Schlagstöcke gegen die Unabhängigkeit

Schlagstöcke gegen die Unabhängigkeit

Polizei, die auf friedliche Bürger losgeht - In Katalonien wurde das beängstigende Szenario Wirklichkeit.

Barcelona (dpa) Es sind erschreckende Bilder, die am Sonntag aus Spanien um die Welt gehen. Polizei mit schwerer Stoßtrupp-Ausrüstung auf den Straßen Kataloniens. Um neun Uhr morgens beginnt der Einsatz der "Guardia Civil". Vor mehreren Wahllokalen gehen die Beamten rabiat auf Bürger los, treten sie, reißen sie an den Haaren und schleifen sie über den Boden. Später sollen vereinzelt auch Gummigeschosse und Schlagstöcke eingesetzt worden sein - alles, um das von der Justiz und von der Zentralregierung in Madrid verbotene Unabhängigkeitsreferendum in der aufmüpfigen Region zu blockieren.
"Einen Krankenwagen! Einen Krankenwagen!", ruft eine junge Frau vor einem Wahllokal und hält eine ältere Frau in den Armen, die heftig am Kopf blutet. "Als die Menschen deutlich machten, dass sie sich nicht vom Wahllokal wegbewegen würden, haben sie uns mit Schlagstöcken attackiert", sagt ein Katalane vor der Schule "Ramon Llull" in Barcelona. "Den Hass in ihren Augen werde ich nicht vergessen. Sie haben auch Alte und Kinder angegriffen, es war ihnen egal." Die Bilanz der Regionalregierung am Nachmittag: mehr als 460 Verletzte.
Videos mit Aufnahmen der Polizeigewalt machen schnell auch außerhalb Spaniens die Runde und sorgen den ganzen Tag über für erhitzte Diskussionen zwischen Befürwortern und Gegnern der Volksbefragung. Die Bilder von blutüberströmten Gesichtern, schreienden Kindern und prügelnden Sicherheitskräften könnten Ministerpräsident Mariano Rajoy nun zum Verhängnis werden, denn seine konservative Minderheitsregierung hatte die Sicherheitskräfte entsandt - und offenbar zum harten Durchgreifen aufgefordert.
Sogar entschiedene Gegner des Referendums und der Unabhängigkeit schüttelten angesichts des brutalen Vorgehens entsetzt den Kopf. Einer der angesehensten Fernsehjournalisten Spaniens, Jordi Évole, der die illegale Abstimmung bisher scharf kritisiert hatte, postete auf Twitter: "Diejenigen, die sich diesen Plan zur Verhinderung des Referendums ausgedacht haben, wissen womöglich nicht, dass sie vielleicht den endgültigen Weggang Kataloniens eingeleitet haben."
Der einflussreiche Chef der katalanischen Sozialisten (PSC), Miquel Iceta, ebenfalls ein Gegner der Separatisten, rief Rajoy und auch Puigdemont zum Rücktritt auf, "wenn sie es nicht schaffen, die Normalität wiederherzustellen". Der "inakzeptable" und "unverhältnismäßige" Polizeieinsatz müsse sofort eingestellt werden, forderte er. Auch dem früheren Barcelona-Star Xavi platzte der Kragen. "Was heute in Katalonien passiert, ist eine Schande", erklärte der sonst zurückhaltende Fußball-Weltmeister von 2010.
Rajoy, der bis zuletzt jeden Dialog mit den Separatisten abgelehnt hatte und sich am Sonntag bis zum Nachmittag nicht öffentlich blicken ließ, war zuvor schon sogar von der regierungsnahen konservativen Zeitung ABC gewarnt worden: Der Ministerpräsident werde den Kopf hinhalten müssen, falls es in Katalonien schieflaufen sollte.
Die Katalanen reagierten unterdessen geschockt, aber gewaltlos. Immer wieder stimmten sie Lieder und Sprechchöre an, hoben ihre Hände über den Kopf und umarmten sich. Der Tenor: "Votarem!" -"Wir werden wählen" auf Katalanisch, so oder so. Denn schon lange hatte sich ein Großteil der Bevölkerung eine Volksbefragung über die Abspaltung der wirtschaftsstarken Region gewünscht - und das, obwohl nicht einmal die Hälfte der Bürger wirklich für die Trennung ist. Es geht vor allem um das Recht, selbst und ohne Einmischung aus dem vermeintlich "korrupten" Madrid darüber abzustimmen.
Vor einem anderen Wahllokal in der sonst so weltoffenen Metropole Barcelona kommt ein junger Mann weinend und mit zerrissenem Hemd auf Journalisten zu. Er hat überall blaue Flecken am Körper, wurde von der Polizei niedergeknüppelt. "Dabei wollte ich bei dem Referendum mit "Nein" stimmen. Wir wünschen uns nur Demokratie", sagt er erschüttert.

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