten Kosten pro Jahr und Versichertem belaufen sich in Rheinland-Pfalz auf 515 Euro (Bund 543 Euro).

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