Schule kein Hort der Gewalt

Schule kein Hort der Gewalt

Schlagzeilenträchtige Fälle von Gewalt in Schulen zeichnen laut Bildungsforschern ein falsches Bild. "Die Schule ist kein Hort der Gewalt", so die Mainzer Psychologin Inge Seiffge-Krenke.

Mainz. Zerstörerische, sadistische Gewalt in Schulen, die teilweise auch noch demonstrativ vor Zuschauern begangen oder gefilmt und ins Internet gestellt wird, sorgt zwar öfter für Aufsehen, gibt aber nach Erkenntnissen von Wissenschaftlern kein realistisches Bild wieder. Auch wenn Aggression keine Randerscheinung in den Schulen ist, bleibt die brutale, quälende Gewalt die Ausnahme mit drei bis fünf Prozent der Übergriffe, wie Psychologie-Professorin Seiffge-Krenke bei einer Fachtagung der Universität Mainz erläuterte. International liegt dieser Wert mit fünf bis sieben Prozent höher.Die extreme Form der Gewalt geht vor allem von Jungen gegenüber schwächeren, wenig selbstbewussten Mitschülern aus und wird oft als aggressives "Theater" regelrecht vor Zuschauern inszeniert. Den Angreifern fehlt es laut wissenschaftlichen Studien keineswegs an Intelligenz, doch kämpfen sie um nicht vorhandene soziale Anerkennung. Könnten die passiven Mitschüler bei solchen Gewaltexzessen zum Einschreiten mobilisiert werden, wäre nach Einschätzung der Forscher mehr als jeder zweite Vorfall zu vermeiden. Die Ursachen dieser Gewalt hängen oft mit nicht intakten Familien und Existenznöten zusammen.Das eigentliche Problem von Gewalt an Schulen ist laut Seiffge-Krenke die Zunahme weniger Intensivtäter. Insgesamt ist die Aggression im Vergleich etwa zu den 70er Jahren nur leicht gestiegen. Rund ein Drittel der Fälle machen normale Aggression und Rangeleien aus, die aus Sicht der Psychologin keineswegs immer negativ zu sehen sind, weil es dabei auch oft um Abwehrverhalten, Schutz oder die Ahndung von Regelverstößen ohne irgendwelche Gruppeneinflüsse geht. Mehr als die Hälfte der Aggression findet über verbale Attacken bis hin zum Mobbing statt. Dabei spielen vor allem pubertierende Mädchen eine Rolle. Auch in diesem Feld sieht die Psychologin neben Ausgrenzung und Kränkung nicht nur negative Seiten. "Beziehungsaggression" könnte auch Bindungen unter Mädchen stärken. Aggressionen sind für die Wissenschaftlerin Teil des Lebens. Verhindert werden müsse, sie in Zerstörung auszuleben. Mit dem Ausbau von Streitschlichter-Projekten in der Schule, "Faustlos"-Programmen bereits in Kindergärten und Elternarbeit kann laut Seiffge-Krenke gegengesteuert werden.

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