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Rheinland-Pfalz: Grünen-Ministerin gegen Ein-Freunde-Regel für Kinder

Interview : „Herzzerreißend“: Familienministerin Anne Spiegel wehrt sich gegen Ein-Freund-Regel für Kinder

Die Grünen-Politikerin aus Rheinland-Pfalz sieht eine rote Linie überschritten. Sie sagt, warum sich Kinder mit mehr als einem Freund treffen sollen, wieso sie für offene Kitas kämpft und was sie ihren Kindern antwortet, die sich eine Corona-Impfung für den Weihnachtsmann wünschen.

Kinder sollen nur noch einen Freund treffen? Im Interview mit TV-Chefredakteur Thomas Roth und Landeskorrespondent Florian Schlecht wehrt sich die rheinland-pfälzische Familienministerin, grüne Spitzenkandidatin und vierfache Mutter Anne Spiegel dagegen.

Haben Ihre Kinder sich schon für einen Freund entschieden, den sie noch treffen dürfen?

Interview mit der rheinland-pfälzischen Familienministerin Anne Spiegel

Anne Spiegel: Nein. Sie haben die Diskussion aber mitbekommen und waren relativ besorgt und aufgelöst. Ich habe ihnen zugesagt, dass ich mich als Familienministerin vehement gegen eine solche Regelung zur Wehr setzen werde. Das halte ich für unverhältnismäßig und überhaupt nicht am Kindeswohl orientiert.

Die neuen Einschränkungen sind scharf formuliert: Demzufolge soll sich jede Familie ja nur noch mit einem Haushalt treffen. Heißt: Eigentlich müssten Sie sich mit ihrem Mann und Ihren Kindern abstimmen, wen sie wirklich noch sehen wollen.

Spiegel: Man muss schon differenzieren, ob man sich in geschlossenen Räumen oder draußen trifft. Draußen – auf Spielplätzen, im Wald, in der Öffentlichkeit – brauchen Kinder ganz unbedingt die Möglichkeit, sich mit Spielgefährten zu treffen. Ich bin ganz klar gegen die im Raum stehende Ein-Freunde-Regelung, weil sie nicht altersgerecht ist. Wir Erwachsenen sind alt genug, die Kontaktbeschränkungen erklärt zu bekommen. Kinder vor die Wahl stellen zu müssen, mit wem sie sich am liebsten treffen, ist nicht alltagstauglich.

Beschleunigt eine solche Regel nicht Mobbing, weil sie Kinder mit wenigen engen Freunden ausgrenzt?

Spiegel: Mich erinnert die Regel an die Völkerball-Stunde in der Schule. Ein Kind ist nie ausgewählt worden und oft als Letztes übrig geblieben. Bei der Suche nach dem einem Kontaktfreund drohen Kinder alleine zu bleiben. Das ist herzzerreißend. Dafür habe ich kein Verständnis.

Was haben Sie gedacht, als Sie die Empfehlungen gehört haben?

Spiegel: Ich war ziemlich geschockt, konsterniert und dachte: Das geht so nicht. Wir müssen uns auch in die Situation hineinversetzen, was Kinder und Jugendliche in den letzten Monaten alles aufgrund der Corona-Pandemie an Einschränkungen hinnehmen mussten. Irgendwo muss die rote Linie sein. Die ist bei mir weit überschritten, wenn sich Kinder nur noch mit einem anderen Kind treffen dürfen.

Muss es denn Regeln für Kinder geben – und welche?

Spiegel: Wenn ich an das Bildungssystem in Kitas und Schulen denke, gibt es schon viele Regeln, die in Kraft getreten sind und an die sich Kinder gewöhnt haben. Familien gehen sehr verantwortungsvoll und solidarisch mit der Situation um. Ich finde, man sollte Abstand davon nehmen, Kindern unverhältnismäßige Bestimmungen aufzulegen. Es ist okay, wenn Erwachsene ihre Kontakte auf ein Mindestmaß reduzieren. Kinder brauchen aber die Möglichkeit, sich mit mehr als einem Freund zu treffen. Ein Kind wird sich kaum mit 20 Freunden treffen.

Beim ersten Lockdown gab es Befürchtungen, dass Probleme in Familien zunimmt und Gewalt steigt. Was sagen die Statistiken dazu?

Spiegel: Das Thema hat mich als Mutter und Familienministerin umgetrieben. Wir haben daher in Rheinland-Pfalz mit einer Erhebung viel intensiver hingeschaut als andere Bundesländer. Unsere Feststellung: Die Hilfesysteme haben in der Krise funktioniert. Meldungen, bei denen Kindeswohlgefährdung im Raum stand, sind nicht abgesackt, sondern haben sich verlagert. Sprich: Es gab weniger Meldungen von Kitas und Schulen, aber mehr Meldungen aus der Nachbarschaft, dem Bekanntenkreis, der Familie oder der Polizei.

Gab es in der Menge mehr oder weniger Kindeswohlgefährdung als in normalen Zeiten?

Spiegel: Uns hat die Sorge angetrieben, dass es zu einem Anstieg kommt. Tatsächlich gab es aber von den Zahlen, die uns vorliegen und die wir haben auswerten lassen, keinen Anstieg.

