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Prozess um Autobahnschützen: Wie ein Fernfahrer seinem Frust mit Schüssen auf LKW Luft macht

Prozess um Autobahnschützen: Wie ein Fernfahrer seinem Frust mit Schüssen auf LKW Luft macht

Volle Rastplätze, ewiger Stau, Überfälle durch Kollegen – der Fernfahrer aus der Eifel ist genervt. Irgendwann entlädt sich dieser Frust. Es folgt ein bisher einzigartiger Fall in der deutschen Kriminalgeschichte.

Er wollte seinem Ärger Luft machen. Hunderte Male schießt ein Fernfahrer deshalb während der Fahrt auf Lastwagen und spürt sofort eine gewisse Genugtuung. Doch Querschläger treffen auch Autos. Seinetwegen kommen mehrere Menschen nur knapp mit dem Leben davon. Jahrelang sucht die Polizei den Schützen, der es vor allem auf Autotransporter abgesehen hat. Mehr als 700 Schüsse registrieren die Ermittler zwischen 2008 und 2013. Doch sie fahnden ohne Erfolg. Erst dank der massenhaften Erfassung von Autokennzeichen an sieben Autobahnabschnitten kommen sie ihm auf die Spur.

Zehneinhalb Jahre ins Gefängnis

Am Donnerstag ist der 58 Jahre alte Mann aus Kall in der Eifel(Kreis Euskirchen) zu einer Freiheitsstrafe von zehneinhalb Jahren unter anderem wegen vierfachen versuchten Mordes verurteilt worden. Die Kammer könne "Selbstjustiz auf deutschen Autobahnen" nicht dulden, sagt der Vorsitzende Richter Burkhard Pöpperl zur Urteilsverkündung.
Der Angeklagte nimmt das Urteil mit ernstem Blick und ohne weitere Reaktion auf. Er hatte die Taten von Anfang an gestanden und sich bei den Opfern seiner Schüsse entschuldigt.
Er habe nie jemanden verletzen wollen und immer nur auf die Aufbauten der Transporter gezielt, beteuerte er.
Die Strafkammer des Landgerichts Würzburg sieht das anders. "Fehlschüsse, Durchschüsse waren nicht ausgeschlossen und wurden von Ihnen bewusst in Kauf genommen", sagt Pöpperl. Er habe "um ein Haar ein Leben ausgelöscht". Sein Handeln sei heimtückisch gewesen. Davon sind die Richter überzeugt. Der Fernfahrer schoss aus dem Verborgenen, zum Teil über mehrere Fahrspuren und mehrere Hundert Meter hinweg.
Er habe "Russisch Roulette" gespielt. "Von ihm ging eine tödliche Gefahr aus."

Der füllige Mann mit dem Schnauzbart und dem goldenen Ohrring im linken Ohrläppchen ist ein Tüftler und Waffenfreund. Das wurde vor Gericht immer wieder klar. Seine Waffen, die Schalldämpfer und Munition bastelte er zum Teil selbst. Seine Werkstatt war sein Heiligtum. Der gelernte Werkzeugmacher ließ nur wenige dort hinein.
Er schien ein Doppelleben zu führen. Kollegen beschrieben ihn als ehrlich, zuverlässig, vernünftig und hilfsbereit. Er sei "ein Guter" gewesen, sagte sein ehemaliger Chef vor Gericht. Er nahm sogar unbezahlten Urlaub, um seine kranken Eltern zu pflegen. Kaum einer schien zu ahnen, wozu der Lastwagenfahrer noch fähig war. Am Steuer war er auf Rachefeldzug - frustriert und voller Hass. Der Grund dafür: übervolle Rastplätze, stundenlange Staus und Überfälle durch Kollegen. Mit der einen Hand lenkte er, mit der anderen hielt er die Pistole und feuerte auf die Ladung vorbeifahrender Lastwagen.

Und trotz der Vielzahl der Schüsse liefen alle Ermittlungen zunächst ins Leere. Unter den LKW-Fahrern ging die Angst um. Die Polizei verteilte Handzettel, warnte vor dem unbekannten Schützen. Der Präsident des Bundeskriminalamtes, Jörg Ziercke, nutzte sogar die Fernsehsendung "Aktenzeichen XY" und lobte eine Belohnung von 100 000 Euro für erfolgreiche Hinweise aus. Doch die blieben aus.

