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Psychologische Tipps zum Umgang mit der Amokfahrt von Trier

Psychologie : Amokfahrt: Was Psychologen Eltern jetzt raten

Auch Kinder leiden unter Trauer, Wut, Verunsicherung und Angst. Was hilft da?

Paul (Name geändert) radelt jeden Morgen über Brotstraße und Hauptmarkt zur Schule. „Deshalb schockiert ihn die Amokfahrt besonders. Er wollte gestern den ganzen Tag mit mir darüber sprechen und hat auch seine Freunde angerufen, um sich auszutauschen – das macht er sonst nie“, erzählt seine Mutter. Am Abend konnte der Neunjährige lange nicht einschlafen. Sein Kopf sei so voller Gedanken, sagte er. „Er macht gerade zum ersten Mal die Erfahrung, dass es keine absolute Sicherheit gibt, und das verunsichert ihn“, sagt die Triererin. Paul hat Angst, es könnte weitere Amokfahrer geben. Angst, diese schrecklichen Ereignisse könnten sich wiederholen.

Wie geht man damit um? „Ein solches Erlebnis erschüttert die menschliche Seele“, sagt Birgit Albs, die Leiterin des Fachpsychologischen Zentrums im Trierer Brüderkrankenhaus. Wer den Amoklauf miterlebt hat, aber auch wer die Bilder in den Medien sah und vielleicht wenige Stunden zuvor noch an gleicher Stelle war, spüre diese Erschütterung.

Fassungslosigkeit, Ängste, innere Unruhe, plötzlich auftauchende Bilder des Erlebten, Gereiztheit, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen und unterschiedlichste wechselnde Gefühle gehörten dazu. „All diese Reaktionen sind normal nach einem so extremen Ereignis“, sagt Albs.

Erwachsenen rät sie: „Tun Sie jetzt alles, was Ihnen guttut und Sie beruhigt“. Aber wie hilft man Kindern?

Oliver Appel, leitender Schulpsychologe des Landes Rheinland-Pfalz, rät Eltern dazu einen möglichst normalen Rahmen zu schaffen, um mit den Kindern in Ruhe zu sprechen: beim Abendessen, Kartenspiel oder Gassigehen mit dem Hund. Man solle den Kindern zuhören, ohne deren Aussagen zu bewerten. Fragen solle man dabei sachlich und ehrlich beantworten, empfiehlt Diplom-Psychologin Angela Dieterich von der Lebensberatung Bitburg und dem Kind dabei deutlich machen: „Es ist schlimm und unendlich traurig, was passiert ist. Da ist es normal, dass Du traurig oder wütend bist. Das dauert eine zeitlang an, aber ich bin bei Dir und ich helfe Dir.“

Zudem gibt es laut Angela Dieterich zahlreiche Dinge, die den Kindern Hoffnung machen oder Trost spenden können: „Die Polizei hat den Täter gefasst. Die vielen Helfer waren ganz schnell da. Im Krankenhaus gibt es ganz tolle Ärzte, die den Verwundeten helfen. Ganz viele Menschen konnten sich in Sicherheit bringen.“ Und: Jetzt kann nichts mehr passieren.

Genau wie Corinna Engelmann, die Leiterin des Kinderschutzbundes, rät Dieterich dazu, mit dem Kind etwas zu unternehmen, das hilft, der Trauer einen Platz zu geben: an der Porta Nigra eine Kerze aufstellen, den Opfern ein Bild malen, im Dom an sie denken. Vielleicht hilft auch ein Kuscheltier. Oder ein Licht, das nachts leuchtet.

Alle Experten sind sich einig, dass man den Kindern deutlich machen muss, dass sich solch eine schreckliche Tat nicht wiederholen wird. Oder dass dies zumindest sehr unwahrscheinlich ist. Engelmann schlägt dafür folgende Methode vor: „Zum Sandkasten gehen und ein Körnchen herauspicken: So klein ist die Wahrscheinlichkeit.“

Ebenso einig sind sich die Psychologen darin, dass man nicht jede Sondersendung zur Amokfahrt schauen sollte – schon gar nicht mit den Kindern. Es sei wichtig, sich Informationen zu beschaffen. Doch eine zu intensive Beschäftigung mit dem Thema belaste.

„Trauer ist etwas Normales, das man zulassen sollte“, sagt Engelmann. Das gilt für Kinder. Und für Erwachsene.

Wer die schrecklichen Szenen in der Fußgängerzone miterleben musste, braucht nun einen Menschen an seiner Seite, sagt Dieterich. Jemanden, der zuhört, in den Arm nimmt und dafür sorgt, dass der Tag trotz allem eine Struktur hat – dass Betroffene Schlaf bekommen und gesundes Essen.

Auch Birgit Albs hat Tipps für Erwachsene, die unter den Geschehnissen leiden: „Wenn Sprechen mit verständnisvollen Menschen wohltuend ist, sprechen sie mit diesen. Wenn Rückzug den inneren Stress lindert, erlauben Sie sich diesen. Wenn Sport und Bewegung, laute Musik oder Tanzen helfen, machen Sie das. Die menschliche Seele ist außerordentlich robust und auch zur Selbstheilung in der Lage“, sagt Albs.

Normalerweise ist der neunjährige Paul sehr stolz, alleine zur Schule und wieder nach Hause zu radeln, doch nun bat er seine Mutter, ihn abzuholen. Eigentlich wollte die Triererin bereits gestern mit den Kindern zur Porta Nigra gehen. Doch sie lässt es –  bis sie sicher ist, dass sie selbst das emotional verkraftet.

Hilfetelefonnummern finden Sie hier.