Schwierige Wahrheitssuche

TRIER. Eine 29-jährige Frau steht seit gestern vor der großen Schwurgerichtskammer. Die Anklage wirft ihr vor, ihren zwei Monate alten Sohn in ihrer Wohnung in Nittel (Kreis Trier-Saarburg) so heftig geschüttelt zu haben, dass der Säugling an einem Hirntrauma starb. Die Angeklagte machte lediglich Angaben zur Person, nicht zur Sache.

Junge Eltern kennen, wenn sie ehrlich sind, diese Situation: Das Kind schreit und schreit, man hat alles versucht, weiß sich keinen Rat mehr. Irgendwann, nach der x-ten durchwachten Nacht, denkt man: Noch einmal Schreien, dann werfe ich es zum Fenster raus. Natürlich tut man es nicht, im Gegenteil: Man schämt sich für den Gedanken. Und es gibt Partner, Freunde, Eltern, Ratgeber, die einem aus dem Tief heraushelfen. Und irgendwann geht es dann auch wieder.Tanja F. hat ihr Kind nicht aus dem Fenster geworfen. Aber sie hat den zwei Monate alten Sven nach Auffassung der Anklage zu Tode geschüttelt. Aus Wut, Verzweiflung, Ärger? Selbst Staatsanwalt Eric Samel spricht beim Verlesen der Anklageschrift von "nicht abschließend geklärten Umständen", Ausdruck einer gewissen Ratlosigkeit. Aber die entsteht auch, weil Tanja F. auf Rat ihrer Verteidigerin bis auf weiteres keine Aussagen zur Sache macht.

Blass, klein, manchmal fast kindlich wirkend, sitzt sie auf der Angeklagtenbank und bemüht sich, die Fragen der Vorsitzenden Petra Schmitz zu ihrer Person zu beantworten. "Einfach gestrickt" nennt ihre Verteidigerin sie, und niemand widerspricht. In drei Sätzen fasst sie ihren Lebenslauf zusammen, immerhin 29 Jahre. "Meinen Sie, das war's schon?", fragt die Vorsitzende ungläubig. Aber was soll man viel erzählen, wenn die Mutter gestorben ist, als man sieben war, es mit dem Vater nur Krach gab und dann Pflegefamilien, Wohngruppen, Sonderschule kamen? Wenn man sich als Teenager die Arme aufgeschlitzt hat und im Hintergrund der Verdacht sexuellen Missbrauchs wabert?

Tanja F. hat trotz allem einiges geschafft, wie sie dann doch zögerlich erzählt. Einen Sonderschulabschluss, eine abgeschlossene Lehre als Hauswirtschafterin, Jobs als Küchenhilfe und Zimmermädchen. 2002 heiratet sie, genau am 13. Juli. Das Datum hat sie in ihr Gedächtnis eingekerbt, wenn es auch sonst mit Zahlen völlig auf Kriegsfuß steht. Später hat man gemeinsam in Nittel eine Bruchbude gekauft, ein Haus zum symbolischen Preis von einem Euro.

Irgendwann muss dann die Katastrophe begonnen haben. Es klappt nicht mit dem geplanten Renovieren des Hauses, man haust in einem Provisorium. Langsam verkommt alles, zum Ärger der Nachbarn. "Vermüllt und versifft" beschreibt der Sozialarbeiter von der Kreisverwaltung den Zustand des Anwesens, freilich gebe es "noch viel schlimmere Fälle".

Die Verwaltung kommt einen halben Tag zu spät

Tragischerweise kommt die Hygiene-Truppe vom Amt, durch einen Hinweis alarmiert, genau am Nachmittag jenes Tages, an dem der kleine Sven morgens gestorben ist. Ein paar Stunden früher, und das Kind könnte noch leben. Es gibt viele unglückselige Umstände in diesem Fall, der ein unschuldiges Kind das Leben gekostet hat, bevor es richtig beginnen konnte.

Was genau am Morgen des 12. Dezember 2005 passiert ist, bleibt im Dunkeln, zumindest am ersten Prozesstag. Fest steht, dass Tanja F. um die Mittagszeit zunächst ihren Mann auf der Arbeit und dann den Notruf alarmiert, der kleine Sven rühre sich nicht mehr. Als das Kind kurze Zeit später im Mutterhaus ankommt, kann nur noch der Tod festgestellt werden. Äußere Verletzungen oder Misshandlungsspuren sind nicht erkennbar.

Aufgrund der unklaren Umstände und der Verhältnisse in der Wohnung wird dennoch eine Obduktion angeordnet. Die Ärzte diagnostizieren massive Hirnblutungen, wie sie typisch sind für ein "Schüttel-Trauma", das innerhalb kurzer Zeit zum Tod des Kindes geführt hat. Und sie finden auch Spuren einer weiteren, ähnlichen Misshandlung einige Wochen zuvor.

"Mir ist alles über den Kopf gewachsen"

Die Polizei nimmt die Eltern fest, setzt den Vater aber rasch wieder auf freien Fuß, weil er zum Todeszeitpunkt bei der Arbeit war. Tanja F. bestreitet jegliches Schütteln, spricht aber bei der Polizei-Vernehmung davon, das Kind im Frust und der Verzweiflung über das aus ihrer Sicht mangelnde Engagement des Vaters vielleicht hart angefasst zu haben. "Mir ist alles über den Kopf gewachsen", sagt sie den Beamten. Und selbst im Nachhinein wirkt sie noch heillos überfordert.

Das Gericht hat nun die schwierige Aufgabe, den Tatvorgang möglichst genau aufzuklären, obwohl die einzige unmittelbare Zeugin schweigt. Auch wenn die Kammer zu der Auffassung kommt, die Mutter sei für den Tod des Säuglings verantwortlich, geht es um Details, die für die Bewertung der Straftat von enormer Bedeutung sind. Das Spektrum zwischen Mord, Totschlag, fahrlässiger Tötung oder Körperverletzung mit Todesfolge ist breit, entsprechend weit klafft das Strafmaß auseinander.

Die Kammer lässt sich Zeit, hat viele Zeugen geladen, unter anderem den Ehemann und seine Familie. Weitere Verhandlungstage sind für den 16., 19. und 20. Juni anberaumt.