So verändert der Hochmoselübergang die Verkehrsströme (oder auch nicht)

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Das Ziel, eine bessere Verbindung zwischen Rotterdam, Antwerpen und dem Rhein-Main-Gebiet herzustellen, erreicht er jedenfalls nicht.

Jahrzehntelang war er kaum mehr als eine Vision, dann jahrelang eine der größten Baustellen Europas. Nun ist der Hochmoselübergang fertig. Und noch immer kommt es vielen unwirklich vor, sich ins Auto zu setzen und auf der autobahnähnlichen Straße in sanften Schwüngen unter Wildbrücken hindurch bergab zu gleiten bis sich das Moseltal öffnet, wo eine riesige Brücke es nun so einfach macht, vom Hunsrück in die Eifel zu fahren. Pendler sind begeistert von dem entspannten Reisen. Unter ihnen Burkhard Born aus Kleinich, der sich über die freie Fahrt freut. „Ich bin überrascht, dass da so wenige LKW unterwegs sind“, sagt er.

Andere überrascht das nicht. Nicht die Bürgerinitiative Pro Mosel: Zwei Jahrzehnte lang haben die Aktivisten versucht, ihre Zweifel am Nutzen des Ganzen zu Gehör zu bringen. Und auch nicht Professor Rudolf Juchelka, der  das Großprojekt seit Jahren verfolgt. Der Essener Verkehrsgeograf hat nie damit gerechnet, dass LKW auf ihrem Weg durch Mitteleuropa plötzlich in Massen über den Hochmoselübergang fahren.

Denn Strecken und Fahrtzeiten sind größtenteils länger. Einzig von Brüssel oder Lüttich aus ist man nun schneller am Rhein als zuvor. Gebaut wurde das knapp eine halbe Milliarde Euro teure Stück B 50, um die großen Häfen Antwerpen und Rotterdam sowie die belgischen Ballungsräume mit dem Rhein-Main-Gebiet zu verbinden.

Die Grafiken zeigen, welche Routen Google Maps zur jeweiligen Zeit zwischen den genannten Orten vorschlug. Wer von Rotterdam nach Mainz wollte, bekam gestern Vormittag – als es kaum Stau gab – nicht einmal die Option angezeigt, über den Hochmoselübergang zu fahren. Da auch die Verkehrslage einfließt, können Routen und Fahrtzeiten zu anderen Tageszeiten anders ausfallen. So wurde um 15.30 Uhr alternativ die (immer noch deutlich längere) Strecke über die B 50 neu angezeigt: 480 Kilometer, 6 Stunden und 3 Minuten. Auf kürzeren Fahrten ist die neue Strecke meist von Vorteil. Foto: TV/Scheidweiler, Jonas

Der damalige Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer betonte 2013 im TV-Interview, der Bund habe eine besondere Verantwortung für den weiträumigen Verkehr. Deshalb sei der Hochmoselübergang von großer Bedeutung. Ex-Ministerpräsident Kurt Beck sagte 2009 beim Spatenstich zum zweiten Bauabschnitt, Rheinland-Pfalz solle sich einreihen in den „Reigen der europäischen Regionen“. Das sei nur möglich, wenn die Region angebunden sei.

Allerdings zeigt sich nun, dass die Route weder von Antwerpen noch von Rotterdam aus den kürzesten oder schnellsten Weg Richtung Mainz bietet. Trotz diverser Baustellen schlagen Routenplaner vor, die üblichen Autobahnen zu nutzen: Über Venlo beziehungsweise Aachen Richtung Kerpen und dann auf der A 61 über Koblenz nach Mainz (siehe Grafiken).

Das niederländische Verkehrsministerium teilt auf Anfrage mit, gute Verbindungen zwischen den Seehäfen und den ökonomischen Zentren Deutschlands seien wichtig. Der Hochmoselübergang habe jedoch keine direkte Verbindung mit dem niederländischen Straßennetz, daher könne man über dessen Nutzen nichts sagen.  

