Religion? Na und!

Viele Deutsche sind inzwischen konfessionslos. Zugleich nimmt der religiöse Fanatismus zu. Muss deshalb auch das Verhältnis von Staat und Religion überdacht werden? Mit diesem Thema beschäftigen sich die 60. Bitburger Gespräche - ein hochkarätig besetztes Diskussionsforum.

Trier. Die Entfernung der Kreuze aus den Sälen des Trierer Landgerichts ließ vor gut zehn Jahren die Wogen nicht nur in der Region hochschlagen. In ganz Rheinland-Pfalz wurde über die Entscheidung des damaligen Gerichtspräsidenten kontrovers diskutiert. Diese Woche entschied der Europäische Menschengerichtshof, dass auch muslimische Schülerinnen generell am gemeinsamen Schwimmunterricht teilnehmen müssten.
Behörden dürften der Schulpflicht und der Integration der Kinder Vorrang einräumen gegenüber dem religiös begründeten Wunsch der Eltern nach einer Befreiung, so die Straßburger Richter.
Zwei Beispiele, die zeigen, dass in der Beziehung Staat und Kirchen mitunter ein anderer Wind weht als früher. Das Verhältnis stehe nicht unter Denkmalschutz, habe vor einiger Zeit selbst Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) gesagt, meinte der Politikwissenschaftler Professor Antonius Liedhegener und verwies auf die anhaltenden Säkularisierungsprozesse.
Gehörte in den 1950er Jahren noch fast jeder Deutsche einer Kirche an, ist mittlerweile jeder Dritte religions- oder konfessionslos. Das schlägt sich auch in der Politik nieder. Laut Professor Liedhegener gab es in den vergangenen Jahren aus den Reihen von SPD, FDP und Grünen mehrfach Forderungen nach Abschaffung der Kirchensteuer, die teilweise auch in die Wahlprogramme eingeflossen seien.
Die Richterin am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR), Professor Angelika Nußberger, verwies auf die unterschiedlichen Urteile zur Verwendung religiöser Symbole, die häufig nur mit sehr knapper Mehrheit gefällt worden seien. Will heißen: Auch die Richter selbst sind über Burka, Kopftücher oder Kruzifixe oft unterschiedlicher Meinung. Die Gerichte hätten daher die Aufgabe, einen Rahmen zu definieren, in dem sich Gläubige und Ungläubige wiederfänden, sagt die an den EGMR abgeordnete Kölner Richterin. Dies sei allerdings leichter gesagt als getan. "Um religiöse Symbole wurden in der Vergangenheit schon Kriege geführt, dafür wird gelebt und gestorben", so Nußberger.
Wie rasch sich im Verhältnis Staat/Kirche etwas ändern kann, sieht man nach Angaben des Tagungsleiters Professor Ansgar Hense am benachbarten Großherzogtum. Die seit dreieinhalb Jahren regierende Koalition aus Liberalen, Sozialdemokraten und Grünen hat sich mit den Religionsgemeinschaften des Landes auf mehrere Abkommen geeinigt, die das Staat-Kirche-Verhältnis völlig neu regeln. Religions- und Ethikunterricht wurden durch das Fach Leben und Gesellschaft ersetzt. Zudem erhalten die Kultusgemeinschaften weniger finanzielle Unterstützung vom Staat. Im Großherzogtum bekennen sich immerhin noch 40 Prozent zur katholischen Kirche.
Am zweiten Tag der Bitburger Gespräche geht es am Freitag unter anderem um die Frage, ob das kirchliche Arbeitsrecht noch zeitgemäß ist. Unter dieses Arbeitsrecht fallen allein in der Region Trier mehrere Tausend Beschäftigte von Krankenhäusern, Kindergärten, Sozialeinrichtungen oder Kirchengemeinden.Extra

Der zu Wochenbeginn verstorbene Altbundespräsident Roman Herzog war häufiger Gast bei den Bitburger Gesprächen. So oft es seine Zeit erlaube, komme er gerne zu den Tagungen, meinte Herzog vor 18 Jahren am Rande der Gespräche in Biersdorf am See. Dort fanden die Bitburger Gespräche jahrelang statt. Herzog war Ehrenpräsident der Gesellschaft für Rechtspolitik, die die Bitburger Gespräche ausrichtet. sey