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So lebt es sich mit Hartz IV

So lebt es sich mit Hartz IV

TRIER. Viel ist in diesen Tagen von Armut die Rede, von Menschen in prekären Lebenssituationen. Der TV hat eine Triererin begleitet, die versucht, ihren beiden Kindern trotz Hartz-IV-Bezugs ein möglichst normales Leben zu bieten – und dabei von der Rechtslage ausgebremst wird. Sie soll aus ihrer Wohnung ausziehen, weil sie zu teuer ist.

Zwei Kinderzimmer, eine Wohnstube, in der die Mutter schläft, ein Bad ohne Fenster, eine kleine Küche: Wer Ulrike Müller, die in Wirklichkeit anders heißt, in der 83-Quadratmeter-Wohnung im Uniwohngebiet besucht, käme kaum auf den Gedanken, dass das Zuhause zu groß oder zu luxuriös für sie und die beiden Kinder sein soll. 80 Euro mehr sind nicht drin

Die Rechtslage ergibt ein anderes Bild: Mit 457 Euro liegt der Mietpreis rund 80 Euro über dem, der als angemessen gilt. 80 Euro, die Ulrike Müller vom 1. Januar 2007 an von den Hartz-IV-Leistungen abzweigen müsste - ein Ding der Unmöglichkeit, wie die Frau Anfang 40 sagt. Die Alternative: Sie zieht mit ihren Kindern Andy, der zur Grundschule geht, und Jenny (alle Namen geändert), die ein Gymnasium besucht, in eine günstigere Wohnung. Eine Wahl zwischen Pest und Cholera für Ulrike Müller, der die Situation sichtlich Kummer bereitet. Vor ihrem Umzug habe man ihr beim Sozialamt in ihrem damaligen Wohnort gesagt, sie könne sich in Trier eine Bleibe bis 90 Quadratmeter zu je fünf Euro Kaltmiete suchen. Als ihr über Beziehungen ihre jetzige Wohnung angeboten wurde, schätzte sie sich glücklich: Trotz der schwierigen finanziellen Situation konnte sie ihren Kindern eine gute Adresse und ein intaktes Umfeld bieten. Viele Nachbarn sind inzwischen zu Freunden geworden und unterstützen die Familie. Die Kinder haben sich an ihren Schulen gut eingelebt; Andy, der zeitweise auffällig war, ist auf einem guten Weg. Monatelang zahlten erst das Sozialamt, dann die Nachfolgebehörde Arge anstandslos die Miete. Doch plötzlich erhielt Familie Müller Post: Sie müsse sich eine günstigere Unterkunft suchen, teilte die Arge mit. Seither kämpft Ulrike Müller dafür, in ihrer Wohnung bleiben zu können. Sie fühlt sich von der Arge ungerecht behandelt, berichtet, von Sachbearbeitern abgewiesen und ausgelacht worden zu sein. Die Triererin hat den Bürgerbeauftragten des Landes eingeschaltet, die Justiz bemüht. Und erreicht, dass die Arge ihr inzwischen einen höheren Miet-Zuschuss zugesteht - aber eben 80 Euro weniger, als die Wohnung kostet. Zunächst ging Müller davon aus, die Arge habe auch die neue Summe falsch berechnet. Vom TV darauf angesprochen, bat Arge-Geschäftsführerin Marita Wallrich Ulrike Müller zum Gespräch. Ergebnis: Es lag ein Missverständnis vor - Müller hatte den Mietspiegel der Stadt Trier zu Grunde gelegt, während die Arge mit niedrigeren Preisen kalkuliert. Nicht alle Vorwürfe ließen sich klären. Dass die Arge 75 Quadratmeter als Obergrenze einer angemessenen Wohnung für die Müllers ansetzt, während in einem Gerichtsbeschluss von "75 bis 80 Quadratmetern" die Rede ist, blieb ebenso im Raum stehen wie der Vorwurf, eine Klassenfahrt von Jenny sei erst genehmigt worden, als die Reise bereits begonnen hatte. Wäre zwischenzeitlich nicht eine Kirchengemeinde eingesprungen, hätte das Kind zu Hause bleiben müssen. Was die Wohnung betrifft, baute Arge-Chefin Wallrich den Müllers Brücken: Die Arge zahle den Umzug, erklärte sie. Alternativ schlug sie vor, die Mutter könne einen Ein-Euro-Job annehmen und die Mietdifferenz von dem dort verdienten Geld bezahlen. Und wenn ein Gutachter bescheinige, dass ein erneuter Umzug Andys Entwicklung schade, überdenke man die Umzugs-Aufforderung noch einmal. Gleichzeitig machte Wallrich deutlich, dass die Arge Steuergelder verteilt und deshalb nicht einfach ein Auge zudrücken kann. Ulrike Müller, die neben dem Abitur zwei Berufsausbildungen hat und wegen der Betreuung ihrer Kinder und einer Krankheit zur Hartz-IV-Empfängerin wurde, trösten Wallrichs Angebote wenig. Ein entsprechendes Gutachten zu bekommen sei ebenso aussichtslos wie ein Ein-Euro-Job mit Aussicht auf Weiterbeschäftigung, meint sie. Und kann die Tränen nicht unterdrücken.