In anderen Ländern sind Zahlen bei Kindeswohlgefährdung nach oben gegangen. Warum nicht bei uns?

Spiegel: Der allerwichtigste Unterschied zu anderen Ländern war, dass wir zum Glück nie einen ganz harten Lockdown mit Ausgangsbeschränkungen hatten. Wir hatten immer eine Notbetreuung an Schulen und Kitas, die auch nicht nur auf systemrelevante Gruppen beschränkt war. Auch die Jugendämter waren nicht im Lockdown. Die Unterstützungssysteme der Kinder- und Jugendhilfe haben weiter gearbeitet und da, wo es möglich war, Hausbesuche vorgenommen. Das war ein entscheidender Punkt.

Sie sind Ministerin und Mutter. Welche Erfahrungen ziehen Sie aus dem ersten Lockdown?

Spiegel: Erstens: Die Kitas und Schulen dürfen nicht wieder geschlossen werden. Das muss absolute Ultima Ratio sein. Zweitens: Heimunterricht, Home-Office, die Betreuung von Kindern im nicht-schulpflichtigen Alter und Haushalt haben sich nicht unter einen Hut bringen lassen. Ich habe keine einzige Familie getroffen, der das reibungs- und problemlos möglich war. Drittens: Ich glaube, wir sind zu weit gegangen, als wir die Spielplätze zugemacht haben. Den Lockdown im Frühjahr habe ich selber politisch mitgetragen, weil wir wenig Wissen über das Virus und das Infektionsgeschehen hatten. Bei Maßnahmen, die Kinder betreffen, müssen wir nun mit mehr Augenmaß vorgehen. Hinter den Kulissen habe ich daher dafür gekämpft, die Spielplätze wieder zu öffnen.

Schließen Sie aus, dass Spielplätze noch mal gesperrt werden?

Spiegel: Ich kämpfe wie eine Löwin dafür, dass Spielplätze so lange wie möglich offen bleiben. Die Frage, ob man schließt oder nicht, kann allerdings von den Kommunen entschieden werden. Ich sehe mich in der Corona-Pandemie als Familienministerin, die ein Stück weit als Fürsprecherin für Kinder, Familien und Jugendliche auftritt. Ich hielte eine erneute Schließung von Spielplätzen für unverhältnismäßig, weil es keine Studie gibt, die dort ein hohes Infektionsgeschehen belegt.

Sind Sie für eine Maskenpflicht auf Spielplätzen?

Spiegel: Kinder, die auf Spielplätzen spielen, sind nicht zu vergleichen mit Erwachsenen, die auf einer Bank sitzen. Sie rennen, toben, sind außer Atem. Meines Erachtens nach ist das ein vollkommen falscher Moment, Kindern eine Maske zu verordnen.

Eine Frage an die grüne Spitzenkandidatin Spiegel: In vielen Schulen sind Klassen in Quarantäne. Ist Wechselunterricht die beste Lösung?

Spiegel: Bevor man über eine Schließung nachdenkt, kann ein rollierendes System eine Vorstufe darstellen. Auch da wäre es wichtig, anders als im Vorjahr differenzierter vorzugehen. Grundschulen, Abschlussklassen und das berufsvorbereitende Jahr sollte man explizit davon ausnehmen.

Dürfen Kitas noch mal schließen wie im ersten Lockdown?

Spiegel: Nicht nur meine Kinder haben sehr unter der Schließung von Kitas und Schulen gelitten. Ich hatte mich bewusst entschieden, meine Kinder nicht in die Notbetreuung zu geben, um Kapazitäten für andere Eltern frei zu lassen. Alle Erfahrungen zeigen: Drei von vier infizierten Kindern haben sich nicht in Bildungseinrichtungen angesteckt, sondern woanders. Das ist für mich klares Indiz dafür, beim Infektionsgeschehen nicht zuerst an Schulen und Kitas zu denken. Wir müssen weg davon, Kinder als Träger des Virus zu sehen und hin dazu, was sie brauchen. Für eine kleine Kinderseele ist es wichtig, andere Kinder zu treffen und mit ihnen zu spielen.

Käme es zu Schließungen: Wo muss die Politik aus Fehlern des ersten Lockdowns lernen?

Spiegel: Ich würde persönlich erst mal Baumärkte oder andere Orte schließen, bevor ich über Kitas und Schulen nachdenke. Wenn es unumgänglich sein sollte, müssen wir klar informieren, gut informieren und Schulen und Kitas Vorlauf geben. Wir brauchen vom ersten Tag eine Notbetreuung, die nicht nur systemrelevante Berufe erfasst und von der alle Eltern Gebrauch machen können. Und wir müssen darauf achten, dass der Kontakt zwischen Bildungssystem und Jugendlichen nicht abbricht.

Freuen Sie sich auf Weihnachten?

Spiegel: Es gab in diesem Jahr keinen Kindergeburtstag, keinen Laternenumzug. Die nächsten großen Sachen, die meine Kinder bewegen, sind Nikolaus und Weihnachten. Mein Sohn fragte mich: ,Kann man zuerst das Christkind und den Nikolaus impfen, wenn der Impfstoff da ist?‘ Ich habe ihm mal zugesagt. Ich glaube, das gehört zu einem gerechten Konzept dazu (lacht).

Eine Audio-Version des Interviews hören Sie hier.