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Singen und Spazieren, aber nicht pflegen

Singen und Spazieren, aber nicht pflegen

Arbeitslose als Pfleger von Demenzkranken - dieser Vorschlag machte am Wochenende Schlagzeilen. Was steckt wirklich hinter der Idee? Was halten Träger von Pflegeheimen in der Region davon?

Trier. Auf dem Schreibtisch von Berthold Steffgen liegen bereits einige Bewerbungen von Arbeitslosen. Der Geschäftsführer des Seniorenheims "Zur Buche" in Konz sucht Mitarbeiter für die Betreuung seiner betagten Bewohner. Die Aufregung nach dem Bekanntwerden des Vorschlags der Bundesregierung, Arbeitslose als sogenannte Alltagshilfen in Seniorenheimen einzusetzen, kann Steffgen nicht nachvollziehen. "Der Bedarf dafür ist enorm", sagt der Pflegeheim-Chef. Außerdem werde durch die zusätzlichen Stellen, die über die Pflegekasse finanziert werden sollen, kein einziger bestehender Arbeitsplatz wegfallen. Denn die Arbeitslosen sollen nicht in der Pflege, sondern für die Betreuung der Heimbewohner eingesetzt werden, also etwa mit ihnen spazieren gehen oder singen und spielen. Steffgen hat bereits Gespräche mit der zuständigen Arbeitsagentur geführt. Von dort hat er dann die Bewerbungen einiger in Frage kommender Arbeitsloser erhalten. Es sei nicht so, dass Arbeitslose einfach zugewiesen würden. "Wir können uns geeignete Kandidaten aussuchen", sagt Steffgen.

Das Pflegegesetz sieht seit Juli ausdrücklich vor, dass zur Betreuung von Demenzkranken zusätzliche Betreuungskräfte eingesetzt werden dürfen. Das Bundesgesundheitsministerium geht davon aus, dass dadurch 10 000 neue Jobs in Pflegeheimen geschaffen werden. "Es sind jede Menge Zivildienststellen weggefallen, auch gibt es immer weniger Ehrenamtliche, die Alte betreuen", sagt Jürgen Dillmann, stellvertretender Leiter der Trierer Arbeitsagentur. Es gebe auch unter den in seiner Agentur gemeldeten Arbeitslosen genügend, die sich für solche Betreuung eigneten, etwa Frauen, die früher schon einmal als Pflegerin gearbeitet hätten, oder Männer mit einer pädagogischen Ausbildung. "Es geht nicht darum, Pflegekräften den Job wegzunehmen", stellt auch Dillmann klar. Selbst der Deutsche Pflegeverband hat den Einsatz von Arbeitslosen für die Betreuung von Demenzkranken begrüßt. Vorraussetzung dafür sei aber, dass die Bewerber auch Interesse an dem Job hätten und nicht dazu gezwungen würden. Es sei entscheidend, dass motivierte, engagierte und sozialkompetente Menschen in Pflege-Einrichtungen arbeiteten, sagt auch Michael Schröder, der zuständige Abteilungsleiter beim Diözesan-Caritasverband in Trier. Der Verband ist Träger verschiedener Pflegeheime in der Region. Die Betreuer dürften auf keinen Fall für qualifizierte pflegerische Aufgaben eingesetzt werden, sagt Schröder. Außerdem, so der Pflegeexperte, müsse gewährleistet sein, dass die Träger der Einrichtungen darüber entscheiden könnten, welche Aufgaben von den Hilfskräften übernommen werden sollen. Kritischer sieht es hingegen Thomas Thiel. Der Vorstandsvorsitzende der Caritas-Trägergesellschaft ctt, die 20 Pflegeheime in Rheinland-Pfalz und im Saarland betreibt, bezeichnet zwar die Idee, Arbeitslose als Betreuer für Demenzkranke einzusetzen, als "nicht schlecht". Aber: "Dadurch wird das Problem, mehr Qualität in die Pflege zu bekommen, nicht gelöst." Der Politik gehe es nur darum, die Arbeitslosenquote zu bereinigen: "Quantität geht mal wieder vor Qualität." Während Sachsens Arbeitsminister Thomas Junk gegen die Pläne der Arbeitsagentur ist, begrüßt seine Parteifreundin, die Mainzer Sozialministerin Malu Dreyer (SPD), den Vorschlag. "Das ist eine neue Chance für jobsuchende Frauen", sagte Dreyer unserer Zeitung.