Schadstoffe PFOS und PFOA von Airbase Spangdahlem und Flugplatz Bitburg gefährlicher als gedacht

Kostenpflichtiger Inhalt: Umwelt : „Muss es denn erst Tote geben?“ – Schadstoffe von Flugplatz Bitburg und Airbase gefährlicher als gedacht

Umweltaktivisten warnen seit Jahren. Nun warnen auch Behörden. Schadstoffe, die von den Flugplätzen der Region in die Umwelt gelangen, sind noch viel gefährlicher als angenommen. Während es mit dem Trinkwasser kein Problem gibt, enthalten geangelte Fische riskante Mengen der krebserregenden Chemikalien.

Schon vor Jahren hat Günther Schneider aus Binsfeld sein Blut auf Schadstoffe mit nahezu unaussprechlichen Namen untersuchen lassen: Perfluoroctansulfonsäure (PFOS) und Perfluoroctansäure (PFOA). Stoffe, die von der Airbase Spangdahlem und anderen Flugplätzen mit Löschschäumen in Böden und Gewässer gelangten. Stoffe, die nicht abbaubar sind und sich so in Umwelt und Nahrungskette anreichern. Schneiders Gemüse wächst knapp jenseits des Airbase-Zauns und bis 2014 aß er Fische aus einem, wie sich dann herausstellte, stark belasteten Angelweiher.

Wie riskant das alles war und ist, zeigen nun auch offizielle Dokumente. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat für PFOS und PFOA neue, um ein Vielfaches niedrigere tolerierbare Mengen festgelegt.  Wer angelt, sollte sich gut überlegen, ob er Forellen aus dem Einzugsgebiet der Flugplätze Bitburg, Spangdahlem oder Hahn wirklich essen möchte.

Studien zufolge können schon geringe Konzentrationen im Blut Auswirkungen auf die Gesundheit haben: Die Blutfettwerte steigen, ebenso wächst die Gefahr, an Herzkrankheiten oder Krebs zu erkranken. Solche Studien wurden nun zur Grundlage einer gesundheitlichen Neubewertung, der sich auch das Bundesinstitut für Risikobewertung anschließt.

Die deutsche Behörde empfiehlt –  auch wenn sie Unsicherheiten und weiteren Forschungsbedarf sieht – sich an den neuen Werten zu orientieren: Pro Kilogramm Körpergewicht sollten Verbraucher wöchentlich höchstens sechs Nanogramm PFOA zu sich nehmen und maximal 13 Nanogramm PFOS.

Werte, die beim Verzehr von Fischen aus Kyll oder Spanger Bach um ein Vielfaches überschritten werden. Hier ein kleines, beunruhigendes Rechenbeispiel. In der Kyll wurden 200 Mikrogramm PFOS pro Kilo Fisch nachgewiesen. Das entspricht 200 000 Nanogramm pro Kilo Fisch. Bisher lautete die Verzehr-Empfehlung für Kyll oder Spanger Bach: Pro Monat solle man nicht mehr als 300 Gramm verzehren. Wer 300 Gramm Kyllfisch isst, nimmt aber 60 000 Nanogramm PFOS zu sich. Kurz: Viel zu viel. Da müsste ein Mensch schon 4615 Kilo wiegen – so viel wie ein Nilpferd – um kein Risiko zu einzugehen.

Bei alledem handelt es sich allerdings nur um Richt- nicht um Grenzwerte. Das rheinland-pfälzische Umweltministerium will die Bundesregierung daher bitten, in Brüssel auf eine schnellere Festlegung von Grenzwerten hinzuwirken. Bei Bedarf werde man zudem die Verzehrempfehlungen für Fische überarbeiten.

Beim Trinkwasser, für das die neuen Richtwerte ebenfalls empfohlen werden, geben die Stadtwerke Trier Entwarnung. Im Kylltalwasser liege der Mittelwert für PFOS bei fünf Nanogramm/Liter. PFOA sei nicht nachweisbar. Wenn eine 75-Kilo-Person also täglich zwei Liter Wasser trinkt, nimmt sie pro Woche 70 Nanogramm zu sich und damit nur rund sieben Prozent der maximal empfohlenen Menge (75 x 13 = 975 Nanogramm). Das gleiche gilt für das Wasser aus dem Beilinger Brunnen, wo zuletzt ebenfalls fünf Nanogramm der Schadstoffe/Liter gemessen wurden. Ebenso wenig wie Grenzwerte gibt es eine Verpflichtung, das Wasser auf die Substanzen zu untersuchen. Dennoch haben die Stadtwerke vor fünf Jahren schon ein Spezialgerät angeschafft. „Unsere Analysen zeigen aktuell eine gleichbleibende Konzentrationen. Wir hoffen, dass die Erkenntnisse rund um die Flugplätze Bitburg und Spangdahlem zu einer Verbesserung der Situation beitragen“, teilen die Trierer Stadtwerke mit.

„Das ist wirklich eine ökologische Katastrophe und da passiert nichts! Muss es denn erst Tote geben?“, fragt Schneider, dessen Blut einen PFOS-Wert aufwies, der deutlich über dem Bundesschnitt liegt. Nach einem Herzinfarkt wurde er zum Frührentner und kämpft seit Jahren mit zu hohen Blutfettwerten. Den Binsfelder frustriert es, dass die Schadstoffe sich in der Südeifel noch immer ungehindert verbreiten können.

Wir warnen schon lange, dass die Stoffe gefährlich sind“, sagt die BUND-Regionalbeauftragte Agnes Tillmann-Steinbuß, die es sehr bedauert, dass es keine Grenzwerte gibt. „Wir fordern, dass die Behörden schnell reagieren und verhindern, dass die Stoffe überhaupt in die Umwelt gelangen“, sagt sie. Für Bitburg gibt es zwar nun Pläne, belastetes Erdreich abzugraben und in einem extra dafür errichteten Gebäude zu lagern. Wann das passieren soll, ist jedoch offen. Und völlig unklar ist, wie das Problem rings um Spangdahlem gelöst werden soll. Immerhin: Gemäß dem Stockholmer Übereinkommen werden die beiden gefährlichen Substanzen 2020 weltweit verboten.

Mehr von Volksfreund