Provokanter Knödel

Der französische Satiriker Dieudonné hat einen speziellen Gruß erfunden, der inzwischen zweifelhafte Popularität erlangt hat: er gilt als faschistische und antisemitische Geste. Frankreichs Gesellschaft reagiert gespalten.

Paris. Es ist ein Wort, von dem die meisten Nicht-Franzosen bis vor kurzem noch nie etwas gehört hatten: Quenelle. Der Begriff, der ursprünglich eine vom deutschen Knödel abgeleitete Teigspezialität aus Lyon bezeichnet, überschattet den Jahreswechsel in Frankreich und entzweit das Land. Nicht etwa wegen seiner harmlosen kulinarischen Bedeutung, sondern weil Quenelle auch für etwas anderes steht: eine zum Boden hin ausgestreckte Hand, während die andere über die Brust gekreuzt und auf den gegenüberliegenden Arm gelegt wird - eine umstrittene Geste, die zumindest als subversiv, manchen aber auch klar als antisemitisch gilt.
Seit Fußball-Nationalspieler Nicolas Anelka den Gruß kürzlich nach einem Tor für seinen Club West Bromwich Albion öffentlich im Stadion zelebrierte, macht die Quenelle Schlagzeilen und mit ihr ihr Erfinder: der französische Satiriker Dieudonné - zu Deutsch: der Gottgegebene. Seit Jahren polarisiert der Sohn einer Bretonin und eines Schwarzafrikaners die Franzosen: Seine Fans verehren ihn als Komikstar, seine Gegner sehen in ihm nichts als einen rechtslastigen Provokateur mit schlechtem Geschmack. Dieudonné behauptet, sein Quenelle-Gruß sei lediglich eine Geste des Protests, eine Art "Stinkefinger gegen das System". Zahlreiche Medien, Kritiker und neuerdings auch die Regierung sehen allerdings mehr dahinter und sprechen von einem klar antisemitischen Symbol, einem "versteckten Hitler-Gruß" - schon allein wegen Dieudonnés politischer Ansichten.
Neunmal wurde der heute 47-Jährige, der im Lauf seiner Karriere immer weiter nach rechts abdriftete, bereits verurteilt: wegen Verleumdung, Beleidigung und Anstachelung zum Rassenhass. Mal wischte er sich in einer Show mit einer israelischen Flagge den Hintern ab, mal verkleidete er sich als Rabbiner und rief seinem Publikum "Heil Israel!" entgegen. Bei der Europawahl 2009 kandidierte er für eine antizionistische Liste. Mitte Dezember wurde sein jüngster Verbalausfall bekannt: Hinsichtlich eines bekannten jüdischstämmigen Radiomoderators wetterte Dieudonné auf der Bühne: "Wenn ich ihn reden höre [...] denke ich mir nur: tja, die Gaskammern … schade eigentlich."
Für die französische Regierung ist das Maß inzwischen voll. Dieudonné möge für manche noch ein Humorist sein, aber er sei auch ein "Wiederholungstäter", hieß es am Sitz des Premierministers.
Innenminister Manuel Valls bezeichnete ihn offen als "Gewerbetreibender des Hasses". Nun kündigte Valls an, Mittel und Wege finden zu wollen, um dessen Auftritte verbieten zu lassen. Rechtzeitig vor Beginn der im Januar geplanten Tournee Dieudonnés wies Valls die Präfekten der betroffenen Regionen an, ein Verbot wegen möglicher "Gefahren für die öffentliche Ordnung" zu prüfen.
Unterstützung erhielt er dabei von Präsident François Hollande, der in seiner Neujahrsansprache seine kompromisslose Haltung zum Thema Rassismus unterstrich. Andere aber bezweifeln, dass der von Valls gewählte Weg der richtige Weg ist, zumal ein Autrittsverbot aufgrund des in Frankreich großzügig ausgelegten Rechts der künstlerischen Freiheit und Meinungsäußerung schwer durchzusetzen ist. So liefen frühere Versuche, Dieudonné das Mundwerk zu verbieten, juristisch bisher stets ins Leere.
Dieudonné und seine Anhänger genießen derweil den Hype. Wachsende Unterstützung findet der Provokateur nicht nur bei Rechtsextremen, sondern vor allem bei schwarzen und muslimischen Jugendlichen aus den tristen und sozial prekären französischen Vororten, in denen auch Anelka aufwuchs.