"Sie hat ihn behandelt wie ein Tier"

"Sie hat ihn behandelt wie ein Tier"

TRIER. Viereinhalb Jahre nach dem Tod ihres damals einjährigen Sohnes hat vor dem Trierer Landgericht gestern der Prozess gegen die Eltern begonnen. Sie sollen den kleinen Jungen körperlich und seelisch misshandelt haben. Der kleine Richard starb laut Obduktion an den Folgen einer Infektion.

Kann eine Mutter ihren erstgeborenen Sohn fast schon abgöttisch lieben, ihm jeden Wunsch von den Lippen ablesen und erfüllen, während sie den zweiten Sohn vernachlässigt, ständig anbrüllt, schlimmer noch: hasst? Glaubt man den Aussagen einer ehemaligen Freundin der Angeklagten Michaela T., hatte die heute 27-Jährige damals tatsächlich zwei Gesichter. Damals, das war vor mehr als fünf Jahren: Michaela T. hatte gerade ihr zweites Kind bekommen, wieder einen Sohn."Mir sind Fehler passiert"

Die Schwangerschaft zuvor - für die junge Frau eine Belastung: "Ich musste viel liegen, hatte Blutungen, und bei der Geburt war innerlich alles aufgerissen", erzählt Michaela vor Gericht. Der kleine Richard, "ein gewünschtes Kind", wie sie sagt, "machte von Anfang an Probleme": Er habe häufig geschrien - "wegen der Blähungen", schlecht gegessen, und wenn doch, "es gleich wieder herausgebrochen". Ständig sei Richard deshalb beim Kinderarzt oder in der Klinik gewesen, "dann ging's eine Weile gut, bis alles wieder von vorne anfing". Stockend, meist nur wenige Worte am Stück herausbringend, berichtet die zierliche junge Frau von "dieser schwierigsten und unglücklichsten Zeit in meinem Leben", wie sie ihren Anwalt Walter Schneider sagen lässt. Was Michaela rückblickend als die schwierigste Zeit in ihrem Leben bezeichnet, muss für den kleinen Richard der Horror gewesen sein. Laut Staatsanwalt Volker Bewernick ist er vor allem von seiner Mutter monatelang seelisch und körperlich gequält worden: Mal soll die damals 22-Jährige ihren Sohn so brutal aus dem Laufstall gezogen haben, dass sein rechter Oberschenkel brach, mal ihm beim Wickeln die Beine gequetscht haben, dass das Kind vor Schmerzen schrie, mal derart große Brotstücke in den Mund gestopft haben, dass Richard daran fast erstickte. "Mir sind Fehler passiert", bricht es irgendwann aus Michaela heraus, "aber ich kann doch nichts dafür, weil mir keiner geholfen hat." "Sie wollte sich nicht helfen lassen", behauptet hingegen Michaelas ehemalige Freundin, die nach eigenen Angaben nie verstanden hat, warum die junge Mutter "so herzlos mit dem Kleinen umgegangen" sei: "Warum hasst Du das Kind so", habe sie Michaela damals gefragt, wenn Richard aus "Erziehungsgründen" etwa stundenlang an ihrem Stuhl stehen musste, während die Mutter auf seinen Händen saß. "Sie hat ihn behandelt wie ein Tier", sagt die Ex-Freundin vor ihrer eigentlichen Zeugenaussage den zahlreichen Journalisten. Uwe, ihr Ehemann, dagegen sei "ein Pfundskerl" gewesen, der sich zwar viel um den Kleinen gekümmert, "aber voll unter der Fuchtel seiner Frau gestanden" habe. "Sie war die dominierende Person", sagt Michaelas ehemalige Freundin, "sie hatte die Hosen an." Wer das angeklagte Ehepaar sieht, kann das kaum glauben: Es könnten Vater und Tochter sein, die im Saal 230 nebeneinander auf der Anklagebank sitzen. Der gelernte Maurer Uwe ist 17 Jahre älter als seine Frau, von kräftiger Statur, redselig. Groß der optische Kontrast zu der schmächtigen und eher wortkargen Michaela. Uwe hat den kleinen Richard an einem Märzmorgen vor vier Jahren tot in seinem Bettchen gefunden - da war der kleine Körper noch warm. "Was meinen Sie, wie ich mich noch heute fühle, wenn ich daran denke", sagt der Vater an die Adresse des Vorsitzenden Richters Jörn Schlottmann. Richard starb an einem Infekt von Lunge und Atemwegen, berichtet ein Rechtsmediziner. "Es war ein natürlicher Tod, keine Folge von Misshandlungen." Der Prozess wird am Dienstag fortgesetzt.

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