Schröder: Die Meinung längst gebildet

Schröder: Die Meinung längst gebildet

BERLIN. Als Bundeskanzler Gerhard Schröder am Montag die "Bild"-Schlagzeile las: "Kanzler in Not - Schmeißt er jetzt Eichel raus?", stieg neuer Ärger in ihm hoch. Seit Monaten sieht er sich von der Springer-Presse verfolgt und an den Pranger gestellt.

DesKanzlers Zorn auf die Bild-Zeitung war groß. Vor demSPD-Präsidium sprach er eine Reaktion in die Kameras, die inihrer Schärfe einzigartig ist: "Mit Journalismus hat das nichtsmehr zu tun, das ist reine Krawallmacherei. Mehr als Verachtunghabe ich dafür nicht übrig." Der Kanzler und die Medien, ein ewigjunges Thema. Der gleiche Gerhard Schröder, der seinen Aufstiegins Zentrum der Macht zu einem wesentlichen Teil auch denZeitungen und Magazinen verdankt, die ihn wohlwollend begleitethaben, sieht sich jetzt einer Medienlandschaft gegenüber, diekaum noch ein gutes Haar an ihm und seiner Regierungsmannschaftlässt. Eine Kampagne, glaubt Schröder und steht mit dieserMeinung nicht alleine: Die gesamte SPD-Spitze und die Grünen, derParteienforscher Prof. Peter Lösche und selbst Journalisten desHauses Springer sagen offen (letztere allerdings anonym), dassdie Chefetage der "Bild"-Zeitung "klar eine Kampagne" fährt. DasZiel: Ablösung der rot-grünen Bundesregierung. Schröder wie Bild haben Erfahrung in dieser Disziplin. Bereits vor zwei Jahren war es zum großen Knall gekommen, als der Kanzler eine Kampagne gegen die Koalition entdeckte, und zwar "von den gleichen Verlagen, die schon 1998 den Wechsel verhindern wollten". Er sehe da "eine abgesprochene Strategie", so Schröder damals, "abgesprochen zwischen der CDU und bestimmten Medien". Nun ist die "Bild"-Zeitung hinlänglich als journalistischer Grobschnitzer bekannt. Kurz nach der Kanzler-Schelte im Januar 2001 gab sie ihren vielen Kritikern ungewollt Recht, als sie ein Foto von Umweltminister Jürgen Trittin verfälschte, um ihn als gewalttätigen Chaoten zu brandmarken. Der bußfertige Frieden nach einer knappen Entschuldigung hielt nicht allzu lange. Immer wieder fuhr "Bild" schweres Geschütz auf. Mal wurden hauptsächlich rot-grüne Politiker als Bonusmeilen-Sünder geoutet, mal schoss sich das Blatt gegen Bundestagspräsident Wolfgang Thierse ein. Jetzt haben die "Bild"-Macher um Chefredakteur Kai Diekmann Finanzminister Hans Eichel auf dem Kieker.

Wer sparen will, wird zum Vampir

Nach seinen ersten Vorschlägen zum Sparpaket der Bundesregierung bildete ihn das Massenblatt als Vampir ab, der den Leuten das Blut (Geld) aus den Adern saugt. Seit Monaten wird immer mal wieder über seine Ablösung spekuliert, wobei die Zeitung gern Oppositionspolitiker mit der entsprechenden Forderung zu Wort kommen lässt. Doch Schröder denkt dem Vernehmen nach "nicht im Traum" daran, seinen "erfolgreichen Finanzminister" zu entlassen. Auch die Gerüchte über die Ablösung der Minister Ulla Schmidt (Gesundheit) und Otto Schily (Innen) seien frei erfunden, sagte Regierungssprecher Bela Anda. Im Finanzministerium glaubt man auch zu wissen, wie der "Bild"-Bericht zustande kam: Am Samstag auf dem Opernball in Frankfurt habe Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) mit "Bild"-Chef Kai Diekmann an einem Tisch gesessen, und Minister Eichel sei, so ein Ohrenzeuge, "mehrfach entsprechend thematisiert worden". Interessanterweise habe auch nicht die (eigentlich zuständige) Berliner Redaktion des Blattes den Bericht verfasst, sondern "ein bekannter Kollege", der im fernen Koblenz seinen Schreibtisch hat.

Gesundheitsministerin Ulla Schmidt, für "Bild" eine ernsthafte "Wackel-Kandidatin", reagierte am Montag indes gelassen. "Seit wann glauben Sie denn", beantwortete sie lapidar die Frage eines Journalisten, "was in der Bildzeitung steht?"

Mehr von Volksfreund