Für Spediteure ist die Sache ganz einfach. „Es geht um Kosten, Kosten, Kosten“, sagt Elmar de Bruin vom niederländischen Verband für die Transportbranche TLN. Jeder Kilometer zähle. Deshalb suche man vor jeder Fahrt die beste Route von A nach B. „Normalerweise ist das die Autobahn“, sagt de Bruin. „Aber es ist immer gut, wenn es eine Alternative gibt“, sagt er. Und eine solche könne der Hochmoselübergang im Falle großer Staus werden. Dann, wenn es sich lohnt, mehr für Diesel zu zahlen, um nicht stundenlang still zu stehen.

Und was sagen die Planer dazu, dass der Hochmoselübergang großräumig betrachtet gar keine Abkürzung ist? Die Antwort des Landesbetriebs Mobilität lautet: „Leider ist es für uns nur schwer möglich, die verschiedenen Routenplaner mit ihren Berechnungsalgorithmen und den hieraus generierten Routenvorschlägen nachzuvollziehen, da es sich ja um das Know-how der einzelnen Anbieter handelt.“  2008/2009 habe man für die lokal interessante Strecke zwischen Wittlich und der Hunsrückhöhenstraße einen Fahrzeitgewinn von rund 18 Minuten ermittelt.

Die Grafiken zeigen, welche Routen Google Maps zur jeweiligen Zeit zwischen den genannten Orten vorschlug. Wer von Rotterdam nach Mainz wollte, bekam gestern Vormittag – als es kaum Stau gab – nicht einmal die Option angezeigt, über den Hochmoselübergang zu fahren. Da auch die Verkehrslage einfließt, können Routen und Fahrtzeiten zu anderen Tageszeiten anders ausfallen. So wurde um 15.30 Uhr alternativ die (immer noch deutlich längere) Strecke über die B 50 neu angezeigt: 480 Kilometer, 6 Stunden und 3 Minuten. Auf kürzeren Fahrten ist die neue Strecke meist von Vorteil. Foto: TV/Scheidweiler, Jonas

Einen lokalen Fahrtzeitgewinn bestreitet auch niemand. Zweifellos sind Eifel und Hunsrück einander nun näher. Pendler profitieren davon. Firmen, die an der Strecke liegen oder Logistikunternehmen, die in der Region Waren ein- und ausladen ebenso. So freut sich Paul Winter von der Firma  Lorang mit Niederlassungen in Trier und Mertert sehr, dass der Hochmoselübergang fertig ist und 15 bis 20 seiner LKW so täglich Zeit und Sprit sparen.

Für Menschen, die von Bitburg zum Flughafen Hahn wollen, ist die neue Route die erste Wahl und für Trierer ist sie in etwa so schnell wie die Strecke über A 1 und Hunsrückhöhenstraße. Sobald 2020 das Autobahnkreuz Wittlich wieder Richtung Hochmoselbrücke geöffnet ist, dürften sich die Fahrtzeiten noch ein wenig verkürzen.

Die Grafiken zeigen, welche Routen Google Maps zur jeweiligen Zeit zwischen den genannten Orten vorschlug. Wer von Rotterdam nach Mainz wollte, bekam gestern Vormittag – als es kaum Stau gab – nicht einmal die Option angezeigt, über den Hochmoselübergang zu fahren. Da auch die Verkehrslage einfließt, können Routen und Fahrtzeiten zu anderen Tageszeiten anders ausfallen. So wurde um 15.30 Uhr alternativ die (immer noch deutlich längere) Strecke über die B 50 neu angezeigt: 480 Kilometer, 6 Stunden und 3 Minuten. Auf kürzeren Fahrten ist die neue Strecke meist von Vorteil. Foto: TV/Scheidweiler, Jonas

Daran, dass Rotterdamer und Antwerpener den Hochmoselübergang – der doch extra für sie gebaut wurde – links liegen lassen, dürfte das jedoch wenig ändern.