Schmutziger Endspurt

Washington. Rapider Verfall von Anstand im amerikanischen Kongress-Wahlkampf: Beim Stimmenfang schenken sich die Kandidaten nichts.

Als es um seine Konkurrentin Hillary Clinton ging, machte der New Yorker Senats-Kandidat John Spencer aus seinem Herzen keine Mördergrube. "Ich verstehe nicht, wie Bill sie heiraten konnte, so wie sie früher aussah. Sie muss Millionen für Arbeiten an ihrem Aussehen ausgegeben haben", vertraute der Republikaner einem mitreisenden Reporter an. Im Clinton-Lager gab es erwartungsgemäß einen Aufschrei der Empörung - und ein Dementi: Die frühere First Lady, der starke Ambitionen auf die nächste Präsidentschaft nachgesagt werden, habe keinesfalls Geld in Schönheitsoperationen investiert. Als kürzlich der unter Parkinsonscher Schüttellähmung leidende Hollywood-Star Michael J. Fox sich in zwei Videos für zwei Demokraten einsetzte, die unter anderem die höchst umstrittene Stammzellen-Forschung unterstützen, höhnte der prominente konservative Radiomoderator Rush Limbaugh angesichts der nicht zu übersehenden Symptome der Krankheit: "Entweder hat er seine Medizin nicht genommen, oder er schauspielert." Später entschuldigte sich Limbaugh, beharrte aber darauf, dass Fox seine Krankheit für den Wahlkampf instrumentalisieren lasse. Beflügelt vom Umstand, dass Prognosen einen denkbar knappen Ausgang für den Wahlabend des 7. November prophezeien, die Demokraten im Aufwind scheinen und die Bush-Partei sowohl den Senat wie auch das Repräsentantenhaus verlieren könnte, zählt für die Kandidaten jede Stimme - und die wird immer öfter mit unsauberen Mitteln umworben. Am Wochenende eskalierte der Streit zwischen dem republikanischen Senator George Allen (Virginia) und seinem demokratischen Herausforderer Jim Webb, die Umfragen zufolge gleichauf liegen. Allens Hauptquartier versandte eine Pressemitteilung, in der genüsslich Passagen aus Romanen aufgelistet sind, die Webb, ein 60-jähriger Vietnam-Veteran und Hobby-Autor, früher verfasst hatte. In den Erzählungen kommen unter anderem eine Stripperin vor, die eine Banane in ihre Vorstellung integriert, und ein Vater, der mit seinem Sohn intim wird. Bush-Parteifreund Allen hält dies für "höchst beunruhigend" im Hinblick auf einen Kandidaten, der die "Familien in Virgina repräsentieren will". Doch der so Attackierte brauchte nicht lange, um zurückzuschießen: Er wies darauf hin, dass der Republikaner kürzlich einen Mann indischer Abstammung als "Makaken", also Affen, beschimpft hatte, als dieser Allen bei einem Wahlkampfauftritt filmte. Und: Allen habe früher seine Schwester - laut deren Memoiren - an den Niagara-Fällen über eine Reling baumeln lassen. Attacken ohne Tabus

Das Waschen schmutziger Familien-Wäsche auf der einen Seite, der Vorwurf sexueller Perversionen auf der anderen - den Kandidaten beider Parteien scheint kein Schlag unter die Gürtellinie tabu zu sein. In New York warfen Republikaner nach dem Studium von Telefonlisten kürzlich dem Demokraten Michael Arcuri vor, er verschwende Spendengelder für Telefon-Sex. Doch die Attacke entpuppte sich als Rohrkrepierer: Ein Mitarbeiter Arcuris hatte sich verwählt und gleich wieder aufgelegt. Kosten des Telefonates: Umgerechnet ein Euro. Kein Wunder, dass angesichts dieser Vorfälle die "Washington Post" jetzt urteilte: "Das Niveau des Wahlkampfs ist ins Bodenlose gesunken." Ron Kind, demokratischer Senator aus dem Bundesstaat Wisconsin und selbst Sex-Vorwürfen seines Gegners ausgesetzt, beschrieb die möglichen Folgen der Schlammschlacht: "Erst reißen wir uns in Stücke. Und dann sollen wir in Washington zusammenarbeiten?"