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Bildung: Schüler lernen mehr Sozialkunde

Bildung : Schüler lernen mehr Sozialkunde

Ministerin Hubig schafft dafür neue Lehrerstellen im Land. Nicht ohne Grund.

Wenige Tage ist es her, dass Henriette Kretz im Mainzer Landtag mit ihrer Geschichte allen Abgeordneten die Sprache verschlug. In einer Gedenkstunde für Opfer des nationalsozialistischen Terrors erzählte die Holocaust-Überlebende, wie Nazis ihre Eltern vor ihren Augen erschossen und wie sie sich selbst im Nonnenkloster versteckte.

Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) sagt, für die Demokratie sei es wichtig, wenn sich künftige Generationen mit Verbrechen der Nazidiktatur auseinandersetzten. In einer Regierungserklärung kündigt Hubig an, die demokratische Bildung im Land massiv ausbauen zu wollen, um sich gegen neu entflammenden Extremismus, Rassismus und Judenhass zu wehren. Mehr als vier Millionen Euro sollen zusätzlich pro Jahr in Demokratiebildung fließen.

An den Schulen weitet das Land dabei den Sozialkundeunterricht aus. Dieser soll künftig ein Jahr früher – und damit in der achten Klasse – starten. Ab dem Schuljahr 2020/21 sollen Lehrer das Fach zwei Stunden häufiger pro Woche unterrichten. Oberstufen-Schüler sollen Sozialkunde nicht mehr abwählen können. Hubig geht davon aus, dass Schüler bis zur zehnten Klasse künftig 70 zusätzliche Stunden Sozialkunde haben. Rund 50 Lehrerstellen stelle das Land dafür bereit.

CDU-Fraktionschef Christian Baldauf spricht von einem „Bohren dicker Bretter“. Die Union habe bereits 2010 für mehr Sozialkunde an Schulen gekämpft. Zugleich kritisiert er Unterricht durch fachfremde Lehrer. Die Deutsche Vereinigung für Politische Bildung spricht von einer „historischen“ und „überfälligen“ Entscheidung der Ministerin. Allein bei Gymnasien lag Rheinland-Pfalz danach bei Sozialkunde-Stunden nur vor Bayern und Thüringen.

Ferner kündigt Hubig an, dass alle Jugendlichen im Laufe ihres Schullebens mindestens einmal einen Gedenkort besucht haben, der an NS-Verbrechen erinnert. Ab 2020 will das Land wieder einen Schüleraustausch mit Israel anbieten. Hubig nennt es ein Problem, wenn Schüler „Jude“ als Schimpfwort gebrauchten. Baldauf, der hinterfragt, warum Mittel zum Schüleraustausch in den vergangenen zehn Jahren von 250 000 Euro auf 156 800 Euro gesunken sind, betont ebenso den Wert demokratischer Bildung. Wie nötig die ist, zeigt am Mittwoch auch ein Zuhörer auf der Besuchertribüne des Landtags, der während der Debatte ein Magazin hochhält, das als stramm rechts gilt. Nur wenige Meter entfernt von Henriette Kretz, die ruhig die Reden gegen das politische Vergessen verfolgt.