Sie nennen ihn Jupiter

Präsident Emmanuel Macron Macrons Lager gewinnt die erste Runde der französischen Parlamentswahl.

Paris (dpa) Er versprach eine Revolution. Und Emmanuel Macron ist auf gutem Weg, sein Werk zu vollenden. Der jüngste französische Präsident aller Zeiten hat die erste Runde der Parlamentswahl klar gewonnen. Nach einer ersten Hochrechnung lagen seine Partei La République en Marche und ihre Verbündeten am Sonntag mit mehr als 30 Prozent der Stimmen deutlich vor allen Wettbewerbern.
Die endgültigen Ergebnisse der Parlamentswahl wird es erst nach dem zweiten Wahldurchgang in einer Woche (18. Juni) geben. Frankreich steuerte beim ersten Wahlgang auf eine historisch schwache Wahlbeteiligung zu. Bis zum späten Sonntagnachmittag gaben rund 40 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab. Das war deutlich weniger als vor fünf Jahren.
Oppositionsparteien wie die konservativen Republikaner oder die rechtsextreme Front National (FN) von Marine Le Pen spielen bei dem Durchmarsch-Szenario für das Regierungslager nur noch Nebenrollen. "Wird Macron mit einer absoluten Mehrheit allmächtig?", fragen französische Medien mit bangem Unterton. Manche reiben sich die Augen: Es ist noch gar nicht so lange her, dass ein Sieg Le Pens bei der Präsidentenwahl als durchaus möglich angesehen wurde - und in ganz Europa für große Nervosität sorgte.
Der Herr des Élyséepalastes hat viel Macht, er kann etwa die Armee und Atomwaffen in Bewegung setzen. Lange vor seiner Wahl sagte der frühere Wirtschaftsminister und Ex-Investmentbanker, sein Land brauche einen "jupiterhaften" Chef. Seit Amtsübernahme im Mai wird der frühere Jesuitenschüler aus dem nordfranzösischen Amiens deshalb häufiger "Jupiter" genannt. Der war im alten Rom Chef aller Götter.
Mit einer Parlamentsmehrheit im Rücken kann der sozialliberale Staatschef Reformen in die Tat umsetzen, um sein Land gegen islamistischen Terror zu wappnen und die Wirtschaft in Schwung zu bringen. Frankreich leidet unter einer hohen Arbeitslosigkeit von zehn Prozent und einem hohen Schuldenberg von 96 Prozent der Wirtschaftsleistung.
Der 39-Jährige Senkrechtstarter setzte sich schon im Präsidentschaftswahlkampf über traditionelle Parteigrenzen hinweg. Sozialisten und die bürgerliche Rechte, die seit einem halben Jahrhundert die Geschicke des Landes bestimmten, bremste er aus.
In Macrons Regierung sitzen Vertreter verschiedener politischer Richtungen: Premier Edouard Philippe kommt von den Konservativen, Außenminister Jean-Yves Le Drian von den Sozialisten, Verteidigungsministern Sylvie Goulard vom Zentrum.
Die Kandidaten seiner Partei für die Wahlkreise stammen ebenfalls aus verschiedenen Lagern, viele von ihnen sind aber Politikneulinge. Im Süden des Landes kandidiert mit Marie Sara sogar eine frühere Stierkämpferin für die Macron-Partei.
Die absehbar riesige Gruppe von Präsidentenanhängern im Unterhaus sorgt für viele Fragen. Halten sie sich an die Parteidisziplin?, lautet eine davon. Die künftigen Parlamentarier müssten "aufmerksam betreut werden, um ein Durcheinander zu verhindern" - so zitiert das Enthüllungsblatt Le Canard Enchaîné den jungen Staatschef, der sich um jedes Detail kümmert.
Der Präsidentschaftswahlkampf war von Affären geprägt. Wegen der Beschäftigung seiner Frau im Parlament musste der konservative Anwärter François Fillon seine Ambitionen auf den Präsidentenjob begraben. Die Enthüllungen gehen weiter, betreffen inzwischen das Regierungslager, ohne dessen Wahlaussichten in deutlicher Weise zu schmälern. Es gibt Vorermittlungen der Staatsanwaltschaft zur Beschäftigung von Mitarbeitern bei Europaabgeordneten der MoDem-Partei. Wohnungsbauminister Richard Ferrand - ein enger Vertrauter Macrons - ist wegen einer Immobilienaffäre seit Wochen in den Schlagzeilen.