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Retour vom Bundesgerichtshof

Retour vom Bundesgerichtshof

TRIER. Vor zwei Jahren verurteilte die 3. Große Strafkammer am Trierer Landgericht einen damals 32-Jährigen aus Traben-Trarbach zu sieben Jahren Haft wegen Vergewaltigung, Geiselnahme und Körperverletzung. Der Bundesgerichtshof hob das Urteil aufgrund eines Revisionsantrags der Staatsanwaltschaft auf. Nun wird der Fall in Trier von neuem aufgerollt.

Der Prozess hatte an der Mosel beträchtliches Aufsehen erregt, nicht zuletzt wegen seiner Vorgeschichte. Der heute 34-jährige Michael R., bereits vorbestraft wegen eines brutalen Mordes in Bernkastel-Kues, hatte nach dem Urteil der Trierer Kammer seine damalige Lebensgefährtin vergewaltigt und später deren einjähriges Kind aus dem Fenster gehalten, um sie zu sexuellen Handlungen zu nötigen. Entgegen dem Antrag der Staatsanwaltschaft hatte das Gericht den Angeklagten zwar verurteilt, aber auf die Verhängung einer dauerhaften Sicherheitsverwahrung verzichtet. Dieser Verzicht sei unzureichend begründet, befand der Bundesgerichtshof. Zudem erfüllten die Taten möglicherweise schärfere Straftatbestände, als die Kammer angenommen hatte. Angesichts derart gravierender Einwände muss nun die 1. Große Strafkammer versuchen, die Vorgänge in den anberaumtem sieben Verhandlungstagen noch einmal komplett aufzuhellen. Ein schwieriges Unterfangen, wie bei fast allen umfassenden Revisionen. Die Tat liegt lange zurück - in diesem Fall fast fünf Jahre - , das Erinnerungsvermögen von Zeugen, Tätern und Opfern lässt nach, parallel glauben die Beteiligten aufgrund ihrer Erfahrungen zu wissen, was man gerne von ihnen hören will. Mehr taktisches Verhalten, weniger Authentizität und Faktengenauigkeit: Unter diesen ungünstigen Bedingungen soll das Gericht der Gerechtigkeit letztlich näher kommen, als es der Vor-Instanz gelungen ist.Für den Angeklagten geht es um Alles oder Nichts

Dazu kommt, dass es im Fall des Michael R. buchstäblich um Alles oder Nichts geht. Sicherheitsverwahrung, das bedeutet den Verbleib in staatlichem Gewahrsam, auch wenn die Strafe abgebüßt und damit die Schuld nach den Maßstäben unseres Rechtssystems getilgt ist. Kein Gericht wird diesen Schritt leichtfertig gehen, zumal nicht bei einem 34-Jährigen. Auf der anderen Seite steht der berechtigte Anspruch auf Schutz der Öffentlichkeit - und, ausgesprochen oder nicht, das Unbehagen, jemanden irgendwann wieder in Freiheit zu entlassen, der möglicherweise das Leben Unschuldiger bedroht. Die Kammer unter dem Vorsitz von Richterin Irmtrud Finkelgruen hat sich vor diesem Hintergrund des Beistands zweier Sachverständiger versichert. Die Neurologin Dr. Silvia Leupold, neu im Verfahren, soll die Frage untersuchen, ob Michael R. tatsächlich einen derart ununterdrückbaren Hang zu schweren Straftaten hat, dass man ihn auf Dauer wegsperren muss. Der Dortmunder Psychiatrie-Professor Dr. Burkhard Schade begutachtet die Glaubwürdigkeit der Aussagen. Denn die Einlassungen zu den fraglichen Straftaten liegen um Welten auseinander, und "neutrale" Zeugen sind Mangelware. Dass er seine Freundin in einem Fall verprügelt habe, räumt der Angeklagte ein. Von Vergewaltigung und der Drohung mit dem Töten des Kindes will er dagegen nichts wissen. "Ich habe das Kind vergöttert", beteuert er. Glaubt man seiner Schilderung, dann war das fünf Monate dauernde gemeinsame Leben in erster Linie durch die Tablettenabhängigkeit und den Drogenkonsum seiner Lebensgefährtin beeinträchtigt. "Ich habe die Welt nicht mehr begriffen und war überfordert", sagt er mehrfach.Entscheidende Rolle für die Gutachter

Das heute 27-jährige Opfer beschreibt dagegen ein Zusammenleben, das geprägt gewesen sei durch die Unberechenbarkeit und Gewalttätigkeit von Michael R. "Der kann nicht anders, der kann nur hassen", bricht es aus ihr heraus. Die junge Frau, die heute gefestigt wirkt, räumt die eigene Sucht-Vergangenheit unumwunden ein. Bei der detaillierten Schilderung der vorgeworfenen Taten ringt sie um Fassung: "Ich hatte das alles so weit weggedrückt" - Revisionen können eine Tortur sein, vor allem für die Leidtragenden der verhandelten Taten. Es wird viel von den Gutachtern abhängen, die sich am ersten Verhandlungstag weitgehend als stumme Beobachter betätigen. Ein Urteilsspruch ist erst Anfang Februar zu erwarten.