Schum-Stätten in Speyer, Worms und Mainz sollen Weltkulturerbe werden

Kultur : Schum-Stätten in Worms, Mainz, Speyer: Das rheinische Jerusalem soll Weltkulturerbe werden

Trierer haben intensiv daran mitgewirkt – jetzt ist der Antrag unterzeichnet: Jüdische Stätten in Speyer, Worms und Mainz sollen Unesco-Schutz erhalten.

Uralte, moosbewachsene Grabsteine mit hebräischen Inschriften zeugen von der Geschichte, Sy­nagogen, deren Bauweise weltweit kopiert wurde und auch mit Wasser gefüllte Steinbecken, in denen sich Juden rituell reinigten. Diese Zeugnisse jüdischen Lebens in Speyer, Worms und Mainz sollen Weltkulturerbe werden – den Antrag für die Unesco unterzeichnete Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) am Montag in der Neuen Synagoge in Mainz. „Ich hoffe, dass wir dieses Ziel im Sommer 2021 erreichen“, sagte die Triererin.

Am 23. Januar soll das mehr als 1000 Seiten mächtige Dokument in Paris der Unesco übergeben werden. Die historischen Schum-Stätten – benannt nach den hebräischen Anfangsbuchstaben der drei Städte: Schin für Schpira (Speyer), Waw für Warmaisa (Worms) und Mem für Magenza (Mainz) – umfassen die jüdischen Friedhöfe in Worms und Mainz und die Synagogenbezirke in Speyer und Worms. Zu diesen gehören auch mittelalterliche Mikwen, also Ritualbäder.

Trierer Wissenschaftler haben intensiv an dem Antrag mitgearbeitet. Unter ihnen Dr. Christoph Cluse vom Arye Maimon-Institut für Geschichte der Juden an der Universität Trier. Aufgabe des Instituts war es, einen Überblick zur Geschichte der Bauten und Friedhöfe zu liefern. Über Jahre hinweg haben die Wissenschaftler mehr als tausend Dokumente ausgewertet, darunter Grab- oder Stifterinschriften, die Auskunft darüber geben, wie sich die jüdischen Gemeinden entwickelt haben.

Aber warum sind die steinernen Überreste so außergewöhnlich, dass man sie für die Weltgemeinschaft erhalten sollte? „Viele Dinge sind hier zum ersten Mal greifbar“, erklärt Cluse. Die mit zwei beziehungsweise drei Hektar erstaunlich großen jüdischen Friedhöfe von Mainz und Worms seien nicht nur die ältesten, sondern auch die am besten erhaltenen. In den meisten anderen Städten seien die jüdischen Gräber längst überbaut. Und die Art, wie man die Synagogen der Schum-Städte entwarf – mit ihren benachbarten Frauensynagogen und Ritualbädern – wurde zum Modell für zahllose Folgebauten. „Vieles taucht hier zum ersten Mal auf“, sagt der Trierer Wissenschaftler, der daher zuversichtlich ist, dass der Antrag Erfolg hat.

„Die drei eng miteinander verbundenen jüdischen Gemeinden beeinflussten im Mittelalter maßgeblich die Kultur, die liturgische Dichtung und das religiöse Recht des Judentums in Mittel- und Osteuropa“, sagt Dreyer. Die kulturelle Blüte zeuge von einem außergewöhnlichen Kulturtransfer zwischen christlicher Mehrheitsgesellschaft und jüdischen Gemeinden. „Heute muss sie uns Mahnung sein, die kulturelle Vielfalt als gemeinsame, große Chance zu sehen.“ Wenn heute jüdisches Leben angegriffen werde, sei es umso wichtiger, das Bewusstsein für das jüdische Erbe am Rhein lebendig zu halten.

Der Antrag  besteht aus zwei Teilen. Auf 600 Seiten wird der außergewöhnliche universelle Wert der jüdischen Stätten am Rhein dargelegt. Dieser „Outstanding Universal Value“ ist Voraussetzung für die Aufnahme ins Welterbe. In einem 400 seitigen Management-Plan wird erklärt, wie die Stätten dauerhaft gesichert und für die Öffentlichkeit erschlossen werden sollen. Dreyer wies darauf hin, dass die touristische Erschließung auf die religiösen Belange der jüdischen Gemeinden Rücksicht nehmen müsse. Diese Balance sei gut gelungen.

Das jüdische Ritualbad Mikwe in Mainz. Foto: picture alliance / SchUM-Städte/SchUM-Städte e.V.
Ein Chanukkaleuchter in der Wormser Synagoge.  . Foto: picture alliance/dpa/Uwe Anspach

„Ich wünsche mir sehr, dass die Touristen nicht nur zu den Schum-Stätten kommen, um alte Steine zu fotografieren, sondern dass ihnen diese Steine etwas sagen, das sie ihn ihrem Herzen mitnehmen können“, sagte die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Mainz, Anna Kischner. Wenn sie sehe, wie Talmud-Schüler vor den Gräbern mittelalterlicher Rabbiner im Gebet versunken seien, werde deutlich: „Schum lebt.“ Die Gemeindevorsitzende sagte, ihre Familie sei aus Moldawien nach Mainz gekommen – „von der deutschen Regierung eingeladen, damit das Judentum nach Auschwitz überhaupt eine Chance hat“.