Rockers Rollenspiele

NÜRBURGRING. Klasse Mischung, gutes Ergebnis: Knapp 70 000 Zuschauer feierten bei Rock am Ring über 70 Bands - und sich selbst.

Rückblick ins Jahr 1985, dem Premieren-Jahr von Rock am Ring: Ian "Lemmy” Kilmister geht auf die 40 zu, hat alle Drogen durch, bastelt mit Motörhead am neunten Album "Orgasmatron”. Judith Holofernes, später Sängerin von "Wir sind Helden” und damals noch ohne Künstlernamen, kommt ins dritte Schuljahr. Die Kanadierin Avril Lavigne wird geboren. Sie teilen nichts. Nicht die Herkunft, nicht den Hintergrund. Schon gar nicht die musikalischen Vorlieben. Und doch spielen sie alle - Motörhead, Lavigne und "Wir sind Helden” - 2004 beim selben Festival, treffen sich im Backstage-Bereich und werden sich dort wenig zu erzählen haben.Härtere Klänge dominieren

Rock am Ring schafft die Verbindung. Während sich die meisten Festivals eine klare Richtung vorgeben (entweder Heavy Metal oder Gitarren-Pop oder Hip Hop oder Deutsch-Punk), versucht Veranstalter Marek Lieberberg die Demokratisierung des Rocks, alle Nischen finden ein Zuhause. Zwar wird auf den drei Bühnen mit über 70 Bands die musikalische Gangart tageweise grob vorgegeben. Härtere Klänge dominieren. Trotzdem wird man neben den eigenen Helden kaum an Gruppen vorbei kommen, die es sonst nie in die Gehörgänge schaffen würden. Das kann überraschen oder schockieren. Schlecht finden ist gut, gut finden noch besser. Auch das ist ein Konsens. Es funktioniert, weil es Dinge gibt, die jedes Rock- und Rollenverständnis zusammen halten: das Bier in der Hand zum Beispiel und vor allem die gemeinsame Jugend. Kaum einer unter den knapp 70 000 Fans (fast so viele wie im Rekordjahr 2003) ist über 30 Jahre alt. "Ich habe den Eindruck, dass das Publikum jünger wird”, bilanziert auch Lieberberg, der gerne mal über die Zeltplätze streift und bei der Basis nachhört. "Viele waren in diesem Jahr zum ersten Mal da.” Seine "Ringrocker” verbindet auch die grundsätzliche Bereitschaft, Opfer zu bringen und zu leiden. Für ihre Idole, den Hedonismus und dafür, dass man mitreden kann, wenn der Opa demnächst wieder von Woodstock erzählt. Wer morgens um vier Uhr nach zwölf Stunden Megawatt-Dröhnung komatös ins Zelt stolpert, weiß, dass er Geschichte geschrieben hat. Nur seine persönliche zwar, aber immerhin. Dann ist es auch egal, ob der Nachbar mit der dicken Stereoanlage zwei Stunden später mit Avril Lavigne oder mit Motörhead aus dem Delirium bittet.