Der langersehnte Treffer

Schließlich setzten die Ermittler auf die automatische Kennzeichenerfassung, Mautdaten dürfen sie nicht auswerten. Millionen von Kennzeichen wurden für zehn Tage gespeichert und im Falle eines Schusses ausgewertet. Und das brachte endlich den langersehnten Treffer.
Im Juni 2013 zieht sich die Schlinge zusammen. Der 58-Jährige wird von vermummten Spezialkräften der Polizei in seinem Wohnort Kall in der Nordeifel festgenommen. Zwei Pistolen, ein Schießkugelschreiber und rund 1300 Schuss Munition finden die Einsatzkräfte.
Der Fall, den BKA-Chef Ziercke als "bislang einzigartig in der Geschichte" beschrieben hatte, wird noch ein Nachspiel haben. Die massenhafte Erfassung von Autokennzeichen war der Verteidigung zufolge gesetzeswidrig. Sie will deshalb Revision gegen das Urteil einlegen und vor den Bundesgerichtshof ziehen.

Chronologie

Juli 2008: Der erste Beschuss eines Autotransporters wird festgestellt, bis Ende des Jahres werden neun Fälle bekannt.
Anfang 2009: Die Fallzahlen steigen deutlich.
August 2009: Das Bundeskriminalamt richtet die AG Transporter ein, um die Polizeiarbeit zu koordinieren. Bislang sind 127 Fälle bekannt.
10. November 2009: Auf der A 3 bei Würzburg schlägt eine Kugel durch die Frontscheibe des Autos einer Geschäftsfrau. Die 40-Jährige wird von Projektilsplittern in den Hals getroffen und lebensgefährlich verletzt. Bundesweit sind schon 248 Fälle bekannt.
1. Februar 2010: Als zwei Männer mit ihrem Kleintransporter einen Autotransporter überholen wollen, trifft ein Schuss die Scheibe der Fahrertür. Das Projektil tritt durch das Beifahrerfenster wieder aus. Die Insassen erleiden Schnittverletzungen vom splitternden Glas.
Juli 2011: Die Ermittler lassen an Tankstellen und Raststätten entlang der betroffenen Routen Fahndungsplakate anbringen und loben eine Belohnung von 27 000 Euro aus.
Juni 2012: Der Täter verwendet erstmals statt einer Kleinkaliberwaffe eine Pistole des gefährlicheren Kalibers neun Millimeter.
Oktober 2012: Das BKA richtet die Sonderkommission Transporter ein.
20. November 2012: Mittlerweile sind mehr als 700 Fälle bekannt. BKA-Präsident Jörg Ziercke warnt in einer Pressekonferenz: "Wir müssen diese Tatserie stoppen, bevor Schlimmeres passiert!" Die Belohnung wird auf 100 000 Euro erhöht.
3. Dezember 2012: Die Ermittler beginnen, an sieben Autobahnabschnitten automatisch Kennzeichen zu erfassen und diese auszuwerten, wenn in der fraglichen Zeit Schüsse fallen.
April 2013: Bei einer Serie von Schüssen ist klar, dass der Lastwagen des Täters binnen 18 Minuten eine Kamera passiert haben muss. Das führt die Beamten auf die Spur eines Fernfahrers aus der Eifel.
23. Juni 2013: Polizisten nehmen den Tatverdächtigen in der Eifel fest. Die Fahnder finden in einer Hecke zwei Waffen sowie mehrere Hundert Schuss Munition. Der Mann gibt die Schüsse zu.
11. August 2014: Unter großem öffentlichen Interesse beginnt am Landgericht Würzburg der Prozess gegen den 58-Jährigen. Ihm werden insgesamt 171 Fälle zur Last gelegt.
20. Oktober 2014: Die Staatsanwaltschaft fordert zwölf Jahre Freiheitsstrafe für den Autobahnschützen. Die Verteidigung plädiert auf Freispruch; sie hält die massenhafte Erfassung von Autokennzeichen für gesetzeswidrig.
30. Oktober 2014: Die Strafkammer verurteilt den 58-Jährigen wegen vierfachen versuchten Mordes zu zehneinhalb Jahren Haft. dpa