Rheinland-Pfalz: Handwerk sucht Azubis - 2500 Plätze unbesetzt

Regionale Wirtschaft : Dem Handwerk im Land fehlen 2500 Azubis! Wie die Wirtschaft um Nachwuchs kämpft

Immer mehr Auszubildende werben an Schulen für ihre Lehre, schnuppern bei ausländischen Betrieben rein und kämpfen gegen Vorurteile.

Rebecca Hlawatsch ist während ihrer Ausbildung zu einer echten Weltbürgerin geworden. Die rheinland-pfälzische Nachwuchskonditorin durfte als Azubi zu Auslandsaufenthalten nach Wissembourg, Valencia und Helsinki fahren. „Ich habe eine Riesenmappe mit fremden Rezepten mit nach Hause gebracht, die Menschen waren offen und herzlich“, sagt Hlawatsch, die momentan ihren Meister baut und danach ein eigenes Café eröffnen will. Die Auszubildende – im vergangenen Jahr beste Konditorgesellin in Rheinland-Pfalz – gilt im Handwerk als glänzendes Vorbild, wohin der Weg mit einer Lehre gehen kann. Und als eine Karriere, die gegen Vorurteile taugt.

Der rheinland-pfälzische Wirtschaftsminister Volker Wissing (FDP) mäkelt, zu oft leide das Handwerk unter dem Klischee, dass der Weg über die Hochschule am Ende ein viel besseres Einkommen verspreche als die Lehre. „Oft ist es genau umgekehrt“, sagt Wissing, der in diesen Tagen massiv für Ausbildungen im Land wirbt (siehe Extra).

Aus gutem Grund: Mehr als 10 000 Lehrstellen sind in ganz Rheinland-Pfalz nach dem Start des Ausbildungsjahres am 1. August weiter unbesetzt, 2500 davon im Handwerk. Die Handwerkskammer Trier meldet für ihren Bezirk derzeit 903 offene Stellen – 599 für sofort, 304 bereits für das Jahr 2020. Carl-Ludwig Centner, Geschäftsführer und Abteilungsleiter Ausbildung, schlägt Alarm: „Leider hat sich die Lage auf dem Ausbildungsmarkt nicht entspannt. Die neu abgeschlossenen Lehrverträge für das Ausbildungsjahr 2019/20 liegen knapp zehn Prozent unter dem Wert vom Vorjahr. Die offenen Ausbildungsplätze konnten im August kaum besetzt werden.“ Dabei spricht Kurt Krautscheid, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der rheinland-pfälzischen Handwerkskammern, von guten Zukunftschancen für Azubis. Jeder dritte Betriebsinhaber in Rheinland-Pfalz sei 50 Jahre oder älter. Es brauche Nachfolger, die die Firmen übernehmen. Geht es um die Furcht vor niedrigen Löhnen hält Krautscheid dagegen: „Berufsverbände haben begriffen, dass es eine gute Bezahlung braucht.“ In der Lehre zum Dachdecker steige das Azubi-Gehalt innerhalb der drei Jahre auf 1000 Euro pro Monat. Im Berufsleben angekommen, könne der Lohn rasch auf gut 20 Euro die Stunde anwachsen.

Besonders an Schulen trommeln Betriebe immer lauter für das Handwerk. Auch an Gymnasien: Dort setzen Kammern immer häufiger Azubis ein, die Jugendlichen von ihrer Arbeit erzählen. So wie Timo Turner, der als Friseur arbeitet. Sein Eindruck: „Oft erleben Jugendliche von zuhause den Druck, dass der akademische Weg gewünscht ist. Viele Jungs haben Angst, ins Handwerk zu gehen, weil sie Sorge haben, dort zu wenig Geld zu verdienen“, sagt der Azubi. An den Botschaftern liegt es dann auch, über Mythen und Gerüchte des Handwerks aufzuklären. „Wir erzählen natürlich auch lustige Sachen von der Arbeit und nehmen Schülern die Angst, dass sie in einem Betrieb nicht akzeptiert werden oder sofort ins kalte Wasser geworfen werden. Das ist bei mir nicht der Fall. Ich lerne Stück für Stück“, sagt Turner.

Bislang setzen die Handwerkskammern in der Pfalz und in Rheinhessen auf die so genannten Ausbildungsbotschafter, die auch auf Jobbörsen werben. Ab dem 1. September stößt auch die Koblenzer Kammer dazu. Das Land hofft, dass die Botschafter ab dem Frühjahr 2020 auch im Bezirk der HWK Trier um Azubis buhlen. Krautscheid sagt, viele Betriebe böten leistungsschwächeren Schülern inzwischen auch auf eigene Kosten Nachhilfe an.

Mehr von Volksfreund