Rheuma ist eine weit verbreitete Krankheit. Doch Fachärzte fehlen.

Kostenpflichtiger Inhalt: Gesundheit : Volksfreund-Serie Hauptsache Gesund - „Rheuma ist keine Alte-Leute-Krankheit“

Quälende Schmerzen, steife Gelenke: Je früher Rheuma erkannt wird, desto besser die Heilungschancen. Doch es mangelt an Fachärzten.

Plötzlich waren sie da: Schmerzen an den Händen, den Knien, im Rücken. Kirsten Schmidt geht zum Hausarzt, zum Orthopäden, zu Fachärzten für Rheuma. Bis heute hat sie keine eindeutige Diagnose. Rheuma, ja, aber welche Form, das kann ihr seit zehn Jahren keiner der Ärzte, die sie bislang aufgesucht hat, sagen. „Besonders schlimm ist es, wenn das Wetter umschlägt“,  sagt die 52-Jährige aus Minderlittgen (Landkreis Bernkastel-Wittlich). Und sie schimpft über ewig lange Wartezeiten. „Im Akutfall wird man nie behandelt“, sagt sie.

Das sieht auch Ursula Oettgen so. Ihre Tochter Veronika hat ebenfalls die Krankheit, die in Schüben kommt, schmerzt und unbeweglich macht. Es ist 17 Jahre her, als das Mädchen mit Pusteln und roten Flecken am ganzen Körper vor ihr stand. „Sie sah aus, als hätte sie schlimme Verbrennungen“, erinnert sich die Mutter aus Puderbach, im Norden von Rheinland-Pfalz. Sie gingen zum Hautarzt, von dort aus direkt in die Uniklinik Bonn. Der Professor habe nach geschwollenen Gelenken und Schmerzen gefragt – Symptome, die Veronika hatte – und die Diagnose Rheuma gestellt. „Eine mehrere Jahre zurückliegende Erkrankung an Scharlach hat das Rheuma wohl in Gang gesetzt“, sagt Oettgen.

Sie engagiert sich noch heute im Elternkreis rheumakranker Kinder, um mit anderen Familien Erfahrungen auszutauschen und um zu informieren. Etwa darüber: „Rheuma ist keine Alte-Leute-Krankheit“, sagt sie. Auch Babys erkrankten. Das jüngste betroffene Kind im Elternkreis sei mit acht Monaten aufgenommen worden. Und Oettgen prangert an: „Es gibt nur eine einzige internistische Rheumatologin für Kinder in Rheinland-Pfalz, in Mainz.“

Was genau steckt hinter Rheuma? Professor Stefan Weiner, Chefarzt der Abteilung für Innere Medizin II im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Trier, erklärt: „Rheuma ist eine autoimmunologisch bedingte, entzündliche Gelenkerkrankung wie die rheumatoide Arthritis.“ Davon abgrenzen müsse man durch Verschleiß entstandene, degenerativ bedingte Beschwerden an den Gelenken wie Arthrose.  „Verursacht das Immunsystem eine Entzündung am Bewegungsapparat, können sich dahinter mehr als 200 verschiedene rheumatische Erkrankungen verbergen“, sagt Weiner. Erste Anzeichen könnten Morgensteifigkeit und Gelenkschmerzen sein.

Aber nicht nur Gelenke und Wirbelsäule könnten betroffen sein, sondern auch Muskeln, Sehnen und sogar innere Organe. „Um die Erkrankung zu diagnostizieren, setzt ein internistischer Rheumatologe mit viel Erfahrung viele kleine Puzzleteile zusammen“, sagt er. Die Heilungschancen stiegen mit früher Diagnose und der Behandlung mit entsprechenden Medikamenten.

Umso fataler, dass Fachärzte, also internistische Rheumatologen, fehlen. Seit vielen Jahren kämpft die Deutsche Rheuma-Liga, die größte Selbsthilfeorganisation Deutschlands im Gesundheitsbereich, gegen diesen „eklatanten Mangel“.  Der Landesausschuss der Ärzte und Krankenkassen in Rheinland-Pfalz hat vergangene Woche einen neuen Bedarfsplan aufgestellt. Laut Rainer Saurwein, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz, wird das Ergebnis im November veröffentlicht. Für den Raum Trier könne er jetzt schon sagen, es werde einen weiteren Kassensitz für einen internistischen Rheumatologen geben.

Professor Weiner geht davon aus, dass mehr als hundert internistische Rheumatologen deutschlandweit fehlen, nur um die rheumatologische Minimalversorgung abdecken zu können. Im Brüderkrankenhaus seien die  Kapazitäten, an Rheuma erkrankte Patienten ambulant zu behandeln, am Limit.

Trotzdem, in sehr dringlichen Fällen, wenn Patienten akute Beschwerden hätten und je nach Schwere der Krankheit, könnten diese kurzfristig ambulant und stationär aufgenommen werden. „Wir haben für jeden Hausarzt oder anderen Fachkollegen, der einen Patienten kurzfristig schicken möchte, ein offenes Ohr“, betont der Mediziner.

Kirsten Schmidt aus Minderlittgen leitet in Wittlich eine Arbeitsgemeinschaft im Landesverband Rheinland-Pfalz der Deutschen Rheuma-Liga. Betroffene tauschen sich aus und organisieren sogenannte von Therapeuten angeleitete Funktionstrainings. Schmidt sagt, sie habe gelernt, mit der Krankheit zu leben. Das Schlechteste sei, stillzusitzen. Sie bewegt sich viel, aber maßvoll. Denn beansprucht sie ihren Körper zu stark, tun die Gelenke schnell wieder weh. Maßvoll nimmt sie auch Schmerzmittel, „um die Organe zu schonen“. Stricken tut ihren Händen gut, und im Büro sorgt sie dafür, dass es warm ist.

„Heute wissen wir, dass Bewegung und eine mediterrane Ernährung mit wenig tierischem Eiweiß sich positiv auf Rheuma auswirken kann, auch vorbeugend“, sagt Professor Stefan Weiner. Und Studien hätten  ergeben, dass Raucher ein deutlich höheres Risiko hätten, an rheumatoider Arthritis zu erkranken.

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